500 Jahre Tod und Verderben

Im Andenstaat Peru spielt sich dieser Tage eine Auseinandersetzung ab, die ein geradezu klassisches Szenario von „Klassenkampf“ abgibt: Hier die „Verdammten dieser Erde“, diesmal in Form indigener Gruppen in Peru, dort eine Staatsmacht, die den Lebensraum eben dieser Ureinwohner transnationalen Konzernen überantworten will.

Dies alles kristallisiert sich in zwei Personen, die als Antipoden einander gegenüberstehen: nämlich einmal Alberto Pizango, Vorsitzender des Indigenen-Dachverbandes AIDESEP (Interethnische Vereinigung für die Entwicklung des Regenwaldes), und zum anderen der sozialdemokratische Präsident Perus, Alan García Pérez, der mit dem Präsidialdekret Nr. 1090 „Anreize“ für internationale Energiekonzerne schaffen will, in Peru zu investieren.

Die indigenen Gruppen befürchten – vor allem, als bekannt wurde, daß der peruanische Kongreß über diese Dekrete nicht weiter beraten wird –, daß es zu einem massiven Ausverkauf des tropischen Regenwaldes kommt, der 65 Prozent der Fläche Perus bedeckt und bedeutende Vorräte an Erdöl und Gas in sich bergen soll.

Freihandelsabkommen geplant

García hofft, mit seinem Dekret, das auf eine Privatisierung beziehungsweise Parzellierung des Regenwaldes hinausläuft, die Voraussetzungen für ein geplantes Freihandelsabkommen mit den USA schaffen zu können. Pizango und die Seinen verweisen demgegenüber unter anderem auf ein Abkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), das, von Peru Mitte der neunziger Jahre unterzeichnet, vorsieht, daß indigene Gruppen ein Mitbestimmungsrecht bei der Nutzung von Boden und Bodenschätzen haben sollen.

An einer Auseinandersetzung über Angemessenheit und Zweckmäßigkeit seines Vorgehens offensichtlich nicht interessiert, versucht der in Peru – unter anderem wegen seines „neoliberalen“ Kurses – immer unbeliebter werdende García nun, den Konflikt mit Gewalt zu beenden. Am 5. Juni räumten schwerbewaffnete Polizeieinheiten, auch mittels Hubschraubereinsatz, eine blockierte Verbindungsstraße zwischen der Pazifikküste und Ostperu in der Nähe der Stadt Bagua. Bei diesem Einsatz gab es eine bisher unbekannte Zahl von Toten, und zwar sowohl auf Seiten der indigenen Gruppen als auch auf Seiten der Polizei.

Pizango, der der Regierung wegen ihres martialischen Vorgehens „Völkermord“ vorwirft, sah sich gezwungen, in die nicaraguanische Botschaft in Lima zu fliehen, wo man ihm als „politisch Verfolgtem“ Aufenthalt gewährte. Der AIDESEP-Vorsitzende, der ca. 60 Verbände und damit rund 700.000 Ureinwohner vertritt, ist mittlerweile zu einer Art Staatsfeind Nr. 1 in Peru aufgestiegen. Ihm wird nicht nur Volksverhetzung, Verschwörung und Rebellion vorgeworfen, sondern er wird auch als Hauptdrahtzieher der blutigen Unruhen am 5. Juni eingestuft.

Regierung stoppte Militäraktion

Es ist im übrigen nicht das erste Mal, daß Pizango der Regierung Probleme bereitete: Vor gut einem Jahr organisierte er die Besetzung zweier Ölförderanlagen und einer Pipeline. Auch damals drohte die Lage zu eskalieren; der Kongreß stoppte damals allerdings eine von der Regierung geplante Militäraktion.

García zeigte sich nach dem Massaker vom 5. Juni unbeeindruckt. Die getöteten Polizisten sind für ihn „Opfer der Barbarei, Wildheit und Roheit“; die Schuld verortet er eindeutig bei den Ureinwohnern. Man fühlt sich hier an Worte von Frantz Fanon, einer Ikone der Achtundsechziger, erinnert, der in seinem vieldiskutierten Buch „Die Verdammten dieser Erde“ (Paris 1961) schrieb: „Die koloniale Welt ist eine manichäische Welt. Dem Kolonialherrn genügt es nicht, den Lebensraum des Kolonisierten physisch, das heißt mit Hilfe seiner Polizei und Gendarmerie, einzuschränken. […] Der Eingeborene, heißt es, ist für die Ethik unerreichbar, ist Abwesenheit von Werten, aber auch Negation der Werte.“

Pizango beklagt, daß den Ureinwohnern unter dem „Vorwand der Entwicklung“ „500 Jahre lang Tod und Verderben gebracht“ worden seien. Diese „Entwicklung“ sollen jetzt transnationale Konzerne weitertreiben, was Peru als Voraussetzung für ein Freihandelsabkommen mit den USA abverlangt wird. Wer von dem umstrittenen Freihandelsabkommen im korruptionsgeschüttelten Peru profitiert, dürfte auf der Hand liegen. Sicher ist, daß es auf keinen Fall die Ureinwohner Perus oder die „Normalperuaner“ sein werden.

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