Rückkehr des Staates?

Genau 79 Jahre hat es gedauert, bis auf die große Weltwirtschaftskrise nach dem Schwarzen Freitag an der Wallstreet am 29. Oktober 1929 im Oktober 2008 die zweite folgte. Die Krise von 1929 wurde zum Saatbeet der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Ohne sie wäre weder der Aufstieg Hitlers noch in den USA die Wahl Franklin D. Roosevelts möglich gewesen. Hitler und Roosevelt wurden in ihren Ländern zu den Managern der Krisen, beide durch einen Kurs massiver Staatsinterventionen, der sich in Deutschland zur totalitären Diktatur Hitlers steigerte und auch bei Roosevelt kollektivistische und diktatorische Züge annahm. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich im Westen eine ökonomische Schönwetter- und Wohlstandsepoche von einem runden halben Jahrhundert Dauer, die die Krise vergessen ließ. Die ersten Depressionsanzeichen um das Jahr 2000 wurden von einer immer robusteren Finanz- und Wirtschaftswelt beiseite geschoben, die an den Esel erinnerte, dem es zu wohl wird und der auf dünnem Eis tanzen geht. Das Ergebnis ist nun zu besichtigen. Welches werden diesmal die Folgen sein? Geschichte wiederholt sich selten. Doch gibt es Indizien aus der ersten Krise, die sich in der zweiten abzuzeichnen beginnen. Wie nach einem schweren Erdbeben sich die Hoffnungen für den Wiederaufbau auf die Fundamente richten, wenn die oberen Stockwerke in Trümmern liegen, so setzen auch jetzt wieder viele auf die Staaten als letzten Rettungsanker. Vieles deutet darauf hin, daß auch aus dieser Krise wieder mächtige Interventionsstaaten hervorgehen können, Leviathane linker, sozialistischer Couleur, die sich als Repräsentanten der Massen verstehen. Ohne Einsicht in das Kernproblem der Krise, den Zusammenbruch der moralischen Vernunft in den extrem individualistischen Gesellschaften des Westens, werden jedoch alle Rettungsmaßnahmen Stückwerk bleiben. Nur ein Staat und eine Politik als Hort der Erneuerung von Moral und Sittlichkeit in der Gesellschaft werden die „Kernschmelze“ unseres Finanz- und Wirtschaftssystems überwinden können. Wird dazu aber die heutige politische Klasse bereit sein? Gesellschaft und Politik der liberalen und extrem individualistischen westlichen Welt führten in die Krise. Der kollektivistische Staat bietet sich als Alternative an. Wohin er führte, zeigte sich schon in den dreißiger Jahren. Es geht darum, nicht erneut von einem Extrem in das andere zu fallen: von einem vernunftlosen Individualismus in einen neuen freiheitsfeindlichen Kollektivismus.   Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politikwissenschaft an der Universität Hohenheim.

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