Ostern
Feier der Osternacht im leeren Würzburger Kiliansdom Foto: picture alliance
Corona und die Suche nach Wahrheit

Die Jünger des Pilatus

In diesen Tagen stellt sich, nicht nur wegen Ostern, die Pilatusfrage erneut mit Wucht: Was ist Wahrheit? Selbst der säkulare Philosoph Jürgen Habermas staunt angesichts der Corona-Diskussion: „So viel Nichtwissen über unser Wissen gab es noch nie“. So viel Stochern im Nebel gab es in der Tat selten. Nun kann man mit Habermasʼ Kollegen Platon sagen: „Das Staunen ist der Anfang der Erkenntnis.“

Wenn denn eine Erkenntnis folgte in dieser Debatte. Aber Virologen und Politiker ergehen sich bei ihren Pressekonferenzen, Interviews und präsidialen Ansprachen meist nur in Spekulationen über statistische Größen, über Verbreitungsgeschwindigkeiten und Korrelationen zwischen Infizierten und Zeitschienen. Sie füttern das Angst-Virus mit Nebensächlichkeiten und Durchhalteparolen.

Und wenn dann ein Virologe wie der Bonner Professor Hendrik Streeck eine erste Zwischenbilanz seiner Heinsberg-Studie vorlegt und über das Virus selbst und seine Beschaffenheit spricht, kontern seine Kollegen aus der Truppe Merkel sofort mit dem neuen Gebot: Du sollst keinen Virologen neben mir und Merkel haben. Das Volk soll einfach gehorchen nach dem Motto: Wer nichts weiß, muß alles glauben.

Es geht um den gesunden Menschenverstand

Vermutlich hat die Publizistin Susanne Gaschke recht, wenn sie in der Neuen Zürcher Zeitung konstatiert, der gesunde Menschenverstand habe in Corona-Zeiten eine ganz schlechte Presse. Dabei ist er es, der helfen kann, eine Antwort auf die Pilatusfrage zu finden. Denn Wahrheit ist die Enthüllung der Wirklichkeit, die Übereinstimmung des Denkens mit den Dingen, der Idee mit dem Sein.

So siegt der Verstand über Angst. Und so kann man sich zum Beispiel heute fragen, warum es mehr Lehrstühle für Gender als für Virologie gibt oder warum diese moderne Wissensgesellschaft mehr für Ideologie als für wirkliches Leben ausgibt, warum so viele Medien leichtgläubig den Klima-Aktivisten nachlaufen, statt deren Thesen zu hinterfragen, warum es in diesen Zeiten auf einmal so wichtig ist, jedes Leben zu retten, in normalen Zeiten aber jeden Tag zehn Schulklassen auf Kosten der Krankenkassen abgetrieben werden und die Abtreibungsindustrie jetzt mahnt, diese Möglichkeiten in Corona-Zeiten nur ja nicht einzuschränken.

Oder warum es möglich ist, den Besuch der vollen Supermärkte zu regulieren, den Besuch der ohnehin halbleeren Kirchen an Ostern aber nicht. Und warum höchste Kirchenvertreter sich dagegen mit den Linken gemein machen und höhere Steuern für Reiche verlangen, angeblich um die Corona-Kosten zu tragen, wobei als Nebeneffekt auch die wegen der Krise zu erwartenden Lücken in den kirchlichen Haushalten gestopft werden dürften.

Das Geschrei der Menge

Wenn der Kirchenmann zu Ostern ein besonderes Opfer der (reichen) Kirchen angekündigt hätte, das hätte man verstanden. Aber sein Steuerengagement und die Widersprüche im öffentlichen Diskurs, deren Liste sich leicht verlängern ließe, das alles ist mit gesundem Menschenverstand und der Suche nach Wahrheit nicht zu begreifen.

Vielleicht ist es zu ertragen, wenn man erkennt: Diese Gesellschaft ist vom Virus des Relativismus erfasst. Man kann Pilatus durchaus in die Ahnenreihe der Wahrheitsverwässerer stellen, die nicht an die Wahrheit glauben. Heute waschen seine Jünger sich die Hände im trüben Wasser von Neigungen, Emotionen, Bequemlichkeiten, Umfragen. Pilatus übergab Jesus den Henkern, als er sah, daß „der Lärm immer größer wurde“, wie es bei Matthäus heißt. Das Geschrei der Menge, der Medien, die Befunde der Demoskopen, das Schielen nach der Mehrheit – das sind die entscheidenden Argumente für die Jünger des Pilatus.

Natürlich, die Bibel und die Ostergeschichte sind kein politisches Programm. Die zehn Gebote aber schon, jedenfalls die Gebote vier bis zehn, die sich mit dem Zusammenleben der Menschen befassen. Bei den ersten drei geht es um das Verhältnis des Menschen zu Gott und da braucht es, zusätzlich zum Verstand, das zweite Element des Glaubens: den Willen. Die Existenz Gottes zu bejahen und die Wahrheiten des Glaubens forschend und betend zu erkunden, sind die zwei menschlichen Voraussetzungen für den Glauben an Gott.

Verantwortung zu Wahrheitssuche

Nach klassischer Lehre kommt noch die Gnade, der Glaube als Geschenk des Schöpfers, hinzu. Dieses Dreigespann macht die Freiheit des Christenmenschen aus. Der Wahrheitssucher Ratzinger hat als Papst Benedikt im März 2006 drei Prinzipien formuliert, die für christliche Politiker nicht verhandelbar seien im „Bereich des politischen und öffentlichen Lebens“: Schutz des Lebens in all seinen Formen vom Anfang bis zum Ende, Anerkennung und Förderung der natürlichen Struktur der Familie, Schutz des Primärrechts der Eltern auf Erziehung ihrer Kinder. Es ist ein Minimalprogramm und selbst davon ist Deutschland, ist auch die EU weit entfernt. Es entspricht nicht den Vorstellungen der Pilatisten.

Vielleicht führt die Entschleunigung des öffentlichen Lebens im Zuge der Corona-Krise auch zu einer Besinnung über die Pilatusfrage. Für den großen deutschen Religionsphilosophen Romano Guardini ist das auch eine Frage der Menschlichkeit. Guardini sah die „Unmenschlichkeit des Menschen“ in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Verdrängen von Wahrheit und dem Vergessen Gottes. In seinem posthum erschienenen Werk „Die Existenz des Christen“ beschreibt er, wie der Geist als solcher krank werden kann.

„Das geschieht nicht unbedingt nur dann, wenn der Geist sich irrt, sonst wären wir ja alle geistig krank, denn wir täuschen uns alle mal; noch nicht einmal, wenn der Geist häufig lügt; nein, der Geist wird krank, wenn er in seinem Wurzelwerk den Bezug zur Wahrheit verliert. Das wiederum geschieht, wenn er keinen Willen mehr hat, die Wahrheit zu suchen und die Verantwortung nicht mehr wahrnimmt, die ihm bei dieser Suche zukommt; wenn ihm nicht mehr daran liegt, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden.“ Das ist es, was die Welt aus den Fugen löst, auch in Deutschland. Und insofern liegt für den politischen Diskurs in der Corona-Krise auch eine Chance, ein Ostern, das über den Tod hinausreicht.

Feier der Osternacht im leeren Würzburger Kiliansdom Foto: picture alliance

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