Die laizistische Gefahr

Der christsoziale Generalsekretär Markus Söder hat unlängst über die Osterfeiertage getan, was ein ambitionierter Generalsekretär so tut, nämlich die Stille der feiertäglichen Polit-Pause für starke Töne in puncto Klientel-Bewirtschaftung zu nutzen: Deutschland brauche eine konservative Wertediskussion, so Söder unter Mißachtung des christlichen Feiertagsgebotes in einem Zeitungsinterview. Starke Worte, Muskelspiel – und morgen: Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Die Sache wäre der Erwähnung nicht wert, wenn Söder dabei nicht erneut eine Parole unters Volk gebracht hätte, die leider von vielen Konservativen gern gehört und wiederholt wird, die aber gar nicht konservativ ist, ja den Keim der Vernichtung in sich trägt. In unsere Schulen, sagt Söder wörtlich, gehörten „Kruzifixe statt Kopftücher“ – und spielt damit letztlich Konservative gegen Konservative aus. Der klassische Konservatismus in Europa ist historisch nämlich untrennbar mit dem Christentum und dessen Werten verbunden. Elementarer Bestandteil des Christentums ist aber auch der Respekt vor der religiösen Überzeugung eines Menschen, selbst wenn sie falsch – also nicht christlich – sein sollte. Schließlich unterscheidet sich das Christentum – allen Zwangschristianisierungen zum Trotz – gerade durch seine Forderung nach innerer Aufrichtigkeit vor Gott von allen anderen Religionen. Und Konservative müssen daher konsequenterweise jede religiöse Ernsthaftigkeit als Zeichen von Anmut und Demut schätzen. Wovon reden also jene, die „Kruzifixe statt Kopftücher“ fordern? Davon, daß Deutschland ein Land christlicher Tradition ist. Richtig: Sie sprechen von Tradition, also von Kultur, nicht aber von Religion. Sie bringen Kultur gegen Religion in Stellung. Kruzifixe in Schulen zielen auf den öffentlichen Raum, sie sollen ihn als christliches Hoheitsgebiet kulturell markieren – und da hätte in Deutschland in der Tat ein Halbmond, Buddha oder Davidstern nichts verloren. Am Hals oder auf dem Kopf eines Menschen jedoch handelt es sich eben nicht um einen kulturelles Hoheits-, sondern um ein religiöses Gewissenssymbol. Welchem Wert – Kultur oder Religion – das Christentum den Vorzug gibt, wird klar, wenn man sich daran erinnert, daß das Christentum selbst stets auf Kulturbruch gesetzt hat: Zu christianisierende Völkerschaften sollten die Traditionen ihrer Stammesriten zugunsten der christlichen Religion aufgeben. Auch wenn dieser religiöse Primat nicht einfach auf den Islam übertragen werden darf, so wird doch klar, daß das Christentum den Ansprüchen des Gewissens eben vor den Ansprüchen der Tradition Vorrang einräumt. Wer nun argumentiert, das Kopftuch sei aber allzu oft gar kein religiöses, sondern ein politisches Bekenntnis, begibt sich auf totalitäre Pfade: Alle bekämpfen, die Schuldigen werden schon darunter sein! Da hilft auch nicht, darauf zu verweisen, daß der Islam eine Trennung von Religion und Politik, wie in Europa üblich, nicht kennt. Das trifft zwar zu, ändert aber nichts an der Tatsache, daß es sich beim Islam um eine Religion handelt, die grundsätzlichen Respekt verdient. Und auch der Einwand, das Kopftuch finde im Koran keine Erwähnung, sticht nicht, denn viele Symbolen christlicher Religiosität in kommen in der Bibel ebenfalls nicht vor. Und wer das Kopftuch vor allem als Symbol der Unterdrückung der Frau betrachtet, der möge diese bekämpfen und nicht – nach Methode der chinesischen Kulturrevolution – das Kopftuch. Natürlich stimmt, daß der Streit um das Kopftuch längst von interessierter Seite instrumentalisiert worden ist, die großen islamischen Dachorganisationen in Deutschland haben die Auseinandersetzung zu einem Kulturkampf gegen die deutsche Leitkultur gemacht. Diese Attacke muß abgewehrt werden, die Auseinandersetzung aber auf dem Niveau der Drangsalierung von Kopftuchträgerinnen zu führen, bedeutet im Eifer des Gefechts die Werte preiszugeben, für die Konservative stehen. Der Kampf gegen die Masseneinwanderung muß politisch geführt werden, nicht kulturell, denn das bedeutet, dann anzusetzen, wenn es schon zu spät ist, und dort, wo man sich ins Unrecht setzt. Zu den sittlichen Argumenten gesellt sich auch ein praktisches: De facto wird sich die Bevorzugung des Kruzifixes gegenüber dem Kopftuch, etwa in Baden-Württemberg, in unserer säkularisierten Gesellschaft nicht durchhalten lassen. Und so werden unsere Kinder bald keine Kruzifixe mehr in unseren Schulen vorfinden, sollte das Kopftuchverbot aufrechterhalten werden. Dafür wird nicht die muslimische Minderheit in Deutschland, sondern die deutsche, laizistische Mehrheit sorgen. Spätestens die nächste Generation wird, erzogen unter der kulturellen Hegemonie des Laizismus, vielleicht noch eine formale, jedoch keine substantielle Erinnerung mehr daran haben, daß Deutschland einmal ein christliches Land war, und wird dann vorhandene Anti-Kopftuchgesetze, wie heute schon in Berlin, auf christliche Symbole ausweiten. Wer glaubt, mit Linksliberalismus und Laizismus gegen den Islam paktieren zu können, der wird ihm als Nächstes zum Opfer fallen.

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles