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Luhmann für Konservative?

Wenn gegenwärtig viel von Niklas Luhmann und von einer Renaissance seiner Theorie die Rede ist, liegt das zum einen an der vom Suhrkamp-Verlag edierten Edition des Nachlasses, der manchen Akzent der Systemtheorie schärft sowie an zwei jüngeren Sammlungen beziehungsweise Interviews, zum anderen aber wohl an der politisch-intuitiven Fühlung einer krisenbewußten Gegenwart.

In Bezug auf dieses Bewußtsein erscheinen manche Sätze des so genialen wie bescheidenen Verwaltungsjuristen, der sich sozusagen selbst akademisierte, geradezu aufregend treffend: „Die Politik muß, mit anderen Worten, in der Lage sein, einen eigenen unmittelbaren Kontakt zum Publikum herzustellen, dieses zur politischen Kommunikation heranzuziehen und Rollenmuster dafür bereitzustellen.“ Genau dies vermag die aktuelle Politik eben nicht!

In der Rückschau erstaunt, mit welcher nachdenklichen Distanz zum 68er-Furor und auf welch sympathisch uneitle Weise Niklas Luhmann seine Systemtheorie entwickelte und in der Kritischen Theorie, der die jungen Halbgebildeten nachliefen, nicht mehr erkennen konnte als eine etwas triviale tagespolitische Positionsbestimmung – aber eben keine veritable philosophische Schule.

Produktive Selbsterhaltung

Die in Mode geratene Kritische Theorie, maßgeblich in der Diktion von Jürgen Habermas, war ihm letztendlich nicht anspruchsvoll genug, um mehr inspirieren zu können als entweder diffuses Aufbegehren oder eben Resignation. In seinem Aufsatz „Niklas Luhmann und Jürgen Habermas – eine Phantom-Debatte“ konstatiert Norbert Bolz treffend, Habermas wäre lediglich „ein selbstbewußter Exponent der Reeducation“, von dem in fünfzig Jahren nichts Substantielles mehr übrig sei.

Blättert man noch einmal im 1984 erschienenen Luhmann-Klassiker „Soziale Systeme“, so finden sich dort Gedanken, die man den Beratern der Regierung als Gedankenstütze wünschte. So sieht Luhmann in der Gesellschaft ein soziales „selbstreferentielles System“, das, eingebettet in einer komplexen Welt, aus kontingenten Strukturen besteht, von denen sich keine Garantien für den eigenen Fortbestand herleiten lassen.

Handlungen, die ein System konstituieren, haben keine Dauer, sondern müssen durch das System selbst immer wieder reproduziert werden. Eine Bedingung dieser produktiven Selbsterhaltung läge darin, die Differenz zwischen System und Umwelt zur Bezugsgröße der eigenen Selbstreproduktion zu machen.

Traum vom philiströsen Wohlleben

Mit Blick auf die Gegenwart kann das langfristig nicht nur damit gewährleistet werden, sich den Globalisierungsinteressen von Kapital und Verbrauchern um jeden Preis anzudienen, indem man Krisen mit öffentlichen Mitteln wegfinanziert und Problemlösungen zweckoptimistisch verschiebt, sondern nur, indem aus dem kritischen Abgleich von System und Umwelt eine produktive Spannung erzeugt wird, die wirksames Handeln erst ermöglicht.

Nur ein Beispiel: Wenn sich eine Gesellschaft nur noch als Konstellation von Konsumenten versteht, deren Bedürfnisse vom nächsten Einkauf bis zur Komfortsicherung durch Rentengarantien politisch gesichert werden, ist sie weit entfernt von einem offenen und entwicklungsfähigen System, sondern träumt von einer illusionären Statik philiströsen Wohllebens.

Wenn der demokratische Diskurs sich nur noch als abstraktes Ideal beschrieben findet, aber kaum mehr substantiell, polemisch und kontrovers erfolgt, wenn ihm sogar die Teilnahme einer schweigenden aber nachdenklichen Mehrheit versagt bleibt, so leidet die Gesellschaft gewissermaßen an einer politisch-intellektuellen Stoffwechselerkrankung. Diese vergeht aber nicht einfach so, sondern bedarf der Therapie aus sich selbst heraus, um eine Sprachlosigkeit zu überwinden, die sich in gewerkschaftlichen Trillerpfeifenkonzerten ebenso legasthenisch kundtut wie in Politikerphrasen vom „Weiter so“.

Schöpferische Offenheit

Man wird nicht alle Probleme zugunsten aller Interessengruppen lösen können, aber man dürfte das selbstreferentielle Handeln der Gesellschaft dadurch erfrischen, daß man sich zur klaren Ausformulierung dieser Probleme entschließt und die Diskussion inhaltlich öffnet. Was nicht lösbar erscheint, das ist immer noch formulierbar, und die Provokation, die allein darin läge, wäre genau die Therapie, die die sedierte Gesellschaft zu ihrer Selbstreproduktion benötigte. System und Umwelt, das heißt nach wie vor: Wir und die anderen.

Die Bundesrepublik kann nur im Luhmannschen Sinne selbstreferentiell verfahren, wenn sie in diesem Verhältnis auch eine Spannung und nicht allein ein pauschales Gleichheitszeichen lauer Toleranzen erkennen mag. Konfrontation belebt! Wer dem politischen Konservatismus oder der politischen Rechten vorwirft, sie gefährde die offene Gesellschaft, vermeidet ja gerade in der Diskussion eine Offenheit, die schöpferisch wäre. Immerhin ist die Linke ja eingebunden, wenngleich deren gestischer Effekt deutlicher ist als der politische.

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