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Die Lust, in Hoheit zu verfallen

Vergangene Größe zu beschreiben, ist Sache des Künstlers, während der Historiker mehr Freude und Erfolg bei der Darstellung des Verfalls hat. Der bedeutende Künstler, der den Blick für das Wesentliche besitzt, wird stets das über nur Zeitbedingtes hinausragende Außerordentliche ins Bild bannen und damit dem Zeitstrom entreißen; der Historiker hingegen tut sich schwer mit dem – im Guten wie im Bösen – Inkommensurablen: Noch so viele Entstehungsgründe mag er anführen, immer bleibt der Eindruck, daß sich das Eigentliche stets entziehe.

Die lange Zeit der Auflösung hingegen, wenn die auseinanderstrebenden Kräfte nicht mehr für einen Augenblick in schöpferischer Faust zusammengeballt werden, ist die Domäne des Historikers. Das Zerrinnende zieht selbst schon die Furchen, denen der deutende Finger nachfolgen kann; die Verselbständigung des Materials von seiner ehemaligen Form ermöglicht Analyse, Zergliederung, Vergleich, Aufsammlung und Neuordnung, und an den auch im Zerfall sich vorübergehend bildenden neuen Formen von Kunst oder Politik zeigt sich das Zeitbedingte deutlicher und wird leichter erklärbar: Am Tagesschriftsteller oder Durchschnittspolitiker läßt sich das „Wesen“ einer Epoche besser erkennen als an dem, der seine Zeit übersteigt und jede Epoche zu immer neuen Deutungen herausfordert. Verfallszeiten sind interessanter als die „schönen“ Augenblicke der Fülle.

„Postume Biographie“

Überlegungen dieser Art könnten Ulrich Raulff bewogen haben, nach all den in den letzten Jahren fast schon modisch gewordenen Darstellungen Stefan Georges und seines Kreises eine umfangreiche Untersuchung über „Stefan Georges Nachleben“ vorzulegen. Sein „Kreis ohne Meister“ zeigt den Direktor des deutschen Literaturarchivs Marbach am Neckar – angesichts seiner bisherigen Publikationen zum Thema nicht überraschend – als ausgezeichneten Kenner seiner Materie, der den Biographien zahlreicher bekannter und unbekannter Gestalten, die oft eher an der Peripherie des George-Kreises angesiedelt waren, ihren neuen Kreis- oder Zellenbildungen und ihren Wirkungen bis in unsere Tage nachspürt.

Seine Sprache ist unprätentiös, erfrischend und unterhaltsam-feuilletonistisch, ohne aufgesetzt flapsig zu wirken, so daß man ihm gelegentliche Fehlgriffe gerne nachsieht; die Fülle des ausgebreiteten Materials ist so beeindruckend, daß man über die bei derart groß angelegten Arbeiten unvermeidlichen Fragwürdigkeiten der Auswahl hinwegsieht – obwohl man sich doch etwas über die stiefmütterliche Behandlung der mehr als fünf Jahrzehnte bestehenden und bis zuletzt George verpflichteten Literaturzeitschrift Castrum Peregrini wundert; aber über Raulffs Begriff des Kunstwerks stolpert man doch etwas. Drei Kunstwerke habe George nach Ansicht des Verfassers seiner „postumen Biographie“ im wesentlichen geschaffen: erstens seine Lyrik, zweitens seinen Kreis und dessen Subkreise – „ein ungeheures Mobile aus Menschen, Bildern und Ideen“ – und drittens als „Meisterwerk der Dekomposition“ den „Zerfall dieses Kreises, der sich freilich in Abwesenheit des Urhebers und gegen dessen Intention vollzog“.

Dekadenz als Erscheinungsform der Kunst

Es gibt einige große Beispiele der Weltgeschichte für die Kunst des Sterbens – Jesus und Sokrates sind wohl an erster Stelle zu nennen –, aber kann man, wie Raulff es mit dem Germanisten und George-Jünger Max Kommerell ausdrückt, von einer „Kunst des Totseins“ sprechen? Allenfalls dann, wenn man eine Kunstbetätigung anderer Künstler am Toten meint, etwa des Paulus an Jesus oder des Platon an Sokrates. Raulffs Buch, das er selbst als Essay bezeichnet und damit (im günstigsten Fall) in die Mitte (im ungünstigeren, hier aber nicht vorliegenden Fall in ein Niemandsland) zwischen Kunst und Wissenschaft setzt, zeigt indes, daß solches Vermögen den Georgeanern, bei allem Willen, das meisterliche Erbe zu pflegen, gründlich abging. Entsprechend ist sein Buch auch keine „Gespenstergeschichte für Erwachsene“ (Aby Warburg), sondern doch nur eine große, wenngleich für solche Projekte ungewöhnlich lesbare Materialsammlung geworden, die mit äußerst interessanten Befunden im Detail aufwartet, nicht aber deutlich machen kann, warum gerade der Zerfall des Georgekreises nach dem Tod des Meisters ein Kunstwerk gewesen sein soll.

„Du spürst in allen / nur eine Lust: in Hoheit zu verfallen“, heißt es in Rolf Schillings, Ernst Jünger gewidmetem Gedicht „Die Messingstadt“ – hier aber, in den von Raulff so genannten „Metastasen“ des sich auflösenden Kreises ist von solcher Lust wenig zu bemerken. Ein Toter kann eben doch kein Künstler mehr sein, und seine Nachfolger waren entweder keine Künstler, oder sie gingen als solche andere Wege. Metastasen sind keine produktiven Bildungen, und reine Entropiezunahme ist gerade das Gegenteil von Kunst. Vielleicht ist es aber symptomatisch für unsere Zeit, daß man gerade die Dekadenz zur eigentlichen Erscheinungsform der Kunst erklären möchte.

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