Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

„Die Situation ist ernst“

Herr Professor Kiesow, das Jahr 2004 bringt den Endspurt bei der Rekonstruktion der Dresdner Frauenkirche, die dann 2005 eingeweiht werden soll. In puncto Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses jedoch wird sich wohl, anders als erwartet, in diesem Jahr nichts tun, alle Pläne sind bekanntlich wegen Mittelknappheit auf Eis gelegt. Haben Sie einen Tip, wann mit dem Beginn des Projektes gerechnet werden kann? Kiesow: Leider nein, da das Problem beim Berliner Stadtschloß kein denkmalpflegerisches, sondern ein haushaltspolitisches ist, kann die Frage, wenn überhaupt, nur die Politik beantworten. Ich muß allerdings sagen, daß ich mit dem bisherigen Konzept für das Berliner Stadtschloß sowieso nicht einverstanden bin. Sie spielen auf die immer stärkere kommerzielle Orientierung des Projektes an, die inzwischen von vielen Seiten kritisiert wird? Kiesow: Inzwischen wird ja sogar mit dem Gedanken gespielt, dort auch ein Hotel unterzubringen. Aber ich spreche nicht nur von der geplanten Nutzung, sondern davon, daß bei dem Vorhaben eher an einen modernen Bau mit lediglich historischer Fassade gedacht ist. Ebenso wie bei der eben wiedererrichteten ehemaligen Stadtkommandantur Unter den Linden auf der anderen Seite des Schloßplatzes verfahren wurde. Aus kunsthistorischer Sicht eine Sünde? Kiesow: Ich lehne so etwas ab, das hat nichts mit Denkmalpflege zu tun. Ist Rekonstruktion aus denkmalpflegerischer Sicht überhaupt zulässig? Kiesow: Immerhin der Schlüterhof des Berliner Stadtschlosses soll, wenn es denn bei den ursprünglichen Plänen bleibt, rekonstruiert werden. Gleichzeitig aber verfällt ein Schloß in Prötzel bei Berlin, das mit großer Wahrscheinlichkeit auch von Schlüter gebaut worden ist. Das ist es, was ich meine. Ich habe zum Beispiel bei Beginn der Debatte um den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche dafür plädiert, noch zwanzig Jahre zu warten und sich lieber erst der Erhaltung der noch vorhandenen Baudenkmäler in den neuen Ländern zu widmen. Dennoch sind Sie heute von der fast abgeschlossenen Rekonstruktion der Frauenkirche begeistert. Kiesow: Die Rekonstruktion der Frauenkirche beeindruckt mich in mehrfacher Hinsicht: Zum einen ist sie ein echtes Bürgerprojekt, die Menschen haben in einer großen Gemeinschaftsleistung die Wiedererrichtung möglich gemacht. Das Berliner Stadtschloß ist dagegen eher ein Projekt aus öffentlichen Mitteln und der großen Spender. Zum anderen ist die Frauenkirche in jeder Hinsicht im alten Stil gemacht, so hat man die Kuppel nicht etwa aus Gasbeton gegossen und verkleidet, sondern Stück für Stück aus Werkstein errichtet. Ich bin ganz beglückt, wenn ich heute vor dem Bau stehe. Mit der Wiedererrichtung der Frauenkirche hat die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, deren Mitbegründer und Vorsitzender Sie sind, allerdings gar nichts zu tun. Sie widmet sich eben dem Erhalt bestehender Baudenkmäler in Not. Kiesow: Dabei handelt es sich oft gar nicht um die historischen und kunstgeschichtlichen „Perlen“, sondern vor allem um historische „Durchschnittsbauten“, die aber in ihrer Summe entscheidend für das geschichtliche Antlitz unseres Landes sind. Denken Sie nur an unser Bemühen um den Erhalt historischer Dorfkirchen, vor allem in den neuen Ländern. Das sind die Bauten, die einen Ort geschichtlich erkennbar und damit erst