Von Hagens und von Goethe

Als 1783 der Jenaer Professor Justus Christian Loder in seinem „anatomischen Theater” den Körper einer jungen Frau ausstellte, wußten die Besucher da von der Herkunft der Leiche? Daß es Anna Catharina Höhn war, die wegen panischer Kindstötung in Weimar geköpft wurde? Daß ihr Körper ohne vorherige Einwilligung der Delinquentin weiterverwertet wurde? 

Oder: Kann man Goethes „Faust I” noch ruhig lesen, wenn man weiß, daß seine Gretchenfigur unter anderem eine intellektuelle Weiterverarbeitung der Anna Catharina Höhn war? Durch jenen Goethe, der als Weimarer Hofrat das Todesurteil gegen sie durchgesetzt hatte? – Die Antwort lautet wohl: Nein.

In solchen Fällen erweist sich rein werkimmanente Rezeption als unzureichend. Das Werk bleibt mit der Biographie aller Beteiligten untrennbar verbunden. Das gilt auch für die „Plastinate” des Anatomie-Künstlers Gunter von Hagens, der seine „Körperwelten” nach acht Jahren wieder in Berlin präsentiert.

Seltsame Verletzungen im Genick

Mag die Frage nach der Herkunft seiner Leichen inzwischen als langweilig oder „spießig” verworfen werden – ohne sie ist eine Betrachtung der Präparate nur um den Preis der Verdrängung möglich.

Oder läßt sich wirklich ausklammern, daß – laut Spiegel-Bericht (2004) – unter den Toten, die von Hagens in China kaufte, einige seltsame Verletzungen im Genick aufwiesen? Hervorgerufen durch Einschüsse, der regulären Tötungsform chinesischer Schlachtjustiz. Unter den Opfern: Eine junge Frau (was die „Körperwelten” in die Nähe von Loder und Goethe rückt).

Natürlich leugnete der Künstler: Nein, die Körper kämen nur von Spendern. Ja, seine Mitarbeiter hätten Fehler gemacht, wären dafür aber gefeuert worden. Nein, die Leichen mit Genickschuß seien eingeäschert, aber nicht ausgestellt worden, usw. Was denn nun? Es bleibt die Ungewißheit, die sich als unrevidierbare Subebene eingeschlichen hat.

Die Ausstellung lebt von der Grenzüberschreitung

Andererseits leben die „Körperwelten” von genau solcher Grenzüberschreitung. Man erinnere sich: Vor Jahren wurde die Ausstellung als Konfrontation mit dem Tod verkauft. Die Massen stürmten rein. Weshalb dieses Interesse einer Gesellschaft, die den Tod sonst ausblendet? In Indien, wo täglich Leichen am Ganges brennen, hätte die Präsentation keinen müden Hund angelockt.

Hier aber rufen Menschen, die mit ihrem Partner ein halbes Leben verbracht haben, nach dessen Tod augenblicklich den Bestatter. Augenblicklich heißt: Sogar um drei Uhr nachts. Weitere fünf Stunden zu warten, bis zum Morgengrauen, das wäre zuviel. Der Verstorbene muß sofort weg!

Ein ähnliches Problem zeigt sich am Eßtisch. Die Tötung der „Nahrung” geschieht unsichtbar, und die Schnitzel-Panade sorgt für dessen restlose Verfremdung. Schon Richard Wagner wütete gegen jene, die „beim Mittagsmahle sich die bis zur Unkenntlichkeit hergerichteten Leichenteile ermordeter Haustiere wohlschmecken lassen” (Religion und Kunst, 1880). Aber nur verfremdet – oder gar unkenntlich gemacht – ist die Konfrontation mit dem Tod, seine Einverleibung (seelischer oder physischer Art) dem modernen Abendländer möglich.

Neue Strategie

Ob beim Essen oder in den „Körperwelten”, deren Leichen durch Häutung und In-Pose-Setzen verfremdet werden. Der Anatom von Hagens dürfte die Verfremdungstaktik auch aus der eigenen Profession kennen. Dort gehört es zur Spielregel, den toten Körper zu anonymisieren. Keine persönlichen Impulse, hervorgerufen durch Spekulationen über die Lebensgeschichte des Körpers, sollen die Arbeit stören.

Jetzt fährt der Meister eine neue Strategie: Nicht der Begegnung mit dem Tod, sondern dem Verständnis des Lebens diene sein Werk. Dem Leben in seinen Funktionen. Die Körper seien in Positionen gebracht, die das jeweilige Muskelspiel beim Vollzug der Tätigkeit sichtbar machen.

Diese Demonstration der Lebensfunktionen hat vor allem bei dem koitierenden Paar für den unvermeidlichen Boulevard-Skandal gesorgt. Interesse für die Identität des Paares kam auf. Dadurch wurde dessen Anonymität aber schlagartig zerbrochen und biographische Bezüge eingeschleust. Beide starben als Endfünfziger an Lungenkrebs. Zuvor hätten sie kräftig geraucht. So beansprucht der Anatomie-Künstler auch noch eine moralisierend-pädagogische Bedeutung.

Feuerbestattung unter freiem Himmel

Nein, der Tod ist emotional zu sehr ans Leben gebunden, daß nicht alles Ausgegrenzte als ungewünschte Zeitungsmeldung, Entdeckung, Mythos oder Spekulation wiederkehrt. Wo er auftritt, gibt es kein „Hinter-den-Kulissen” mehr, zumindest nicht lange. Eine Alternative wäre nur die besagte Feuerbestattung unter freiem Himmel. Wo die Beteiligten die Geheimnisse des (toten) Körpers sehen, zugleich vom vergangenen Leben und den Umständen des Sterbens wissen.

Immerhin, in den achtziger und neunziger Jahrer des vergangenen Jahrhunderts phantasierte man von Interpretationen, die sich von der Biographie des Künstlers emanzipierten und werkimmanent vorgingen. Man rief sogar den Tod des Autors aus. Seit zehn Jahren hält der Tod aber verstärkt Einzug in die Kunst. Nicht als Motiv, sondern real. Seitdem ist es stiller geworden bei den Anhängern der Immanenz.    

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