Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Liebesgrüße aus Moskau

Jahreszahlen, die auf Neun enden, sind für deutsch-polnisch-russische Historikerstreitereien bestens geeignet. Jüngst machte das russische Verteidigungsministerium Schlagzeilen mit der Veröffentlichung eines Textes, in dem der Republik Polen die wesentliche Verantwortung für den Krieg von 1939 zugeschoben wurde. Solche Liebesgrüße aus Moskau kamen in Deutschland mancherorts gar nicht schlecht an.

Nun kann man darüber herzlich lachen, ist doch die offensive Mentalität, die damals in Warschau herrschte, nicht ohne die Moskauer Strippenzieherei von Josef Stalin und Genossen denkbar. Ohne die scheinheilige Erneuerung des polnisch-sowjetischen Nichtangriffspakts im November 1938 und ohne das sowjetische Versprechen auf Waffenlieferungen im Kriegsfall gegen Deutschland, das der stellvertretende sowjetische Außenminister Potemkin im Frühjahr 1939 in Warschau abgegeben hat, hätte sich die Warschauer Führung im Rücken nicht frei für einen Kriegskurs gegen Deutschland fühlen können. Es ging den Sowjets darum, eine Mine unter Europa zu sprengen und dafür lieferte der deutsch-polnische Konflikt den nötigen Sprengsatz.

Lockern die Alleinschuldfronten in Deutschland auf?

Daß dies nur der Auftakt für einen späteren sowjetischen Marsch Richtung Deutschland werden sollte, hat man vielleicht in Berlin dunkel geahnt, aber beiseite geschoben und selbst ebenfalls einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion abgeschlossen. Schließlich stand man betrogen dar, in Warschau wie in Berlin.

Geschenkweise angebotene Pakte aus Moskau hatten keinen Wert. Die Rote Armee marschierte 1939 bis 1941 völlig unbekümmert in jedes Land ein, mit dem Stalin einen Nichtangriffspakt abgeschlossen hatte. Auch Deutschland wäre an die Reihe gekommen, dies ist mittlerweile klar.

Vor diesem Hintergrund ist der jüngste Versuch Moskauer Geschichtspolitik aus deutscher Sicht nur eingeschränkt zu begrüßen. Vielleicht lockert dies die starren Alleinschuldfronten in Deutschland etwas auf, aber das Geschenk ist eindeutig vergiftet. Die in Moskau regierenden Erben eines totalitären und massenmörderischen Systems sind nicht bereit, sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Das ist die eigentliche Botschaft ihrer Liebesgrüße.

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