vom Wohnort zum Heimatort machen. Die architektonischen Glanzlichter unter den Baudenkmälern dagegen werden meist sowieso erhalten. Der Verfall von Dorfkirchen ist also in Deutschland ein unterschätztes Problem? Kiesow: Ja, denn der staatliche Atheismus in der DDR hat uns viele, viele Bauten in verwahrlostem Zustand überlassen. Gerade in Brandenburg und Mecklenburg ist die Situation ernst. Zumal die Kirchen dort wegen der wenigen Mitglieder viel zu wenig Geld haben. Sie haben die Gründung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, auch wenn Sie ihr erst seit 1994 vorstehen, 1985 durchgesetzt. Was war der Anlaß? Kiesow: Ich bin schon seit 1956 in der Denkmalpflege tätig und habe immer wieder erlebt, daß wir historische Bauten nicht retten konnten, weil sich kein Käufer fand, der sie wiederherstellen wollte. In Marburg wurden in den siebziger Jahre zwei solche Gebäude deshalb abgerissen. Ein halbes Jahr später sprach mich jemand an, hätte er davon gewußt, hätte er die Häuser gekauft. Das machte mir deutlich, daß wir für solche Fälle endlich eine Stiftung brauchten. Ich lanciert die Idee im Nationalkomitee für Denkmalschutz, einer Art „öffentlich-rechtlichen“ Koordinierungsstelle für Denkmalschutz, in der Politiker, Behördenvertreter und Fachleute zusammenkommen und in der ich Mitglied war. Wir haben zunächst einen Verein gegründet und ein Startkapital von 500.000 Mark gesammelt, um die Stiftung 1985 überhaupt gründen zu können. Ein großer Erfolg war, daß wir den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker als Schirmherrn gewinnen konnten, denn damit hatte die Stiftung von Anfang an sozusagen einen gewissen „Heiligenschein“. Dennoch betrachten Sie nicht 1985, sondern 1975 als das Geburtsjahr des organisierten Denkmalschutzes, wie wir ihn heute in der Bundesrepublik Deutschland kennen. Kiesow: 1975 rief der Europarat das Jahr des Denkmalschutzes aus und forderte die Mitgliedsländer auf, nationale Komitees für Denkmalschutz zu gründen. Die meisten Länder folgten dem Aufruf, und es begann in Sachen Denkmalschutz ein allgemeiner Aufbruch: Denkmalschutzgesetze wurden erlassen, andere Gesetze wurden mit denkmalpflegerischen Aspekten nachgerüstet, es flossen verstärkt Gelder, und spürbar mehr Bürger als zuvor begannen sich für den Denkmalschutz zu engagieren. Die erste Blüte des Denkmalschutzes dauerte von 1975 bis 1990 – warum brachte die Wiedervereinigung eine Zäsur? Kiesow: Weil die finanziellen Mittel spürbar gekürzt wurden. Zum einen brauchte die Politik plötzlich viel Geld für den Aufschwung Ost, zum anderen kamen mit dem Beitritt der fünf neuen Länder viele weitere, zum Teil völlig verfallene Baudenkmäler in unseren Aufgabenbereich hinzu. Andererseits hat sich aber die Zahl unserer Spender erheblich erhöht. Die öffentlichen Mittel wurden während der neunziger Jahre stetig knapper, bis etwa ab 2000 ein weiterer erheblicher finanzieller Einschnitt stattfand, so daß ich von einer dritten Phase seit dem Beginn von 1975 sprechen möchte. Die Situation für den Denkmalschutz ist in Zeiten knapper Kassen natürlich immer schlecht, und die wirtschaftlichen und sozialen Problem, vor denen wir alle zur Zeit stehen, verheißen für unsere Arbeit nichts Gutes. Deshalb sind wir heute mehr denn je auf die Spenden der Bürger angewiesen, denen Kunst, Kultur und Heimat am Herzen liegen. Sie stellen, was das Engagement für den Denkmalschutz angeht, einen Unterschied