Die Frage der Rechtschreibung

Wie Hundekot am Schuh – etwa so beliebt ist die Rechtschreibreform seit ihrer Einführung. Seit 1997 hat das Institut für Demoskopie in Allensbach (IfD) immer wieder die Einstellung der Deutschen zur Reform ermittelt (siehe IfD-Umfragen 6047, 7020, 7055, 7072 und 10019). Die Zahl der Befürworter erreichte im Jahr 2004 mit 13 Prozent einen nie mehr erreichten Höhepunkt und fiel dann wieder.

Es fällt auf, daß die Zahl der Gegner wuchs, je stärker über die Reform diskutiert wurde. Zwischen 2005 und 2008 stieg die Zustimmung nach der vorläufig letzten Reform der Reform wieder um einen Punkt von 8 auf 9 Prozent – ein Armutszeugnis, besonders für den Rat für deutsche Rechtschreibung, der die Reform heute verwaltet.

Viele Tageszeitungen haben sich um diese Umfragewerte nie gekümmert. Dabei hing die Berichterstattung über die Mängel der Reform stark davon ab, welcher Schreibweise ein Medium folgte. Hatte es auf Neuschrieb umgestellt, führte das gleichzeitig dazu, daß es die Berichterstattung über dieses Thema stark einschränkte. Leserbriefe wurden nicht mehr veröffentlicht, denn man betrachtete die Sache als erledigt.

Die Tageszeitungen übernahmen einen Großteil der Schreibweisen

Obwohl die Kultusminister die Schreibweisen nur für die Schulen verordnen dürfen, übernahmen die Tageszeitungen 1999 einen Großteil der reformierten Schreibweisen. Die Diskussion war damit zunächst abgewürgt – ein Umstand, der auch zur Gründung der Sprachwelt als Sprachrohr der Reformgegner beitrug.

Wie eine Befreiung wirkte es dann, als die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2000 bis 2006) und die Springer-Presse (2004 bis 2006) wieder zur traditionellen Rechtschreibung zurückkehrten. In meiner Löwenthal-Rede Ende 2006 sagte ich: „Mittlerweile ist die Verwendung der bewährten Rechtschreibung zu einem Ausweis für Unabhängigkeit und Pressefreiheit geworden.“

Inzwischen hat die Tagespresse auf die reformierte Reform umgestellt oder folgt einer eigenen Hausorthographie. Doch nach wie vor werden Zeitschriften und Bücher in traditioneller Rechtschreibung gedruckt, dazu gehört zum Beispiel ein Drittel der 15 Neuerscheinungen, die für den Preis der Leipziger Buchmesse 2010 benannt waren:

–  Jan Faktor: Georgs Sorgen um die Vergangenheit (Kiepenheuer & Witsch)

–  Lutz Seiler: Die Zeitwaage (Suhrkamp)

–  Anne Weber: Luft und Liebe (S. Fischer)

– Wolfgang Ullrich: Raffinierte Kunst (Klaus Wagenbach)

–  Abraham Sutzkever: Wilner Getto (Ammann)

Anspruchslose Bücher hingegen wie Helene Hegemanns „Axolotl Roadkill“ (Ullstein) erscheinen selbstverständlich in Reformschreibweise. Das weitere Nutzen der bewährten Qualitätsrechtschreibung ist jedoch richtig und wichtig, denn: „Einige müssen an der bis 1996 gültigen Schreibung festhalten, sonst gibt es eines Tages nichts mehr, woran man sich orientieren kann.“ Das meint jedenfalls der Dichter Reiner Kunze.

Die Leser sind gefragt

Was hat es nun zu bedeuten, wenn die Wochenzeitung JUNGE FREIHEIT in ihrer aktuellen Umfrage die Leser fragt, wie sie es finden, daß sie „weiterhin in der bewährten deutschen Rechtschreibung“ veröffentlicht (Frage 14)? Ist das etwa ein vorsichtiges Herantasten an den Abschied von der hergebrachten Schreibweise? Nein, das glaube ich nicht.

Auch die Sprachwelt hatte Anfang 2006 von ihren Lesern wissen wollen, ob sie die traditionelle Rechtschreibung beibehalten solle oder sich nach der Reformschreibweise in der Fassung von 2006 richten solle. Das Ergebnis war eindeutig und entsprach den repräsentativen Allensbach-Messungen: Für die bisher verwendete, unreformierte Schreibweise entschieden sich 88,5 Prozent, für die vom Rechtschreibrat reformierte Reform lediglich 11,5 Prozent der Leser.

Allein dafür, daß wir die Frage stellten, handelten wir uns seinerzeit den Tadel zahlreicher Leser ein. Denn letztlich kann auch die Frage, ob man zum Beispiel grammatisch richtig „heute mittag“ oder grammatisch falsch „heute Mittag“ schreiben soll, nicht mit einer Abstimmung entschieden werden. Fehler bleibt Fehler.

Auch hier gilt: Einigkeit macht stark

Die JUNGE FREIHEIT will wissen, wie ihre Leser über die Rechtschreibung denken. Das unterscheidet sie von vielen anderen Zeitungen. Es ist anerkennenswert, daß sich die JF auch in dieser Frage nicht dem Zeitgeist unterwirft und sich eine unabhängige Entscheidung erlaubt.

Um so unverständlicher ist es, daß sich gestern ein Reformkritiker, der lange Zeit Großes geleistet hat, ausdrücklich von der JUNGEN FREIHEIT distanzierte, obwohl er selbst dort einst veröffentlichte. Denn auch hier gilt: Einigkeit macht stark. Wie sollten wir das Ziel einer einheitlichen, sprachrichtigen Rechtschreibung sonst erreichen?

Wir halten uns daher an das Wort Reiner Kunzes, der in der Sprachwelt schrieb: „Wenn das Volk weitere zehn oder zwanzig Jahre warten muß, bis es wieder der Souverän sein darf, werden wir tun, was wir können, damit die hochentwickelte Schreibung, die bis 1996 verbindlich war, nicht in Vergessenheit gerät.“

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