Ende einer Legende

Leichte Wehmut überkam den Verfasser, als er erfuhr, nun werde auch in Mexiko die Produktion des Käfer eingestellt, nun rollen endgültig die letzten Ur-Volkswagen vom Band. Warum diese Emotion? Weil endlich nach siebzig Jahren ein technisch vollkommen veraltetes, ökologisch unvertretbares Fahrzeug aus den Montagehallen verschwindet, das – konzipiert in den dreißiger Jahren – seit den Sechzigern nicht mehr wesentlich überarbeitet wurde? Nein, es muß daran liegen, daß einst ein junger Erdenbürger nach dem Verlassen des klinischen Wochenbetts das in herbstliches Gold getauchte Licht dieser Welt erstmalig durch das Heckoval eines solchen Kraftfahrzeugs (Modell 1300, Baujahr 1966, mit Exportstoßstange!) betrachten durfte, während hinter der Rückbank, auf welcher er in Kissen gebettet war, 40 Pferde satt schnaubten. Dies alles spielte sich unweit der Stadt ab, die untrennbar mit dem weiland Kraft-durch-Freude-Wagen genannten Vehikel verbunden ist: Wolfsburg. Nicht auszudenken, wäre der Eintritt des Verfassers in die automobile Welt etwa durch einen Opel Kadett vollzogen worden! Der lokalpatriotischen Aufwallung zum Trotz muß der historischen Richtigkeit halber gesagt werden, daß die Wiege des Volkswagens nicht in der ostniedersächsischen Steppe stand, sondern – wie fast alles, was hierzulande den Fortschritt auf Rädern gebahr – in einer schwäbischen Tüftlerwerkstatt. Dort entwickelte 1934 der Ingenieur Ferdinand Porsche im Auftrag des seinerzeitigen Kanzlers ein Exposé für einen „Volkswagen“, der nicht teurer als 1.000 Reichsmark sein durfte. Zur volksgenossenschaftlichen Finanzierung desselben wurde sodann ein Sparsystem errichtet, für dessen Fünf-Mark-Raten sich Millionen krummlegten, ohne je ein Modell in Besitz zu nehmen: Ab 1939 erlebte nur die Kübel-Version eine Konjunktur, und mancher Sparer nahm darin in Feldgrau Platz, ohne Eigentumsansprüche. Nach dem Krieg erlebten Porsches Entwürfe ohne größeres Entnazifizierungsprozedere eine rasche Konjunktur, die angelsächsischen Besatzer erkannten in ihrem unnachahmlichen Pragmatismus sofort den Wert der rundlichen Kutsche für das beginnende demokratische Zivilleben. So wie im Falle der leicht verklärenden Melodie vom Wirtschaftswunder (das hart erarbeitet wurde), ist auch bei der Rückschau auf die prosperierende Entwicklung des VW zu bedenken, daß dies nur für den westlichen deutschen Teilstaat galt. Zwar hängten die ostzonalen Sowjets allem und jedem gern das Präfix „Volks-“ vor den Bug (besonders wenn es gegen dasselbe gerichtet war), doch einen Volkswagen schufen sie nie. Im Westen wischte der Käfer ideologische Schranken beiseite. Im olivgrünen Anstrich diente er dem Kompaniechef genauso wie in bunter Bemalung den friedensbewegten Blumenkindern. 1978 lief die Produktion hierzulande aus, fortan erwuchs in Mexiko die „deutsche Saat in fremder Erde“. Bis jetzt. Legende zu werden, setzt eigentlich einen frühen Tod voraus. Das ist beim Käfer anders.

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