Persönlichkeiten

Die in Deutschland aufwachsenden Jugendlichen werden entgegen mancherorts gehegten Befürchtungen keineswegs in einer Weise sozialisiert, daß sie dazu prädestiniert wären, die Wohlstandsverlierer von morgen zu sein. Sie lernen sehr früh, sich in der Konsumwelt der Erwachsenen zurechtzufinden, und üben ein selbstbewußtes Verhalten als Verbraucher und Mitmensch ein. Dies läßt sich jedenfalls aus einer breit angelegten Studie herauslesen, für die unter der Federführung der Universität Bielefeld 160.000 Jugendliche in 37 Staaten Europas und Nordamerikas, darunter 5.600 alleine in der Bundesrepublik, befragt wurden. So lassen sich beispielsweise schon 15jährige Einwohner Deutschlands in erstaunlich großer Zahl nicht mehr durch die staatlich flankierte Haßkampagne gegen das Rauchen beeindrucken. Jeder vierte von ihnen greift täglich zur Zigarette, Mädchen legen dabei sogar mehr Konsumentensouveränität an den Tag als Jungen. Auf diesem Gebiet lassen sie die Gleichaltrigen in Nachbarländern, die so stolz auf ihre emanzipatorische Tradition sind, weit hinter sich: In Frankreich und in den Niederlanden rauchen gerade einmal 19 Prozent der Halbwüchsigen, in Dänemark gar nur 15 Prozent. Auch im Alkoholgenuß behaupten sich deutsche Jugendliche in den oberen Rängen. 15 Prozent der 13jährigen und fast die Hälfte der 15jährigen greift wöchentlich zur Flasche, ein Großteil von ihnen kann bereits auf erste Trunkenheitserfahrungen verweisen. Alkohol, zur Reinwaschung von Cannabis-Produkten so oft als Droge denunziert, erfreut sich folglich auch bei den Zukunftsträgern unseres Landes ungebrochener Beliebtheit. Es ist legitim, daß die Studie insinuiert, über die Gesundheitsfolgen dieses Konsumverhaltens nachzudenken, zumal der deutsche Nachwuchs hinsichtlich seiner sportlichen Aktivität im internationalen Vergleich unter ferner liefen rangiert. Volkswirtschaftlich sollte man diesen Aspekt gleichwohl nicht überbewerten. Sport ist so betrachtet nur relevant, wenn er sich in der Anschaffung von Utensilien zu seiner Ausübung niederschlägt. Gesunde Menschen sind nur dann ein Ziel, wenn sie für wirtschaftliches Wachstum sorgen. Von vielen, die heute jung sind, ist dies nicht zu erwarten. Kranke hingegen tragen mit ihrem Bedarf zur Prosperität einer Zukunftsbranche bei. Mit Recht freuen darf man sich jedoch über ein Sozialverhalten, das auf die Erfordernisse einer modernen Marktgesellschaft zugeschnitten ist: Jeder zweite 15jährige aus Deutschland bekannte, in den vergangenen Monaten mindestens einmal Mitschüler gemobbt zu haben. Die Unternehmen sollten daher nicht nur ständig darüber lamentieren, daß jugendliche Bewerber so schlechte Deutsch- oder Mathematikkenntnisse mitbringen. Immerhin bekommen sie gestandene Persönlichkeiten, die sich offensiv dem Konkurrenzdruck stellen. Ein anerkennendes Wort dazu ist längst überfällig.

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