„Recht auf moralische Überzeugungen“

Wenn wir Politik machen, verzichten wir nicht auf das Recht moralischer Überzeugungen. Ich mag denken, daß Homosexualität eine Sünde ist, so hat das dennoch keinerlei Auswirkung auf die Politik – außer ich würde sagen, Homosexualität ist ein Verbrechen. Auf die gleiche Art sind Sie frei zu denken, daß ich in den meisten Bereichen des Lebens ein Sünder bin, und das hat keine Auswirkung auf unsere Beziehungen als Bürger. … Wir können eine Gemeinschaft der Bürger aufbauen, selbst wenn wir in manchen moralischen Fragen unterschiedlicher Meinung sind. Der Staat hat kein Recht, seine Nase in diese Dinge zu stecken, und niemand darf auf der Basis seiner geschlechtlichen Orientierung diskriminiert werden … Das Wort Ehe (Marriage) kommt vom lateinischen Matrimonium, was soviel heißt wie Schutz der Mutter. Und so existiert die Familie, um es Frauen zu ermöglichen, Kinder und dazu den Schutz eines Mannes zu haben. Das ist die traditionelle Sicht der Familie, die ich verteidige. Übrigens fällt die Definition der Ehe in die Kompetenz der Mitgliedsländer. Ob ich also so oder so denke, hat keine praktische Auswirkung. Das ist auch die Ansicht, die in 22 von 25 Mitgliedsländern heute akzeptiert ist. Es ist keine Angelegenheit der Union, es sollte keine Angelegenheit der Union werden, es ist eine Angelegenheit der Mitgliedsländer und so soll es auch bleiben. Die Rechte der Homosexuellen sollten auf der gleichen Grundlage verteidigt werden wie die Rechte aller anderen europäischen Bürger. Wenn es in bezug auf Homosexuelle spezifische Probleme gibt, bin ich bereit, diese in Erwägung zu ziehen. Wenn es etwa eine besondere Konzentration von Gewalt gegen Homosexuelle gibt, dann bin ich bereit, über eine spezifische Gesetzgebung zum Schutz der Homosexuellen gegen diese Gewalt nachzudenken, um das Recht auf Gleichberechtigung besser zu garantieren. Aber ich würde nicht akzeptieren, daß Homosexuelle eine eigene Kategorie sind und daß der Schutz ihrer Rechte auf einer Basis stattfinden soll, die anders ist als für die europäischen Bürger insgesamt. Eine multikulturelle Gesellschaft ist wie die Ehe. Wenn sie Kulturen zusammenbringen, die ein hohes Niveau gegenseitigen Verständnisses aufbauen können, dann kann das dem Paradies, wenn nicht, kann das der Hölle gleichen. Wir kennen Beispiele multikultureller Gesellschaften der ersten und der zweiten Art. Daher müssen wir uns alle darum bemühen, in Europa eine multikulturelle Gesellschaft aufzubauen. Das ist lebenswichtig. … Ich glaube nicht, daß Menschen etwa aufgrund ihrer Religion diskriminiert werden sollten. Und ich denke, daß der Dialog zwischen Religionen so stattfinden sollte, daß Menschen ermuntert werden, einander zu respektieren. Respekt zu haben heißt nicht, glauben zu müssen, daß der andere recht hat und es kein Falsch und Richtig gibt. Man kann wohl zwischen Richtig und Falsch unterscheiden, man kann denken, daß man selbst recht hat und ein anderer irrt, und dennoch glauben, daß er als menschliches Wesen einen unendlichen Wert besitzt und deshalb auch unendlichen Respekt verdient.“

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