Wiedergelesen: McCarthys „Abendröte im Westen“

Es gibt Bücher, die, einmal gelesen, lange nachwirken; mit der Folge, daß man sie mehrere Male liest und immer wieder neue Aspekte entdeckt. Zu diesen Büchern gehört für mich (unter anderem) Cormac McCarthys „Abendröte im Westen“, das 1996 auch in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. Während das Buch in hiesigen Kreisen wegen seiner Gewaltorgien auf Irritation stieß, wird es in den USA zu den bedeutendsten Büchern gezählt, die ein amerikanischer Schriftsteller jemals hervorgebracht hat.

In der Tat mutet McCarthy dem Leser einiges zu: In den Fokus seiner Erzählung hat er einen armseligen Jungen gestellt, der sich zunächst mehr schlecht als recht als Dieb durchs Leben schlägt und Hunger und Durst leidet. Dieser Junge, der auch nie anders als „Junge“ genannt wird, schließt sich schließlich einer Bande von Skalpjägern an, die im mexikanisch-amerikanischen Grenzgebiet Indianer oder Mexikaner umbringen. Eigentlicher Kopf dieser Bande ist nicht deren Führer John Glanton, nach dem die Bande benannt ist, sondern „Richter“ Holden, ein etwa zwei Meter großer Albino, der völlig unberechenbar agiert.

Auf der einen Seite ein gefühlloser, sadistischer Killer, auf der anderen Seite ein Intellektueller, der neugierig die Natur erkundet und ständig Aufzeichnungen macht. Er zitiert Thales und Anaximander und beherrscht die deutsche Sprache. Möglicherweise ist er eine Anspielung auf Nietzsches „Übermensch“. Holden ist der Meinung, daß Gewalt der Grund der menschlichen Natur ist. Eine Einschätzung, die der Roman voll und ganz zu belegen scheint.

Jeder sucht seine Bestimmung

Diese Gewalt ist von den ersten Seiten des Romans an präsent und steigert sich phasenweise in religiös-apokalyptisch aufgeladene Szenarien – so, als die Glanton-Bande, nachdem sie die Grenze nach Mexiko überschritten hat, zunächst auf eine Herde von Rindern, Maultieren und Mustangs trifft: „Hinter den Mustangs tauchte plötzlich eine Horde von Fabelwesen auf, berittene Lanzenträger und Bogenschützen, die Schilde drappiert mit Spiegelglasspittern, die den Augen der Feinde tausend zerstückelte Sonnen entgegenwarfen. Eine Legion des Grauens, Hunderte an der Zahl, halbnackt oder in attischer oder in biblischer Tracht, andere wieder mit Kleidung wie aus einem Fiebertraum, mit Tierhäuten und Seidenputz, mit noch vom Blut der früheren Träger beklebten Uniformstücken, mit den Röcken erschlagener Dragoner, mit betreßten Reiterjacken, einer mit Zylinder, ein dritter mit weißen Strümpfen und einem blutbesudelten Brautschleier … ein ausgelassener Totentanz, der unter wildem Geheul der Kolonne zupreschte, einer Hölle entsprungen, schlimmer noch als der Schwefelpfuhl des Jüngsten Tages …“ Es folgt ein Gemetzel, bei dem McCarthy in der Schilderung bis an die Ggrenze dessen geht, was erzählerisch noch darstellbar ist.

Dieser wüste Streifen Texas ist eine Welt ohne jegliche Moral und ohne jeden Glauben. Nur einer, nämlich „Richter“ Holden, der einmal wie „ein Irrer und dann wieder wie ein Erleuchteter auftritt“ (so Michael Schmitt in einer Rezension in der Neuen Züricher Zeitung), vermittelt so etwas wie Sinn: „Jeder sucht seine Bestimmung und nur seine eigene“, erklärt er an einer Stelle des Buches. „Ist der Krieg nicht heilig, so ist der Mensch nichts als ein lachhaftes Stück Lehm. … Was die Menschen eint, … ist nicht das gemeinsame Brot, sondern der gemeinsame Feind.“

Tod in einem Abort

Ein Rezensent, nämlich Leo Daugherty, stellte die These auf, daß McCarthys anspielungsreiches und sprachgewaltiges Buch als gnostischer Roman gelesen werden müsse. Insbesondere in der manichäischen Spielart der Gnosis, so Daugherty, nehme das Böse eine weitaus größere Rolle als im Christentum ein, in dem Satan eher „gezähmt“ erscheine. Für diese These spricht unter anderem, daß die Gewalt den gesamten Roman durchdringt und die Welt, in der der „Junge“ agiert, als vollkommen verworfen und trostlos erscheint.  

Trostlos ist auch das Ende des „Jungen“, der von Richter Holden auf einem Abort ermordet wird. Holden geht danach ungerührt auf die Tanzfläche zurück. Vorher hatte er dem Jungen noch beziehungsreich erklärt: „Auf der Bühne ist nur Platz für ein einziges Tier. Die übrigen müssen zurück in die Nacht, in die ewige, anonyme Nacht.“ In eben dieser Nacht verschwindet der Junge, damit ein dunkles Motto einholend, das McCarthy seinem Roman vorangestellt hat: „So ist aber der Tod und das Sterben der Finsternüß Leben.“ (Jakob Böhme)

Gewalt und Tod sind prosaisch bisher selten in dieser Intensität zum Thema gemacht worden. Genau dies dürfte wohl das Irritierende an diesem Werk McCarthys sein. Man kommt möglicherweise deshalb gedanklich mit diesem Buch zu keinem Abschuß.

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