Arminius, gib uns unsere Sprache wieder!

„Plötzlich aus des Waldes Duster brachen kampfhaft die Cherusker; mit Gott für Fürst und Vaterland stürzten sie sich wutentbrannt gegen die Legionen.“ So lautet die dritte Strophe des von Victor von Scheffel verfaßten Volksliedes „Als die Römer frech geworden“. Nun, genau 2000 Jahre nach der Varusschlacht, scheint es, daß die Cherusker wieder in den Wäldern unterwegs sind, um Germanien konservativ-subversiv zu befreien. Offenbar haben sie sich diesmal mit modernstem Gerät ausgerüstet.
 
Wir schreiben das Jahr 2009. Ganz Deutschland ist von Amerikanismen und englischen Wortversatzstücken besetzt. Ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Sprachfreunden bevölkertes Gebiet in der Nähe des historischen Schauplatzes der Varusschlacht hört nicht auf, den Spracheindringlingen Widerstand zu leisten.
 
So berichtete die Neue Osnabrücker Zeitung am 27. März geradezu entsetzt: „Ihre Aktion müssen die noch unbekannten Täter von langer Hand vorbereitet haben. Laut Mitteilung handelt es sich nämlich nicht um Spontan-Schmierereien mit Filzstiften oder Farbe, sondern um ‘offenbar am heimischen Computer‘ vorbereitete Aufkleber.“

Klebeaktion ein „terroristischer Anschlag”?
 
Die verfemte Tat hatte sich auf dem „DiVa Walk“  ereignet. So heißt nicht etwa die Nachfolgesendung von „Germany’s Next Topmodel“ , sondern ein neuer Wanderweg im Osnabrücker Land. „DiVa“ setzt sich aus den ersten beiden Buchstaben der Wörter „Dinosaurier“ und „Varus“ zusammen. Der Wanderweg führt nämlich auch an die Stelle, an der höchstwahrscheinlich die Varusschlacht stattfand.

Der Römer Publius Quinctilius Varus erlitt dort bekanntlich im Herbst des Jahres 9 nach Christus eine schmerzliche Niederlage gegen die Germanen, die der Cheruskerfürst Arminiusanführte. Ohne diesen herben Rückschlag für die römische Machtausbreitung wäre Deutsch heute möglicherweise eine romanische Sprache.
 
Was geschah im Frühjahr des Jahres 2009? Verteidiger der deutschen Sprache hatten auf dem über einhundert Kilometer langen Wanderweg „DiVa Walk“ an mehr als vierzig Markierungen, Wandertafeln und Hinweisschildern das Wort „Walk“ mit der deutschen Bezeichnung „Weg“ überklebt. Rückten die Verantwortlichen die Tat in ihrer Wortwahl beinahe schon in die Nähe eines terroristischen Anschlags, so wandelte sich allmählich die öffentliche Meinung, als sich in Leserbriefen und Anrufen zahlreiche Bürger zu Wort meldeten, die ebenfalls eine Umbenennung des Wanderweges forderten.

Sprachschützer haben sich in den Wald zurückgezogen
 
Die Neue Osnabrücker Zeitung meldete daraufhin am 17. April, daß die Verantwortlichen der Varusregion „die Kritik am Walk nicht mehr hören können. ‚Wir hatten bei der Namensfindung vor zwei Jahren das bereits sehr kritisch diskutiert‘, sagt Sprecher Dirk Meyer, ‚letztlich waren sich die Vertreter der sechs beteiligten Kommunen aber einig: Man muss auch mal etwas anderes machen dürfen. Das Image des Wanderns war zugegeben doch jahrelang verstaubt.‘ Der Name DiVa Walk solle letztlich auch für ein frisches und modernes Image sorgen. ‚Wir sind sicher, dass der Walk viele Wanderer, jung und alt, begeistern wird.‘“
 
Also endlich einmal „etwas anderes machen dürfen“ und – Wie überaus neu und mutig! – zur Abwechslung einmal ein Wort aus dem amerikanischen Wortschatz entlehnen, weil das sonst keiner macht? Weil die deutschen Wörter „Weg“ oder „Steig“, ja die deutsche Sprache verstaubt ist? Die Verantwortlichen sind auf dem Holzweg, denn die überflüssigen Amerikanismen sind Legion.

Die Sprachpanscher sollten den Varusweg solange ablaufen, bis sie zu besserer Einsicht gelangen. Die vermissen wir jedoch bis heute. Bis zur Einweihung des „DiVa Walks“ am 19. April wurden sämtliche Wegschilder wieder mit „Walk“-Aufklebern überklebt. Kosten: 1.500 Euro, Steuergelder natürlich. Die Verteidiger des Deutschen sind unterdessen weiterhin unerkannt und flüchtig. Sicher haben sie sich in die Wälder zurückgezogen und hecken gerade ihre nächste Tat aus …
 
 
P.S.
Frage an die Leser: Von der dritten Strophe des Liedes „Als die Römer frech geworden“ werden zwei verschiedene Fassungen überliefert. In der einen brechen die Cherusker „kampfhaft“ hervor, in der anderen „krampfhaft“. Welche ist die ursprüngliche?

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