Die polnische Karte

Fast zur gleichen Zeit, da sich die vier „Neinsager“ des Irak-Krieges – Deutschland, Frankreich, Belgien und Luxemburg – in Brüssel trafen, um zu beraten, wie sich Europa gegenüber dem wachsenden Druck der USA behaupten könne, ließ die Bush-Administration einen weiteren Donnerschlag gegen die EU und indirekt gegen die ungehorsamen Deutschen los. Washington gab bekannt, daß der Irak in mehrere Zonen (nach dem Vorbild Deutschlands 1945?) aufgeteilt werde. Die USA sollen die Mitte mit der Hauptstadt Bagdad kontrollieren, die Briten den südlichen Teil mit Basra und den schiitischen Zentren. Als dritter im Bunde taucht – überraschenderweise – Polen auf, das mit 20.000 Mann die Kontrolle über das Kurdengebiet im Norden ausüben soll. Inzwischen war bereits von einer weiteren, vierten Besatzungszone die Rede. Die Heranziehung Polens ist ein klarer Affront gegen die Deutschen. Polen als EU-Kandidat hat damit nicht zum erstenmal – zuletzt bei seiner Entscheidung für die amerikanische F-16 und gegen den Eurofighter – gegen Europa votiert. Warschau hat damit beschlossen, auf die stärkeren US-Bataillone zu bauen und die Europäer links liegen zu lassen. In Warschau hofft man auf großzügige amerikanische Finanzhilfe, ferner auf Verlegung der in Deutschland stationierten US-Truppen in die polnische Provinz, wo mehrere ehemalige Sowjetstützpunkte zur Verfügung stünden. Während der transatlantische Dialog zwischen Schröder und Bush auf kleiner Flamme gehalten wird, befinden sich die Polen gegenwärtig im Zustand der US-Gnade. Angesichts der holzschnittartigen Denkweise der gegenwärtigen US-Führung sollte es nicht wundern, wenn Washington die Protegierung der Polen zugleich als gerechte Strafe für die Deutschen einsetzt. Das aber kann für die erweiterte EU zerstörende Folgen haben. Gewiß, auch die polnischen Bäume wachsen nicht in den Himmel, aber zunächst ist zwischen Warschau und Berlin die Saat des Mißtrauens ausgesät worden. Wird man auf vertraulichen EU-Sitzungen noch frei sprechen können – oder muß man damit rechnen, daß die polnischen Ohren alles brühwarm nach Washington weitermelden? Zudem erscheint auch der überraschende polnische Vorschlag, das bereits existierende deutsch-polnisch-dänische Nato-Korps als Besatzungsmacht im Nordirak zu beteiligen, als wohlkalkulierte Steigvorlage für deutsche „Atlantiker“. Die deutsch-polnischen Beziehungen sind eines der delikatesten Kapitel. Das Erscheinen einer polnischen Okkupationsarmee im wilden (irakischen) Kurdistan kann sicher nicht als vertrauensbildende Maßnahme in Europa und gegenüber Deutschland bezeichnet werden. Sollte es im „kurdisch-polnischen Sektor“ zu ernsthafteren Schwierigkeiten kommen, könnte die ganze EU haftbar gemacht werden. Ob die polnische Diplomatie so meisterhaft agiert, daß sie in diesem explosiven Gelände eine Quadratur des Kreises vollbringt, muß abgewartet werden. So kommt zur Oder-Neiße-Linie auch noch die polnische Euphrat-Tigris-Linie als Hypothek. Für den Kontinent wäre es am besten gewesen, kein kontinentaleuropäisches Land würde sich an der Entsendung von Truppen beteiligen. Nun kann es passieren, daß Deutsche, Franzosen und andere Europäer für die polnische Streitmacht die Zeche zahlen müssen. Sie könnte auch blutig ausfallen. Unter den Kommentaren zum amerikanisch-polnischen Schachzug stach ein besonders skurriler Beitrag ins Auge. In der Welt wurde die seinerzeitige SED-Parole „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“ schlicht und einfach für die Gegenwart adaptiert: „Von Polen lernen, heißt siegen lernen.“ Nun kann man von den Polen, die ein zum Heroischen neigendes Volk sind, manches lernen, aber siegen lernen am wenigsten, weil die Polen auch ein tragisches Volk der gescheiterten Aufstände und Revolutionen sowie der verlorenen Feldzüge sind. Ob es auf längere Sicht gut für die Polen ist, sich von den Amerikanern gleichzeitig gegen die arabisch-islamische Welt und gegen Paris und Berlin instrumentalisieren zu lassen, bleibt zweifelhaft. Bezeichnend ist auch, daß allein die Tatsache, daß sich die vier Anti-Irak-Krieg-Rebellen zusammensetzten, um über eine effizientere europäische Verteidigung und größere Eigenständigkeit gegenüber Washington zu beraten, bei den „Atlantikern“ für hämische Kommentare über diesen „Pralinengipfel“ (Brüssel als Stadt der Schokolade und Süßigkeiten) der „Viererbande“ herhalten mußte. Der britische Premier Tony Blair empfahl den Europäern sogar „Demut“ und Folgsamkeit gegenüber den USA und warnte vor weiteren anti-amerikanischen Aktionen. In Wirklichkeit ging es keineswegs um eine anti-amerikanische Rebellion. Die Deutschen und Franzosen wollten lediglich die durch den US-Unilateralismus verschobenen Gewichte wieder ins Lot bringen. Daß sie dabei auf amerikanisches Unverständnis stießen, ist nicht die Schuld der „Rebellen“. Alle Europäer befinden sich gegenüber den (militär-)technologisch übermächtigen Amerikanern derart im Nachteil, daß man den „Aufstand“ gegen Washington allenfalls als „Rebellion auf den Knien“ bezeichnen könnte. Sollte sie mißlingen, würde das nicht zur weltpolitischen Stabilität beitragen.

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