Meinung

Die Türkei als Verbündeter

Die Reaktion der Konservativen jenseits der CDU auf den türkischen Putsch oder, je nach Interpretation, die türkische Putschinszenierung, fällt zwiespältig, um nicht zu sagen negativ aus. In den sozialen Netzwerken gewinnt man den Eindruck, die Abneigung dem Islam gegenüber ist die einzige Klammer, die das deutsche Volk (Bevölkerung minus muslimische Migranten) noch zusammenhält. Auf das Risiko hin, sich heftiger Kritik auszusetzen, muß man die Frage stellen: Sind wir im 21. Jahrhundert wirklich angekommen? Ist uns klar, daß die Renaissance des Islam inzwischen sicherer ist als das Amen in der Kirche?

Offensichtlich nicht. Da weinen immer noch viele der kemalistischen Türkei hinterher wie die französischen Aristokraten nach 1789 dem Ancien Regime. Da wird eine Religion beschimpft, als könnte man sie bannen, indem man sie lächerlich macht. Dabei sollten gerade Konservative in der Lage sein, der Realität ins Auge zu blicken. Das Leitmotiv der Bismarck’schen Definition von Politik als der „Kunst des Möglichen“ ist schließlich die Akzeptanz des Unabänderlichen. Da beißt die Maus keinen Faden ab.

Linksliberale mit klammheimlicher Freude

Daß die Linksliberalen, die Hausmacht der deutschen Medien, einen Sieg der türkischen Putschisten mit klammheimlicher Freude vernommen hätten, stand von vornherein außer Frage. Es wäre nicht das erste Mal gewesen: Schon den gewählten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi begleiteten ihre Krokodilstränen ins Gefängnis, als er 2013 aus dem Amt geputscht worden war. Bis heute sind die meisten Kommentatoren froh, daß in Ägypten ein vermeintlich säkularer Armeechef an der Staatsspitze steht.

Warum aber sollten Konservative das Gleiche tun? Bis heute werden zwei Gründe vorgebracht: Ohne Erdogan und seine AKP wäre die Türkei dem laizistischen Kemalismus bis heute treu geblieben; ohne Erdogan und seine AKP stünde die Türkei kurz vor dem Beitritt zur Europäischen Union. Beide Argumente ziehen nicht. Mustafa Kemal Pascha, ab 1934 Kemal Atatürk, war ein hoher osmanischer Offizier und türkischer Patriot, der die Zukunft seiner Heimat einzig und allein im gnadenlosen Kopieren westeuropäischer Lebensart sah.

Achse Deutschland-Türkei

Doch das war das Westeuropa vor hundert Jahren – kein Kemal Pascha käme heute auf die gleiche Idee. Die Wiedergeburt der Türkei in der Moderne ist sein Werk, aber was sich seither geändert hat: Den Begriff Moderne bestimmt nicht länger der Westen allein. Erst recht nicht den Begriff der Postmoderne und all dessen, was noch kommen wird. Diese Zügel sind uns Europäern längst entglitten. Woran wir anknüpfen können, ist die Tradition. Die Osmanen haben sich mit Österreich-Ungarn um den Balkan gestritten, mit Rußland, Frankreich und England um den Bosporus. Deutsche und Türken hingegen verbindet eine historische Achse, die in Preußen bis ins 18. Jahrhundert reicht.

Und die Europäische Union? Warum sollte die Türkei in die EU wollen? Westeuropa ist nicht mal mehr ein Nachhall dessen, was es vor hundert Jahren war. Selbst die Mittelosteuropäer gehen inzwischen auf Distanz. All derweil fühlen wir uns wohl im transatlantischen Verbund. Dabei täten wir gut daran, Verbündete zu suchen, denen wir nicht nur geostrategisch zu Diensten sind.

Wenn jetzt auch deutsche Konservative glauben, es läge ein Gewinn darin, die Achtung vor fremder Religion und Tradition zum Teufel zu jagen, dann ist in der Tat Matthäi am Letzten. Statt Erdogans politisches Überleben zu bedauern, sollten wir – konservativ, pragmatisch, realpolitisch – bedenken, welchen Beitrag die Türkei bei der Befriedung des Hexenkessels Islamismus leisten kann. Im Übrigen auch eine Erdogan-Türkei.

Erdogan-Anhänger: Deutschland und Türkei verbindet eine historische Achse Foto: picture alliance / abaca

Unterstützung

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen

aktuelles

All articles loaded
No more articles to load