Ecce homo?

Die Gene sind nicht prädestinierend, jubelte der Spiegel vergangene Woche. Vorbei die Phantasie starrer Bausteine, die Gesundheit und Lebensdauer unrevidierbar festlegen. Vielmehr werde durch äußeren Einfluß auch deren Funktion verändert.

Keine Entschuldigung mehr für Dickleibigkeit, denn nicht Veranlagung, sondern falsche Ernährung sei eindeutig die Ursache. Die Gene sind allzeit bereit zur reuigen Umkehr. Diese biologische Elastizität findet sich leider nicht in den Hirnzellen des Spiegel-Autors. Denn der versteht die neue (genetische) Freiheit vor allem als Chance, sich restlos dem aktuellen Menschenbild zu unterwerfen. Fit, schlank, steril – so kann nicht nur, nein so muß jetzt jeder sein. Fotos moderner Plastikmenschen, in den Text integriert, unterstreichen diese Botschaft.

Nun darf man Zeitgenossen nicht überfordern. Es ist unvermeidlich, daß sie das aktuell propagierte Menschenbild für das einzig mögliche halten und beim Anblick des Wellness-Zombies beglückt „Ecce homo“ ausrufen. Phantasielosigkeit, Denkfaulheit und Statusangst bilden ein Amalgam, das sie jede Mode mitmachen läßt, sei sie ideologisch oder ästhetisch. Mögen die Trends auch mehrmals im Laufe eines Lebens wechseln. Subkulturen bieten keinen Ausweg, sondern wiederholen dieses Spiel nur im kleineren Kreis.

Geistiger Überbau des Imperiums

Daß die Wissenschaften aktuelle Welt- und Menschenbilder eifrig bestätigen, ist selbstverständlich. Schließlich sind deren Vertreter nichts als Zeitgenossen, die ihre Forschungsobjekte aus dem eigenen (Zeit-)Horizont heraus wählen und analysieren. So beschreibt die materialistisch orientierte Hirnforschung bevorzugt das Alltägliche, Durchschnittliche und Mittelmäßige. Ungewöhnliches, Rahmensprengendes wie zum Beispiel Psi-Phänome, fällt diskret unter den Tisch. So bestätigen sich Forschung und Weltbild wechselseitig aufs schönste.

Solche Herdentier-Tendenz wird heutzutage aber zum Problem. Denn eine Gesellschaft, die in zahlreiche Einzelteile zerfällt, fordert extreme Kreativität von den Lebensformen – so wie die Natur auf äußere Veränderung mit dem Ausprobieren neuer Gen-Varianten „antwortet“. Aber die kulturellen Mutationen lassen auf sich warten. So hatten die Linken als Reaktion auf Armut und Umweltzerstörung eine Alternativkultur kreiert, die nur eine „Second hand“-Variante der etablierten Gesellschaftsform war – und deshalb vom „Gegner“ abhängig blieb.

Um zu erkennen, welche Radikalität heutzutage nötig wäre, sollte man sich die Zeitenwende vor etwa 1.700 Jahren vergegenwärtigen, als die altrömische Kultur im Sterben lag. Viele Zeitgenossen, von Gesellschaftsform und geistigem Überbau des Imperiums nicht mehr angesprochen, ergriffen die Chance des neu entstehenden Christentums. Daraus bildete sich nicht nur die Szene der Ur- und Katakomben-Christen. Es brachte auch jene Heiligen hervor, die zu Lebzeiten, vor ihrer postmortalen Verklärung, ein Ärgernis waren.

Mut und Kompromißlosigkeit

Man bedenke nur: Jemand besorgt sich eine große Säule, stellt sie in der Wüste auf, sich selber oben drauf und harrt dort jahrelang aus, im Zwiegespräch mit Gott. Seltsam? So tat es Simon aus Syrien (?390 bis 459 n. Chr.). Oder Maria von Ägypten, eine Prostituierte im Alexandria des 3. oder 4. Jahrhunderts: Nach einem Bekehrungserlebnis in Jerusalem soll sie fast fünfzig Jahre in der Wüste gelebt haben, auf allen vieren kriechend wie ein Tier. Die permanente Sonnenstrahlung machte ihre Haut zum Panzer, die Nahrung bestand aus dem, was der unwirtliche Ort hergab. Wenn dem Menschen die Heiligkeit verschlossen bleibt, erreicht er sie vielleicht als Tier? – So oder ähnlich könnte ihre Frage gelautet haben.   

Wie indische Yogis stellten solche Heilige die Urfrage „Was ist der Mensch, was will, was braucht er?“ in radikalster Form, mit sich selbst als Versuchsobjekt. Weitab vom Menschenbild des zeitgenössischen „Mainstreams“ entwarfen sie neue Lebensformen, um zum Überzeitlichen, Ewigen zu gelangen. Heute, da wieder ein Umbruch bevorsteht, braucht man deren Experimente nicht zu wiederholen, wohl aber ihren Mut und Kompromißlosigkeit zur wiederholten (Ur-)Frage nach dem Menschen. Nur wenige so Entschlossene könn(t)en das Gesicht einer kommenden Epoche prägen.

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