Meinung
 

Von „Toleranz und Fairneß“ im Fall Drygalla

Wäre Rufmord eine olympische Disziplin, ständen auf dem Medaillentreppchen wohl unangefochten nur deutsche Journalisten. Was in den vergangen Tagen in deutschen Zeitungen zum Fall der Ruderin Nadja Drygalla erschien, hat mit objektiver Berichterstattung nicht mehr viel zu tun.

Die selbsternannten Tugendwächter der vierten Gewalt haben mit ihrem Lehrstück des Kampagnenjournalismus einmal mehr gezeigt, warum ihre Zunft in Umfragen zur Beliebtheit von Berufsgruppen stets auf den letzten Plätzen zu finden ist. Verdächtigung statt Fakten, Vermutungen statt Beweise und Verleumdungen anstelle von Fairneß.

„Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. Jede in der Presse tätige Person wahrt auf dieser Grundlage das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien“, heißt es im Pressekodex, einer Vereinbarung von publizistischen Grundsätzen für Journalisten in Deutschland. Bei der Berichterstattung über Nadja Drygalla scheinen diese Richtlinien keine Gültigkeit zu haben.

„Vom braunen Ungeist infiziert“

So habe die Sportlerin laut Frank Jansen vom Tagesspiegel „freiwillig an ein Milieu angedockt, das Deutschlands dunkelsten Jahre als seine hellsten glorifiziert“. Drygalla sei „entweder unglaublich naiv oder dumm oder selbst vom braunen Ungeist infiziert“. Welche Variante davon auch immer zuträfe, als Vorzeigesportlerin der Bundesrepublik tauge sie jedenfalls nicht.

Einen Schritt weiter geht der Welt-Journalist Claus Christian Malzahn, der die Athletin mit den Brandanschlägen auf das Asylheim in Rostock 1992 und der mutmaßlich von der Zwickauer Terrorzelle begangenen Mordserie an Ausländern in Verbindung bringt. „Das alles hat auch mit der Achter-Ruderin Nadja Drygalla zu tun. Sie bewegt sich offenbar seit Jahren in einem Milieu, das unseren Staat hasst, die dunkelsten Stunden der deutschen Geschichte zu seinen hellsten umlügt und in dem Gewalt gegen Demokraten oder Minderheiten allenfalls als taktische Frage gehandelt wird.“, schreibt Malzahn.

Für ihn bewege sich die Ruderin im „braunen Sumpf“ und wolle dies offenbar auch weiter hin tun. Daß von Drygalla keine einzige rechte oder rechtsextreme Äußerung bekannt ist, die Anlaß für diese Unterstellung bieten könnte, scheint den Journalisten dabei nicht zu stören. Recherche tötet eben die schönsten Geschichten.

Antifa als zweiter Verfassungsschutz

Gleiches gilt für die Aussage von Drygallas Freund, er habe sich mittlerweile von der rechtsextremen Szene gelöst. „Experten“ hätten da Zweifel, weiß Mahlzahns Welt-Kollege Günther Lachmann zu berichten. Denn „Antifa-Kreise“ würden solchen Beteuerungen wenig Glauben schenken, schreibt Lachmann und rückt die linksextremistischen Stichwortgeber gleich noch in den Rang eines zweiten Inlandgeheimdienstes: Tatsächlich lägen „weder dem Verfassungsschutz noch antifaschistischen Gruppen in Mecklenburg-Vorpommern Hinweise über direkte Kontakte Drygallas zum Rechtsextremismus vor“.

Kritik an einer solchen Berichterstattung weist der Deutsche Journalistenverband (DJV) natürlich empört zurück. „Wenn Sportverbände und das für den Sport zuständige Bundesinnenministerium die deutschen Olympioniken als Vorbilder präsentieren, müssen kritische Fragen erlaubt sein“, rechtfertigt der DJV-Bundesvorsitzende Michael Konken die mediale Hetzjagend auf Drygalla.

Das schließe auch das Privatleben der Sportler in solchen Fällen mit ein, in denen menschenverachtendes und extremistisches Gedankengut eine Rolle spiele. „Toleranz und Fairneß als sportliche Ideale“, so Konken, vertrügen sich nun mal nicht mit Rechtsextremismus – und offenbar auch nicht mit objektivem Journalismus.

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