Gefährliche Toleranz

Um die König-Fahd-Akademie wird es wohl wieder still werden. Kleinlaut verzichteten die zuständigen deutschen Stellen auf die Schließung. Die Schule werde fortan dafür sorgen, daß grundgesetzwidrige Äußerungen unterbleiben. Ohnehin, so hört man jetzt, sei es nicht um die Schule selber, sondern nur um einzelne Personen aus ihrem Umfeld gegangen, die islamistischer Einstellungen verdächtig seien. Der deutsche Michel atmet erleichtert auf – alles nur halb so schlimm! Sein Unbehagen wird er verdrängen und weiter an den Zeichen an der Wand vorbeischauen: Klagen aus Berliner Schulen, der faktisch ohne Kontrolle erteilte islamische Religionsunterricht polarisiere die Schülerschaft, setze die Integrationswilligen unter Druck; Parallelgesellschaften, die sich gegen den ihnen gegenüber so freigebigen deutschen Staat abschotten usw. – was hat das den deutschen Michel zu kümmern? Auch die Mehrheit der politischen Klasse übt sich im Weggucken. Hat sie nicht mit der Erleichterung des Erwerbs der deutschen Staatsbürgerschaft und mit der Förderung des Deutschunterrichts das Ihre getan? Ein paar militante Islamisten mag es geben, aber sie werden sich doch milde stimmen lassen, wenn wir Deutsche uns tolerant zeigen und „auf sie zugehen“. Der Islam – in unserer pluralistischen Gesellschaft kein Problem! Wie lange hört man diese Leier schon, zumal in den großen meinungsmachenden Medien! Aber unter der Decke der politischen Wohlerzogenheit sammeln sich inzwischen Unmut und Verdrossenheit. Hielt man früher Vorträge zu islamischen Themen und erläuterte dabei offen, inwiefern grundlegende religiös-politische Überzeugungen der Muslime nicht mit dem Menschenbild und wichtigen Bestimmungen des Grundgesetzes zu vereinbaren sind, dann konnte man sicher sein, von empörten Stimmen aus dem Publikum abgekanzelt zu werden: Der Islam, das wisse doch jeder, sei durch und durch tolerant, fortschrittlich, friedfertig; ihm verdankten wir unsere Kultur, denn „als wir noch auf den Bäumen saßen, da …“ usw. usf. Solche Stimmen sind seltener und leiser geworden. Es mehren sich Diskussionsbeiträge, die persönliche Erfahrungen mit muslimischem Überlegenheitsdünkel und mit schroffer Ablehnung, ja Verächtlichmachung der hiesigen Verhältnisse wiedergeben. Solche Erfahrungsberichte belegen, daß die Unterscheidung zwischen einem angeblich unproblematischen Islam und einem – im Wohlwollen zu erstickenden – Islamismus nichts als eine bequeme Denkschablone ist, die vor der unangenehmen Frage schützt: Wieviel Freiheit soll man Zuwanderern einräumen, die mit einer ganz fremden Weltsicht zu uns kommen, einer religiös fundierten Weltsicht zudem, die ihnen von Kindesbeinen an suggeriert: „Ihr (Muslime) seid die beste Gemeinschaft, die den Menschen gestiftet wurde. Ihr gebietet, was recht ist, verbietet, was verwerflich ist, und glaubt an Gott. Wenn die Leute des Buches (d. h. die Juden und Christen) auch glaubten, wäre es besser für sie …“ (Sure 3, 110). Nicht erst der „Islamismus“, die politische Seite des absoluten Wahrheitsanspruches des Islams, bedroht die freiheitliche, pluralistische Gesellschaft, sondern schon der alltägliche Islam, sofern diese Gesellschaft sich nicht aufrafft, entschlossen und mit intellektueller Redlichkeit jener Weltsicht entgegenzutreten. Die in ihr propagierte unauflösbare Einheit von Religion und Politik, von religiös begründetem Wahrheitsanspruch und politischem Dominanzstreben, bildet das Fundament des muslimischen Verständnisses von Staat und Gesellschaft und wurde selbst in der Türkei nicht überwunden, sondern nur durch den Laizismus als die Ideologie der Machtelite überlagert – jedenfalls bis vor kurzem. Die Integration der Muslime verlangt uns, der aufnehmenden Gesellschaft, Anstrengungen ab, wie wir sie bislang letzten Endes gescheut haben: Die fremde Weltsicht der Zuwanderer muß nüchtern in all ihren Facetten zur Kenntnis genommen werden. Besonnen, aber beharrlich und mit Nachdruck müssen ihr die eigenen Grundsätze entgegengehalten werden. Es ist von den muslimischen Zuwanderern zu verlangen, daß sie diese ohne Wenn und Aber respektieren. Die Konsequenz wäre ein auf den Kultus beschränkter Islam, gewiß eine unerhörte Neuerung. Aber schließlich ist auch die heutige gesellschaftliche Situation völlig neu. Es kommt darauf an, den integrationswilligen Muslimen, die es in großer Zahl gibt und die aus eigener Einsicht längst einen unseren Verhältnissen Rechnung tragenden Islam praktizieren, den Rücken zu stärken. Man unterlasse es endlich, aus purer Konfliktscheu oder aus pharisäerhaftem Toleranzgehabe den um ihren Einfluß bangenden muslimischen Verbandsfunktionären und ihren Einflüsterern außerhalb Europas schönzutun! Um den Muslimen künftig den Weg in unsere Gesellschaft zu bahnen, könnte ein inhaltlich streng am Grundgesetz ausgerichteter islamischer Religionsunterricht nützlich sei; er müßte freilich auf die Verkündung muslimischer All-Überlegenheit verzichten. Ob man in Niedersachsen, wo man sich gerade auf dieses Feld vorwagt, das nötige Problembewußtsein hat? Prof. Dr. Tilman Nagel lehrt seit 1981 Arabistik an der Universität Göttingen. Er veröffentlichte zahlreiche Schriften zum Islam.

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