zwischen den Deutschen in den alten und den neuen Ländern fest. Inwiefern? Kiesow: In den neuen Ländern sind die Menschen spürbar stärker für den Erhalt ihrer historischen Baudenkmäler engagiert als im Westen. Das liegt wohl auch daran, daß das Heimatgefühl dort allgemein stärker ausgeprägt ist. Damit hängt bekanntlich auch die berüchtigte „Ostalgie“ zusammen. Das ist eben nicht der Hang zum Kommunismus, sondern eine Form von Heimatgefühl. Heute suchen die Menschen in Deutschland verstärkt nach Werten, um sich ihrer Heimat zu versichern. Und da wird die Dorfkirche plötzlich auch Leuten wichtig, die sonst mit Kirche nichts am Hut haben. Warum ist das Heimatgefühl im Westen nicht so ausgeprägt? Kiesow: Im Prinzip ist die Motivation für die Deutschen im Westen, sich für Denkmalschutz zu engagieren, ja die gleiche wie für die im Osten. Bei uns war es eben nicht die SED und die Verwirklichung der „sozialistischen Stadt“, sondern die Vorstellung, nach einer unheilvollen deutschen Vergangenheit müsse alles neu gestaltet werden, und das am besten in Hinblick auf die Bedürfnisse von Verkehr und Konsum. Aber auch im Westen begannen die Menschen den Verlust historischer und geschlossener Stadtbilder als Mangel zu empfinden. Der Unterschied zwischen West und Ost ist allerdings, daß es im Westen stets ein größeres Angebot an freizeitlicher Ablenkung gab, mit dem sich solche bürgerschaftlichen Engagements in Konkurrenz befanden. Die Deutschen in der DDR, so habe ich es während meiner Besuche beobachten können, waren wohl deshalb verstärkt an Kulturveranstaltungen interessiert – und etwas davon hält bis heute an. Allerdings, so homogen, wie das erscheinen mag, ist der Westen auch nicht: Dort gibt es in puncto Engagement für den Denkmalschutz große regionale Unterschiede. Zum Beispiel habe ich den Eindruck, daß das denkmalpflegerische Heimatbewußtsein im Badischen stärker ausgeprägt ist als im benachbarten Württembergischen. In München haben wir ein außergewöhnlich hohes Spendenaufkommen, in Berlin, das ja mehrheitlich auch „westlich“ ist, dagegen ein außergewöhnlich niedriges. Während meiner Zeit als Landeskonservator in Hessen hatte ich mit bestimmten Städten im Land nie Probleme in denkmalpflegerischer Hinsicht, mit anderen ständig. Das Problem ist komplizierter, als daß es mit einem Ost-West-Schema erfaßt werden könnte. Als Fazit ziehen Sie aber, daß eine konservative und traditionale Einstellung dem Denkmalschutz eher zu gute kommt als eine individualistisch-moderne? Kiesow: Wenn Sie „konservativ“ nicht als politische Vokabel verstehen, sondern als Mentalität, dann stimmt das ohne Zweifel. Tradition und Heimat sind allerdings Begriffe, die heute etwas unter Verdacht stehen. Kiesow: Es stimmt, durch den Mißbrauch vieler dieser Begriffe während des Nationalsozialismus hatte man lange Zeit darauf verzichtet, sie unbefangen zu gebrauchen. Ich finde aber, wir sollten zum Beispiel zu Begriffen wie Heimatliebe wieder ein normales Verhältnis entwickeln. Also hat die Vergangenheitsbewältigung dem Denkmalschutz geschadet? Kiesow: Die Deutschen haben seit 1945 ein Problem mit ihrer Identität und Geschichte, der tiefe Abgrund, den der Holocaust in die nationale Seele der Deutschen gerissen hat, ist ein großes psychologisches Problem, an das wir nach dem Krieg viele Baudenkmäler verloren haben. Man kann das verstehen, aber mir gefällt dieses mangelnde Selbstbewußtsein nicht. Das gefällt übrigens auch dem Ausland nicht: Es war ein polnischer Kollege, der sich bei mir einmal darüber beschwert hat, mit uns Deutschen könne man nicht richtig rechnen, weil man nie wüßte, wer wir eigentlich sind, sprich, was unsere Identität sei. Gott sei Dank ist unlängst im Bundestag mal wieder das Wort „Patriotismus“ gefallen – bei der Diskussion über die Reformen -, ich gebe ehrlich zu, da habe ich mich gefreut. Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich im Ausland gemacht? Kiesow: Den Anstoß zu unserer Stiftung habe ich auch durch Auslandreisen erhalten, zum Beispiel nach England, wo es damals ein viel größeres Engagement für den Erhalt von Zeugnissen der eigenen Vergangenheit gab als bei uns. Polen mit seinem ausgeprägten Patriotismus ist in denkmalpflegerischer Sicht ein Musterland. Die Polen haben schon 1945 – unter Konsumverzicht – mit dem Wiederaufbau der alten Städte begonnen, während wir Deutsche uns eher kosmospolitisch orientiert haben – schön und gut, aber nicht, wenn man dabei seine Basis verliert. Sie haben über die Geschichte des Denkmalschutzes in Westen und im wiedervereinigten Deutschland berichtet. Wie aber war das in der DDR? Kiesow: Auch die SED erließ Denkmalschutzgesetze, aber es fehlte natürlich an Geld, um ihn entsprechend zu praktizieren. Was in Westdeutschland eher unbekannt ist, ist die Tatsache, daß die Wendebewegung in der DDR vom Denkmalschutz geprägt war. Bitte? Kiesow: Die Proteste zum Beispiel in Halle oder Erfurt hingen auch damit zusammen, daß die SED die Altstädte verfallen ließ oder gar Straßen quer durch Altbauquartiere schlagen wollte. Dagegen wurde schließlich, wenn auch sehr vorsichtig demonstriert, zum Beispiel mit Lichterketten. Natürlich durften solche Demonstrationen nicht auf eigene Faust unternommen werden, sondern mußten unter dem Dach des Kulturbundes stattfinden. Dann schaltete sich zwar die Stasi ein, aber wenn die feststellte, daß es sich nicht um eine konterrevolutionäre Veranstaltung handelte, dann waren solche Aktionen möglich, inklusive Petitionsübergabe an den Staatsratsvorsitzenden. Diese Proteste nahmen aber immer mehr zu, vor allem in den Monaten vor dem 9. November 1989. Ich denke, die SED hat das Potential, das in dieser Art Heimatbewußtsein und Bürgerstolz steckte, aus ihrer Sicht sträflich unterschätzt. Prof. Dr. Gottfried Kiesow ist Initiator, Mitbegründer und Vorsitzender der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Der Kunsthistoriker ist seit 1956 im Denkmalschutz tätig, unter anderem auch dreißig Jahre als Landeskonservator in Hessen und als Mitglied des Nationalkomitees für Denkmalschutz. Parallel lehrte er an den Universitäten von Marburg, Heidelberg und Frankfurt am Main. Geboren wurde er 1931 in Alt-Gennin, im heute polnischen Teil Brandenburgs. Deutsche Stiftung Denkmalschutz : ist die bedeutendste private Initiative zur Rettung des deutschen Kulturerbes im Bereich historischer Bauten. Gegründet 1985, unterstützt die Stiftung bis heute 2.600 Projekte, finanziert aus Bundesmitteln, Erlösen der Fernsehlotterie Glücksspirale und privaten Spenden (Commerzbank Bonn, Kto: 30 55 555, BLZ: 380 400 07). Sechsmal im Jahr gibt die Stiftung das Magazin Monumente heraus. Kontakt: Deutsche Stiftung Denkmalschutz, Koblenzer Straße 75, 53177 Bonn, Telefon: 02 28 / 95 73 80, Internet: www.denkmalschutz.de . weitere Interview-Partner der JF

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