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Botho Strauß, Eiko Matsuda und der Mythos des Verschwindens

Botho Strauß, dessen detaillierte Beziehungsanalysen kaum romantische Illusion zulassen, der in seiner „Sommernachtstraum”-Adaption „Der Park” (1984) die Verweltlichung des „göttlichen Liebespaares”, Oberon und Titania, betrauert, es im Beziehungsmüll der Gegenwart ertrinken läßt, – derselbe Autor feierte in „Paare, Passanten” (1981) ein Paar, das die Grenze der Realität hin zum Mythos übersprang: Abe Sada und ?Ishida Kichiz?, eine japanische Restaurantkellnerin und ihr Arbeitsgeber, liebten sich 1936 buchstäblich zu Tode: Auf dem Höhepunkt ihrer Raserei strangulierte und kastrierte Abe Sada den Geliebten post mortem.

Nach sechsjähriger Haftstrafe wieder auf freiem Fuß, erneut als Kellnerin arbeitend, wurde sie in Japan zur Heiligen erklärt, zu sehr hatte ihr Eros alles „Alltägliche” transzendiert, den mythischen Bereich berührt. Schon während des Prozesses von der sogenannten ?„Abe-Sada-Panik“ erfaßt, pilgerten Menschen nun von weit her, um sich von ihr die Sake (Reiswein) einschenken zu lassen, d.h. von ihr die „Kommunion” zu empfangen. Im Jahr von Abe Sadas Tod, 1975, verfilmte Nagisa Oshima, damals als „japanischer Godard” verehrt, ihre Geschichte: „Ai no corrida” (Im Reich der Sinne, 1975).

Strenge Lektion in Sachen Lust

In Cannes bejubelt, auf der Berlinale beschlagnahmt, zog er zahlreiche Intellektuelle in seinen Bann, darunter auch Botho Strauß. Eine strenge Lektion in Sachen Lust erteile der Film seinen Zuschauern, erklärte der Dramatiker, wobei selbstredend nicht von pornoraphischem Leistungssport die Rede ist, vielmehr von der Unbedingtheit der Leidenschaft.

Die artikuliert sich für Strauß vor allem im Schlußbild, wenn Abe Sada sich neben den Leichnam des Geliebten legt, mit seinem Blut auf dessen Brust schreibt: „Nur wir”. Strauß war der japanischen Schriftzeichen nicht mächtig. Es heißt korrekt: „Sada und Kichiz?”. Abe Sada und ?Ishida Kichiz?, das sind Tristan und Isolde auf japanisch. Nur ist deren Gegner kein eifersüchtiger König, nicht „die Gesellschaft”, sondern die Zeit selbst, die alles, auch die tiefste Liebe verlöschen läßt. In dem Sada und Kichiz? das Ende vorwegnehmen, erlangen sie einen „Sieg der Liebe über die Zeit” (B. Strauß).

Film wie eine Schlinge um den Hals des Zuschauers

Aber nicht allein die Geschichte packt, sondern vor allem Oshimas Inszenierung: Streng komponierte Bilder durch eine erbarmunglose Kamera, die jede Regung, jeden Blutstropfen, jedes Sekret einfängt. In quälender Langsamkeit montiert, wirkt der Film wie eine Schlinge, die sich langsam um den Hals des Zuschauers zusammenzieht. Hinzu kam das Spiel der jungen Abe Sada-Darstellerin Eiko Matsuda, deren Intensität ihrer Rolle den mythischen Beiklang verlieh. Eiko Matsuda, 1948 (nach anderen Quellen: 1952) in Tokio geboren, spielte zunächst in Underground-Theatern, wo ihr Spiel das Publikum regelmäßig zum Durchdrehen brachte.

Mit „Im Reich der Sinne” ritzte sie ihren Namen in die Filmgeschichte. In Japan für ihre Darstellung auf offener Straße beleidigt, zog sie mit ihrem Mann, einem Musiker, nach Paris. Es folgten Filmauftritte bis 1982, dann erkrankte sie lebensgefährlich. Ihr reicher Vater bestand auf eine Operation in Tokio. Dort flog sie hin und verschwand. Bis heute. Auch Freunde und Bekannte wissen nichts. Weder ob sie lebt oder verstorben ist. „Where??? Is she???” (Wo??? Ist sie???) fragen Cineasten hilflos auf der IMDb-Netzseite.

Von der Welt verschwunden, ohne sie zu verlassen

Daß man auf dieser Welt „verschwinden” kann, ohne sie „verlassen” zu haben, macht sie unheimlich, zu einer Art „Jenseits”. „Verschwinden” ist anderes als sterben. Es schafft ein Geheimnis, das jedes „Abschließen” unmöglich macht, stattdessen ein ständiges Wechselspiel zwischen Hoffnung und Resignation provoziert. Chinesische Meister sollen in ihren Bildern verschwunden sein, Eiko Matsuda verschwand in der Rolle der Abe Sada.

Das unsichere Geburtsdatum und ihr Verschwinden machen ein Geburtstagsporträt oder einen Nachruf bislang unmöglich. Für sie war Schauspiel das, was Friedrich Georg Jünger vom Dichter verlangte: „Darf der Dichter mit dem Feuer / Sich so ungescheut befassen? / Wunderlich ist diese Frage. Darf er es denn unterlassen?” Eiko Matsuda hat dieses „Spiel mit dem Feuer” nicht unterlassen, und Dichter wie Botho Strauß wußten das zu schätzen.

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