Auch nach Varus’ Niederlage blieben die Römer frech

Im Jahre 2009 jährt sich die legendäre „Hermannsschlacht“, die heute  in Anlehnung an den Namen des militärischen Verlierers als Varusschlacht bezeichnet wird – nunmehr zum zweitausendsten Male. Überall in Deutschland wird dieses „Jubiläum“ des vermeintlich gesamtgermanischen Sieges unter der Führung des Cheruskers Arminius über die römischen Besatzer auf verschiedenste Arten begangen.

Anlaß genug, um über die Hintergründe des offiziellen Römerjahres Gedanken zu reflektieren und gerade den in Wissenschaft und Medien nicht unumstritten präsentierten Ort dieser Schlacht, das Museum und den Park Kalkriese, in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu rücken.

In der Kalkrieser-Niewedder Senke bei Bramsche, ungefähr 16 Kilometer vom niedersächsischen Osnabrück entfernt, wurden bereits seit dem 17. Jahrhundert immer wieder römische Funde gemacht. Schon der berühmte Historiker und Altertumswissenschaftler Theodor Mommsen (1817–1903) äußerte 1885 die Vermutung, daß es sich bei der Fundregion im Osnabrücker Land um das Schlachtfeld handle, auf dem die Legionen des Varus samt Hilfstruppen und Troß im Jahre 9 nach Christus in einem Gefecht gegen germanische Stämme ihren Untergang fanden.

Militariafund Anlaß zu weiteren Grabungen

Diese Meinung stützte sich jedoch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts allein auf numismatische Funde und fand seinerzeit schon wissenschaftlichen Widerspruch. Ein beweisbarer militärischer Bezug dieses Fundareals blieb bis zum Sommer 1988 aus. Damals gelang es dem britischen Major Tony Clunn, durch Einsatz eines Metalldetektors drei Schleuderbleie ans Tageslicht zu bringen, die einer römischen Hilfstruppeneinheit aus dem Mittelmeerraum zugesprochen wurden.

Dieser Fund von Militaria in Verbindung mit den bereits erwähnten Münzen, die größtenteils aus der Regierungszeit des Kaisers Augustus (27 vor bis 14 nach Christus) stammen und aufgrund von datierbaren Gegenstempeln nicht über das Jahr 9 nach Christus hinausreichen, gab Anlaß zu weiteren Grabungen, der Einrichtung eines Museums und der Festigung der wissenschaftlichen Meinung, nach der sich unter den fast 700 vermuteten Lokalisierungsversuchen der Varusschlacht die Kalkrieser-Niewedder Senke als Spitzenkandidat durchgesetzt hatte.

Zuträglich war dieser Etablierung die entsprechende Auslegung der vorhandenen römischen Quellen wie zum Beispiel Tacitus, Velleius Paterculus oder auch Cassius Dio. Anzumerken ist an dieser Stelle, daß keiner der Autoren Augenzeuge der Schlacht war. Einige wenige kannten Germanien aus eigener Beobachtung. Dennoch wurde die dort beschriebene Örtlichkeit des Hinterhalts von Arminius auf Kalkriese projiziert.

Beweiskraft numismatischer Funde angezweifelt

Untermauernd wirkte bei dieser Projektion der Fund einer Wallanlage am Kalkrieser Berg durch die dort tätigen Archäologen. Jedoch sollten schon allein die verschiedenen Darstellungen der einzelnen Autoren den quellenkritischen Betrachter zur Vorsicht mahnen, die in den alten Schriften dargestellten Örtlichkeiten deckungsgleich zu übertragen. Demzufolge verwundert es nicht, daß es vehemente Kritiker an dem „Projekt Kalkriese“ gibt, die oftmals durchaus überzeugende Argumente liefern.

So wird zum Beispiel die Aussagekraft der numismatischen Funde angezweifelt. Fraglich ist in der Tat, ob man anhand der Münzen eine Abgrenzung von militärischen Aktionen des Varus gegenüber denen des Germanicus machen kann, der fünf Jahre später mit insgesamt acht Legionen im selben Gebiet operierte.

Eine durchaus überzeugende Meinung zweifelt an, daß militärische Einheiten an den Grenzen des Imperiums zeitnah nach einer neuen Münzprägung mit dieser beliefert wurden. Dementsprechend dürften ältere Münzen noch einige Zeit im Umlauf gewesen und genutzt worden sein. Fundiert erscheint auch die Frage, ob man anhand der verschiedenen Funde von Militaria eine absolute Abgrenzung zwischen den besagten zeitlichen Horizonten ziehen darf.

