Benedikt und die Spalter

Für 2011 ist der erste offizielle Staatsbesuch Benedikts XVI. in Deutschland angekündigt. Im August 2005 kam er schon zum Weltjugendtag nach Köln und im September 2006 besuchte er seine bayerische Heimat mit seinem Geburtsort Marktl am Inn. Jetzt aber kommt der deutsche Papst erstmals in die Bundeshauptstadt sowie nach Freiburg und Erfurt. Während des Deutschlandaufenthalts vom 22. bis 25. September 2011 ist auch eine Rede des Papstes im Bundestag geplant.

Da werden Erinnerungen wach an den Berlin-Besuch Papst Johannes Pauls II. im Jahr 1996 mit seiner berühmten Rede am Brandenburger Tor über die Bedeutung der Freiheit. Viel hat sich seitdem geändert in Deutschland. Die Wiedervereinigung brachte nicht nur wirtschaftliche sondern auch religiöse Probleme mit sich. Die große Hoffnung, daß sich die jahrzehntelang unterdrückten Bürger der DDR nun freudig dem christlichen Glauben zuwenden würden, hatte sich bald schon zerschlagen. Insbesondere die Erzdiözese Berlin, die sich große Hoffnungen machte und massiv in neue Möglichkeiten zur Repräsentation und zur Verkündigung investierte, stand sehr schnell vor einem finanziellen Scherbenhaufen.

Das geeinte Deutschland ist alles nur nicht christlicher geworden. Von der Politik haben die kirchlichen Vertreter vielleicht gar nicht so viel erwartet, zumal die Kirche immer ein Alternativprogramm zum Staat darstellt. Doch auch die Hoffnung, daß die Kirche aufgrund ihrer zeitlosen Botschaft der Gottes- und der Nächstenliebe eine solche Ausstrahlung besitzt, daß zahllose Menschen sich ihr auch in Deutschland frei zuwenden würden, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil: Die Austrittszahlen sich stark angestiegen – und dies nicht erst seit den publik gewordenen Fällen von sexuellem Missbrauch durch kirchliche Amtsträger.

Innerkirchliche Grabenkämpfe

Was ist falsch gelaufen? Besitzt der Materialismus – zumindest vorübergehend – einfach eine größere Anziehungskraft? Oder waren die kirchlichen Vertreter unglaubwürdig? Bedarf die Kirche vielleicht doch jener Reform, wie es ihr von bestimmter Seite immer wieder eingeredet wird: demokratische Strukturen, verheiratete Priester, Zulassung von Frauen zum Weiheamt, eine weniger strenge Sexualmoral?

Wer von solchen Anpassungen an den Zeitgeist die Lösung erwartet, der sei daran erinnert, daß seit den fünfziger Jahren die Austrittszahlen bei den Protestanten etwa doppelt so hoch sind wie bei den Katholiken. Auch bilden die Anhänger Martin Luthers keine Einheit. Sie sind in den letzten rund 500 Jahren in unzählige Gruppen zersplittert, die sich auch hinsichtlich ihres Glaubens deutlich unterscheiden.

Genau da liegt aber auch das Problem der Katholiken. Bei den Gemeinschaften der Reformation ist die Trennung offensichtlich; bei den Katholiken gibt es innerkirchliche Grabenkämpfe, die an Schärfe zunehmen. Ja die Gräben sind in den vergangenen Jahrzehnten sogar immer tiefer geworden und scheinen jetzt unüberwindlich.

Verstockte Linkskatholiken

Zeitgleich mit der Spaltung kam aber auch eine Sprachverwirrung. Kommt heute in eine Diözese ein glaubenstreuer Bischof, in eine Pfarrgemeinde ein papsttreuer Pfarrer, so wird dieser von den kritischen Geistern, die an den meisten Orten längst den Ton angeben, als „Spalter“ bezeichnet. In ihren Augen stört er die Harmonie in der Gemeinde. Dabei ist der Garant der Einheit doch der Papst als Nachfolger Petri. Die wirklichen Spalter sind doch jene, die sich im Ungehorsam von ihm abgewandt haben und sich jetzt in ihrer antirömischen Haltung gemütlich eingerichtet haben.

Stärker als in Deutschland ist der Affront gegen Rom nur noch in den Niederlanden, in Belgien und in der Schweiz. Jetzt kommt zu uns gerade jener Papst, dem die Einheit so sehr am Herzen liegt. Er trägt nicht nur den Titel „Pontifex Maximus“ („großer Brückenbauer“), er hat zu den Anglikanern und zu den Piusbrüdern tatsächlich wichtige Brücken gebaut. Dort ist er teilweise auch auf offene Herzen gestoßen. Bei den verstockten Linkskatholiken in Deutschland mit ihrer tief sitzenden Abneigung gegen alles, was von Rom kommt, dürfte es weitaus schwieriger werden.

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