CDu Wanderwitz Ostbeauftragter
Marco Wanderwitz: Der Ostbeauftragte der Bundesregierung ist Spitzenkandidat der sächsischen CDU für die Bundestagswahl Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert

Diskussion um Marco Wanderwitz
 

Über einen Verwalter

Die Diskussion, die der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer mit seinem Wort über die vermeintliche Diktatursozialisierung und die daraus folgende Demokratieferne ‘der Ostdeutschen’ hervorgerufen hat, birgt ja durchaus Interessantes. Zum einen die Merkwürdigkeit, daß einige der richtigen Ostdeutschen ja noch leben, nämlich jene in Ostpreußen, Pommern oder Schlesien Geborenen. Aber dieses Geschichtswissen verflüchtigt sich mehr und mehr.

Das, was stur als Osten bezeichnet wird, ist Mitte, Südosten, Norden … Die aus dem Kalten Krieg übernommene Dichotomie von West und Ost hilft nicht oder bloß denen, die kein großes Erkenntnisinteresse haben. Eines aber soll sie gewiß: immer und immer wieder klarmachen, daß der Osten nicht wie der Westen ist, immer noch nicht, also irgendwie hinterher.

Die hartnäckige Rede von ‘den Ostdeutschen’, als wäre das ein Stamm wie Sachsen oder Bayern, verbindet Mecklenburger und Vor-Pommern mit Sachsen, Brandenburgern und Thüringern schlichtweg nur aufgrund der gemeinsamen fast sechzigjähren Diktaturerfahrung. Interessant übrigens, daß auf diese Weise das Diktaturerbe nur denen östlich der Elbe zugefallen scheint, da ist man in Restdeutschland dann fein raus. Aber so manches ist eben doch recht unterschiedlich und reicht viel weiter, wie das eben in der Geschichte der deutschen Länder so ist.

Intellektuell nicht hinreichend

Sachsen kann als politisches Gebilde sein Senkblei gar über eintausend Jahre in die Geschichte hinablassen. Das sollte der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, der ja ein Sachse ist, wissen und bedenken. Vor diesem Hintergrund genügt es nicht zu sagen, weil die Menschen in den östlichen Bundesländern Diktaturerfahrungen gemacht hätten, seien sie diktatursozialisiert und wählten darum nicht die Partei des Beauftragten, was er kurzerhand damit gleichsetzt, daß sie „nicht in der Demokratie angekommen sind“.

Er übersieht die Tatsache, daß viele jener Wähler bloß aufgehört haben, seine Partei zu wählen. Es ist, sagen wir’s so, intellektuell nicht hinreichend, sie deswegen gleich zu für die Demokratie Verlorenen zu stempeln. Warum fragt sich der Beauftragte als einer der Verwalter des Staates nicht öffentlich, warum diese Wähler abgewandert sind? Für eine solche Frage muß man freilich ideologische Fixierungen hinter sich lassen können, aber sie könnte vielleicht eine Verbindung reparieren.

Auf seiner Homepage posiert der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer nicht nur in einer historischen Bergmannsuniform – und wir fragen nicht weiter nach, wie er denn dazu kommt –, sondern er sagt auf seiner Homepage auch: „Lesen ist eine zentrale Voraussetzung für Bildungsfähigkeit.“ Ich empfehle dem Beauftragten aus diesem Grund die Bücher von Jürgen Fuchs, Utz Rachowski und Ulrich Schacht.

Generation der friedlichen Revolution von 1989

Bernig
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Alle sind sie in Sachsen, alle unweit des Wahlkreises des Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer geboren, Ulrich Schacht gar im Frauengefängnis Hoheneck, wo seine Mutter als politische Gefangene inhaftiert war. Alle wurden sie von der zweiten deutschen Diktatur verfolgt und ins Gefängnis gebracht, alle haben sie ihren Anteil an der Erringung von Demokratie und Freiheit zwischen Ostsee und Erzgebirge. Aus ihren Büchern kann man erfahren, was für Dinge das sind, die Demokratie und die Freiheit und das Festhalten daran.

Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder schrieb mit seinen Äußerungen nun die Generation derjenigen ab, die mit der friedlichen Revolution von 1989 die Demokratie für die neu genannten Bundesländer errungen und ihren Teil zur Wiedervereinigung Deutschlands geleistet haben. Beides hat Anstrengungen mit sich gebracht, bittere Enttäuschungen, aber auch Möglichkeiten wie die, daß ein 1975 im damaligen Karl-Marx-Stadt Geborener 2002 Bundestagsabgeordneter und später Beauftragter für die neuen Länder werden konnte.

Wenden wir die Beschimpfung ‘der Ostdeutschen’ durch den in fünfter Legislatur Abgeordneten und nun Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Länder einmal ins Küchenpsychologische, dann wird alles ganz einleuchtend. Wir haben es hier wohl mit der Entäußerung von Neid zu tun. Neid auf eine unerreichbare Lebensleistung anderer: die Überwindung einer Diktatur, den Neuaufbau eines Lebens mit allen Möglichkeiten – auch für die 1975 Geborenen.

Gefühl der Belagerung

Wir wissen, denn so sind wir auch, daß es immer wieder geschieht, daß sich Menschen gegen diejenigen wenden, denen sie etwas verdanken. Gegen die Familie, gegen den Freund, gegen den Partner. Doch wenn es sich dabei um eine diffuse Gruppe handelt, dann wird die Revanche dafür, irgendwie doch in ihrer Schuld zu stehen, um so einfacher. Im gegebenen Fall wird dann auch nicht in Erwägung gezogen, daß in der Diktatur ein feineres Sensorium für zumindest Autoritäres entwickelt wurde und dazu mußte man gar nicht im Widerstand sein.

Es stellt sich bei Maßregelung, Abkanzelung oder Etikettierung durch manche Politiker, manche Journalisten, manche Kirchenleute, manche Künstler eben rascher Nervosität und ein Gefühl der Belagerung ein als bei denen, die keine Diktatur erlebt haben. Die Reaktionen auf diese Formen des Oppressiven sind unterschiedlich.

Manche zitieren die Abdankungsworte des letzten sächsischen Königs und nehmen nicht mehr an Wahlen teil. Manche wählen die falschen Parteien, von denen eine mittlerweile als weniger falsch gezählt wird. Manche demonstrieren auf Straßen und Plätzen. Wieder andere verfassen Texte oder nehmen Videos auf und wenden sich damit gegen das vielgestaltige Oppressive.

Nun schreiben wir das Jahr 2021. Zwar gibt es einige Erregung wegen der beschimpfenden Worte des Abgeordneten und Beauftragten, im Grunde aber perlt das an ‘den Ostdeutschen’ ab. ‘Die Ostdeutschen’ haben Wichtigeres zu tun.

Der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Länder hat auf seiner Wahlkreishomepage im Abschnitt zur Leseförderung „gerade auch Kinder aus bildungsferneren Schichten“ im Blick. Einer Bildungsferne steht aber, wir sehen’s, kein Lebensalter im Weg, kein Studienabschluß und auch kein Amt, das einer bekleiden mag.

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Der Dichter, Romancier und Essayist Jörg Bernig, Jg. 1964, lebt in Radebeul, Sachsen. Zuletzt erschien von ihm die Novelle Der Wehrläufer. Eine Geschichte aus Prag.

Marco Wanderwitz: Der Ostbeauftragte der Bundesregierung ist Spitzenkandidat der sächsischen CDU für die Bundestagswahl Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Sebastian Kahnert
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