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Der Sportreporter

Darüber zu hämen, daß derzeit bereits Achtzehnjährige ihre Autobiographie verschriftlichen, ist schon ein Gemeinplatz geworden. Mit knapp Siebzig dagegen erscheint ein solches Vorhaben legitim. Im Falle Hellmuth Karaseks, dessen Lebenserinnerungen „Auf der Flucht“ in wenigen Wochen erscheinen werden, handelt es sich jedoch schlicht um ein Kreisen um die eigene Person. Dabei erinnert Medienmensch Karasek nun schon zum vierten Mal in Buchform an sein Leben: Viermal – seit 1996! -, „wie es wirklich war“. In „Karambolagen“ (2002) zum Beispiel beschrieb er seine Promi-Begegnungen: Ich und die Dietrich, ich und die Dönhoff, die Monroe, die Bardot … jedenfalls: Ich. Nach einem Studium der Geschichte, Germanistik und Anglistik in Tübingen hatte der Verfechter eines „Easy Feuilleton“ seine journalistische Laufbahn 1960 als Redakteur der Stuttgarter Zeitung begonnen, später wechselte er zur Zeit, übernahm dann das Kulturressort des Spiegel und fungiert heute als Mitherausgeber und kritikwürdiger Kinokritiker des Tagesspiegel. Seit 1992 hat er zudem eine Honorarprofessur am Theaterwissenschaftlichen Institut in Hamburg inne. Für Furore sorgte vor vier Jahren sein Enthüllungsroman „Das Magazin“, in dem er als Daniel Doppler, sein Pseudonym aus Spiegel-Zeiten, nach seinem mißlichen Ausstieg dort das journalistische und private Treiben der Hamburger Medienmacher „entlarvte“. Doch sogar die menschenfreundliche SZ-Beilage „Chrismon“ findet ungekannt harte Worte für Karaseks belletristisches Schaffen: „höllisch schlecht“ sei der Roman, vom „geistigen Tiefgang einer Sportreportage“. Bekannt wurde der bekennende „Trittbrettfahrer“ (Karasek im Interview mit Katja Keßler) ab 1988 durch seine Co-Moderation im Literarischen Quartett, wo er neben dem noch egozentrischeren Reich-Ranicki die Rolle des Mäßigenden innehatte – „Aggregat des Schwabbelzustands“ wird das in der Zeitschrift novo genannt. Ob er noch Freunde habe im Kulturbetrieb, wurde er einmal gefragt und mußte das verneinen. Wenigstens Fans? Auf der amüsanten Internetseite Promisichtung hat einer „den Karasek“ mal gesehen, zur Autogrammstunde in einer Buchhandlung. Dort legte angeblich kein Mensch wert auf des Schreiberlings Unterschrift, und der Autor habe sich bald zwischen Regale verdrückt … „Satt werden – auch für den Preis der Anpassung“, formulierte Karasek einmal mit Blick auf die Zeit der Vertreibung 1945 seine Maxime. Die Debatte um Grass‘ „Im Krebsgang“, ein Erinnern an deutsches Leid, erklärte er folgerichtig für „unwichtig“. Das Recht auf Ruhestand hatte die taz schon vor einiger Zeit hämisch für den „verrotteten und unwürdigen“ Karasek eingefordert. Am 4. Januar wird der „Kulturflummi“ (Klaus Bittermann) Hellmuth Karasek 70 Jahre, doch satt genug fürs Aufhören ist er wohl nicht.

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