Bisher keine endgültige Antwort

Man kann die Frage zulassen, ob man an militärischer Ausrüstung innerhalb von fünf Jahren einen Wandel feststellen kann. Somit wäre an dieser Stelle wissenschaftlich durchaus die Frage erlaubt, inwiefern die militärischen Ereignisse in der Kalkrieser-Niewedder Senke nicht auch in die Zeit der Operationen des Germanicus fallen könnten.

Diese werden ebenfalls in den römischen Quellen dargestellt – und als ob die Geschichte den Kalkriese-Kritikern in die Hände spielen möchte, wird aus ebendieser Zeit der römischen Feldzüge zwischen 14 und 16 nach Christus ebenfalls von ganz konkreten Schlachtszenarien berichtet, auf die wiederum die vorgefundenen Funde und Befunde im Osnabrücker Land passen könnten.

Eine endgültige Antwort auf die Frage nach der Beweiskraft von Kalkriese kann also bis dato nicht gegeben werden. Allerdings erscheint die Meinung, daß an dieser Stelle eine militärische Auseinandersetzung unter Beteiligung römischer Truppen stattgefunden hat, durchaus schlüssig und überzeugend. Allein die Datierung und Einordnung in die schriftlichen Quellen erscheint noch nicht hieb- und stichfest.

Vernichtete Legionen nie wieder aufgestellt

Unzweifelhaft bleibt jedoch, daß die Bedeutung der Varusschlacht sowohl für die römische als auch für die germanische Geschichte einer Revision bedarf. Keineswegs war sie der einschneidende Punkt in der römischen Germanien-Politik, der die Truppen des Imperiums zurück an den Rhein trieb und alle militärisch-politischen Absichten erlöschen ließ. Auch war es kein großer Befreiungsschlag der Germanen gegen die römischen Okkupatoren.

Sicherlich stellte die Niederlage des Varus für das Reich einen großen Prestigeverlust dar. Immerhin gelangten drei Legionsadler, Symbole militärischer Macht und vermeintlicher Überlegenheit, in die Hände des Feindes aus dem Norden. Die Tragweite und Bedeutung dieses Ehrverlusts wird geradezu deutlich, wenn man sich vor Augen hält, daß die vernichteten Legionen XVII, XVIII und XIX niemals wieder aufgestellt wurden.

Allerdings stellte die Niederlage offenkundig eher eine militärische Fermate als eine Zäsur dar. Bereits fünf Jahre später operierte das regruppierte und verstärkte römische Heer wieder unter anderem im nordgermanischen Raum. Und selbst mit den Rachefeldzügen des Germanicus scheinen diese militärischen Aktionen kein Ende gefunden zu haben.

Folgen der Varusschlacht bleiben ein Rätsel

Im Sommer 2008 wurden im östlichen Niedersachsen im Landkreis Northeim Spuren einer Schlacht zwischen Germanen und Römern aus dem dritten nachchristlichen Jahrhundert gefunden. Ihre Entdeckung beweist, daß auch noch 200 Jahre nach der römischen Niederlage in der Varusschlacht Truppen tief im Norden Germaniens operierten und keinesfalls durch diese vertrieben wurden. Zumindest diesbezüglich müssen einige Geschichtsbücher definitiv eine Änderung erfahren.

Auch nach über hundert Jahren haben Theodor Mommsens Worte nicht an Bedeutung verloren: „Die Varusschlacht ist ein Rätsel, nicht militärisch, aber politisch, nicht in ihrem Verlauf, aber in ihren Folgen.“ Die Schlacht zwischen den Truppen des Varus und des Arminius gibt uns bis heute Rätsel auf, die auch mit moderner Technik nicht zu lösen sind.

Im Rahmen des Varus-Jahres 2009 findet vom 14. bis zum 18. September ein Kongreß der Universität Osnabrück mit dem Titel „Grenzen des Imperiums – Grenzenloses Imperium?“ statt. Es bleibt abzuwarten, ob sich zweitausend Jahre nach der Schlacht zumindest einige Fragen klären lassen. Offenkundig scheinen jedoch Wissenschaft und Forschung in diesem Bereich jederzeit zu einer überraschenden Sensationsmeldung in der Lage zu sein, die das Bild der römischen Germanienpolitik zu ändern vermag.


Dirk Bullack ist Althistoriker und römischer Provinzialarchäologe.

Ausstellung: Imperium Konflikt Mythos – 2000 Jahre Varusschlacht 2009 bis 25.10.2009 im LWL-Römermuseum, Weseler Straße 100, Haltern am See, Info: 023 64 / 9376-38, im Museum und Park Kalkriese, Venner Straße 69, Bramsche-Kalkriese, Info: 054 68 / 92 04-200 und im Lippischen Landesmuseum Detmold, Ameide, Detmold, Info: 052 31 / 99 25-409

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