Logik des Kreuzzuges

Ein Zufall war es sicher nicht, daß die Kerry-treue New York Times ihren Guantánamo-Report gerade jetzt veröffentlichte. Doch Parteitaktik hin oder her: Was man in der Times über die systematische Mißhandlung „nicht-kooperierender“ Gefangener lesen konnte, klingt – vom Frierenlassen über den Schlafentzug bis zum Traktieren mit Lärm und grellem Licht – eher nach Stasi-Knast und Gulag-Sadismus als nach Demokratisierung. Zwei Wochen vor dem Wahltag steht George W. Bush wieder mal als Präsident da, dessen Regierung amerikanische Werte mit Füßen tritt und Menschenrechte mißachtet. Jedenfalls, wenn es gegen „die anderen“ geht. Nur ein Ausrutscher also? Amerikaner sind nicht besser als andere; auch amerikanische Soldaten begehen Verbrechen, auch amerikanische Politiker greifen ohne schlechtes Gewissen zu totalitären Methoden für ihre vermeintlich gerechte Sache. Das ist keine Panne, sondern liegt in der Logik des Kreuzzugs: Wer jeden Interessenkonflikt zum apokalyptischen Endkampf zwischen Gut und Böse hochstilisiert, tut sich schwer, im Kampf gegen den absoluten Feind rechtliche Mindeststandards einzuhalten, die für alle gelten sollen. Rational ist das dennoch kaum zu erklären. Immer rätselhafter erscheint, welchen Nutzen sich die Bush-Krieger von ihrem Guantánamo-Gulag überhaupt versprechen. Der Erkenntniswert in Sachen Terrorbekämpfung ist sichtlich gering, der Imageschaden, nicht nur in der arabischen Welt, dafür um so größer. Man muß nicht unter Humanitätsduselei leiden, um Guantánamo für ein durchweg fragwürdiges Unternehmen zu halten.

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