Volksveralberer

Noch zwei Tage, dann geht’s wieder los: Grinseköpfe an jeder Straßenecke. In meinem Viertel, wo die angeblichen Volksparteien augenscheinlich an vorzeitigem Plakaterguß leiden, fletschen sie schon die retuschierten Gebisse: Austauschbare Physiognomien mit wechselnden Logos und Parteifarben. Glauben die wirklich, wir könnten die unvermeidliche Bildchenflut ebensowenig erwarten wie sie selbst?

An den Werbeagenturen allein liegt’s wohl nicht, daß die wahlkampfbedingte optische Umweltverschmutzung das Niveau der sonstigen Wäsche-, Mobilfunk- und Autoreklame regelmäßig noch mal tüchtig unterkellert. Die Budgets sind zweifellos anständig, Geld kommt ja vom Steuerzahler, und den Werbeprofis fiele zu Parteien gewiß auch was ein. Wenn sie denn nur Marken mit klarem Profil und eindeutiger Botschaft wären.

Die beteuern die Merkels und Steinmeiers, die Westerwelle und Trittins zwar zu haben, nur merken soll’s keiner. Sonst könnte man ja potentielle Wähler verschrecken. Die Werbeleute, die die rundgeschliffenen Allgemeinplätze aus den Parteizentralen umsetzen müssen, können einem leid tun: „Wir haben die Kraft“ (CDU), „Wir sind besser“ (SPD Stuttgart im Mai, zur allgemeinen Erheiterung), ein infantil dahingestammeltes grünes „WUMS!“ oder, auch noch in falschem Deutsch, „Wegen Dir“ (FDP Sachsen) – wer will das hören?

Wohlfühlparolen, Eiapopeia und Friede-Freude-Eierkuchen

Natürlich niemand. Die Parteien kommunizieren mit uns, als ob wir nicht ganz zurechnungsfähig wären. Als würde uns jede Aussage, die über Wohlfühlparolen, Eiapopeia und Friede-Freude-Eierkuchen hinausgeht, geistig überfordern und verstören. Als könnte man erwachsenen Menschen, „mündigen Bürgern“, wie man sie entmündigend zu nennen pflegt, Menschen also, die tagtäglich die Erfahrung machen, daß das Leben kein ewiger Kindergeburtstag ist, nicht auch mal ein offenes und ehrliches Wort zumuten.

Wenn man so offensichtlich nicht ernstgenommen wird, ist Satire die naheliegende Antwort. Kein Wunder also, daß „Horst Schlämmer“ mit seiner Jux-Kanzlerkandidatur zeitweise den real existierenden Kandidaten die Schau stehlen konnte: Wenn man sich als Volk schon veralbern läßt, dann doch lieber von einem, der auch dazu steht.

Vollends grausig wird’s, wenn selbstreferentielle Parteikommunikatoren auch noch die Satiriker übertrumpfen wollen mit dem, was sie so für originell und selbstironisch halten. Da kommen dann schwarzdekolletierte Anzüglichkeiten, grüne Softporno-Verschnitte und linke Gesäßansichten heraus. Merke: Immer wenn man denkt, es kann nicht schlimmer werden, kommt der nächste Tiefschlag.

Sechs Wochen verschärfte Doofkommunikation also noch, dann kann sich das Auge wieder erholen. Wir warten weiter auf den Kandidaten, der die Werbefuzzis und Gremienschlaumeier in die Wüste schickt und uns klar und verständlich mitteilt, was er für dieses Land tun will. Dann klappt’s auch wieder mit der Wahlbeteiligung.

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