Literarisches Rattengift: Skandal als Immunisierung

„Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern vom Gift”
(George Bataille)

Jedes Rattengift läßt die Nager nur kurzfristig verenden. Schon bald, sehr bald haben die Nachkommen Immunität erlangt, fressen mit Genuß und ohne Reue den einst tödlichen Köder. Genau so funktioniert auch der Kulturbetrieb: Der entschlossenste Provokateur versetzt die Gesellschaft nur kurzfristig in Aufruhr, spätestens die nächste Generation besitzt Immunität, spricht den einstigen Unruhestifter heilig, besorgt mit überlegenen Lächeln die Mumifizierung in Schweinsleder-Ausgaben.

Sind ausreichend Abwehrstoffe produziert, wird der „Giftmischer" zum Klassiker. Aktueller Beleg für diese alte Binsenwahrheit ist der 100. Geburtsag von Jean Genet (1910 bis 1986) am vergangenen Sonntag. In den Vierzigern und Fünfzigern provozierte der französische Dichter mit seinem Entschluß, den Schrecken der Realität zu überwinden, in dem er nicht widerstand, nicht floh, sondern das Entsetzliche heilig sprach.

Selbst verbliebene Fragwürdigkeiten fegt man weg

Sein Traum von Glück? – Auf einem Planeten, dessen Schwerkraft ihn zu Boden drückt, in einer Atmosphäre aus Gas, die ihm das Atmen unmöglicht macht, in einem eisigen Tümpel, der ihn frieren läßt, langsam zu verenden. Eine ähnliche Glücksvision präsentierte später Herbert Achternbusch: So lange unter einer Eisschicht schwimmen, bis die Luft ausgeht.

Genets Roman- und Bühnenszenarien aus schönen Mördern, Henkern, madonnenhaften Huren und die Heiligung des Verrats schocken heute niemanden mehr, wirken wie nostalgischer Karneval. Was bleibt, ist die Schönheit seiner Sprache, die schon Cocteau, Picasso und Sartre faszinierte. Das spiegelten auch die aktuellen Geburtstagsporträts der Tageszeitungen: Selbst verbliebene Fragwürdigkeiten seiner Person fegte man lässig hinweg. Klar, der Jean ist einer von uns.

Ständig neue Formen für das Unerträgliche finden

Aber was genau beinhaltet diese Immunisierung? Machen wir uns nichts vor: Genets emotionale Extreme sind den Zeitgenossen genauso fremd wie den Vorfahren vor 50 bis 60 Jahren. Es ist die jeweilige Ausdrucksform, an die man sich gewöhnt. Das gilt für alle Provoklassiker, mögen sie Marquis de Sade, Artaud, Céline, Jünger oder sonstwie heißen. Deshalb muß man ständig neue Formen für das Unerträgliche finden.

Die Gesellschaft braucht kulturelle Giftattacken, nur so kann sie Immunisierung erlangen. Mag es der Masse der Scheintoten auch unbequem klingen: Die relative Freiheit der westlichen Welt ist (auch) Ergebnis eines dialektischen Prozesses von Provokation und Immunisierung.

Höllenkreis der Hysterie

Leider ist dieser Prozeß kein purer „Fortschritt”. Vielmehr werden, parallel zur Immunisierung, andere Dinge, die gestern noch als harmlos galten, plötzlich skandalisiert, dämonisiert, für hochgefährlich erklärt. Ein Tabu fällt, ein anderes richtet sich auf. Banales Beispiel: Bis vor wenigen Jahren war die Zigarrette festes Requisit in US-Filmen. Inzwischen können rauchende Schauspieler bereits einen Filmboykott auslösen.

Obwohl sie unzählige Giftattacken überlebte, gewinnt die Gesellschaft kein Vertrauen in ihre Immunisierungskapazität. Jeder aktuelle Giftanschlag wird als potentiell tödlich angesehen. So biegt sich der Immunsierungsprozeß zum Höllenkreis der Hysterie.

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