Joachim Kuhs

 

Suche nach den großen Wahrheiten

Schon für die amerikanische Gründungsgeschichte ist zu fragen: Wurde sie eher von fortschrittlichen oder von konservativen Motiven bestimmt? Die Verfassung der jungen, aus einem Unabhängigkeitskrieg hervorgegangenen Republik sah sich den Vernunft- und Fortschrittsidealen der Aufklärung verpflichtet, doch die Rebellion gegen den Machtanspruch der britischen Krone ließ sich leicht auch als „konservative Revolution“ gegen den „Leviathan“ des monarchischen Despotismus verstehen. Die Protagonisten der Unabhängigkeit kamen aus der konservativen Einwanderungsaristokratie Neuenglands und der südlichen Staaten wie Virginia, wie sich an den führenden Gestalten wie George Washington und den zweiten und dritten Präsidenten John Adams und Thomas Jefferson sowie den Autoren der Federalist Papers, Alexander Hamilton und James Madison, zeigen läßt. Sie alle huldigten den klassischen Idealen der „gemischten Verfassung“ des Aristoteles, der Gewaltenteilung und Balance, um Machtmißbrauch, Oligarchie und Tyrannis zu verhindern.

Doch dieser konservativ-liberale Beginn wurde bald von den Einflüssen der Französischen Revolution und der Demokratie Rousseaus zurückgedrängt. Mit Andrew Jackson kam 1830 der erste Präsident an die Macht, der nicht mehr aus der Gründeraristokratie stammte, sondern als self-made man an Freiheit und Gleichheit glaubte, der Industrialisierung die Tore öffnete und den amerikanischen Mythos des Aufstiegs des Tüchtigen vorbereitete. Es war diese Jacksonian Revolution, die erste Phase der demokratischen Revolution, die Alexis de Tocqueville vorfand, als er 1831 die jungen Staaten bereiste und darüber sein berühmtes Buch „Über die Demokratie in Amerika“ (1835) schrieb.

In einem blutigen Bürgerkrieg (1862–1865) setzte dann der progressive Norden die neuen Maßstäbe gegen den noch konservativ-agrarisch-feudalen Süden durch. Und mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wurde dieses fortschrittlich-kapitalistische Amerika jene in die Welt ausgreifende imperialistische Macht, wie sie die Präsidenten Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson repräsentierten.

Wilsons Parole „to make the world safe for democracy“ formulierte zum ersten Mal den Anspruch der amerikanischen Demokratie auf eine politische Heilslehre mit globalem Anspruch, der noch hundert Jahre später in der sich seltsamerweise konservativ-republikanisch verstehenden Politik George W. Bushs fortwirkte.

Nach einem kurzen republikanischen Zwischenspiel (1922–1933) kehrten mit Franklin D. Roosevelt die Demokraten an die Macht zurück, um die kapitalistische Weltwirtschaftskrise seit 1929 durch eine Politik der Staatsintervention zu überwinden, das Land zu modernisieren und die Zentralregierung zu stärken. Die folgenden rund zwanzig Jahre der demokratischen Präsidenten Roosevelt (1933–1945) und Harry S. Truman (1945–1952) hat man mit guten Gründen die Epoche der „Roosevelt-Revolution“ genannt, die die amerikanische Verfassungswirklichkeit tief umgestaltete.

Roosevelts Politik des New Deal und dann vor allem der Krieg gegen Deutschland, Italien und Japan führten zu einer Intensivierung der Tätigkeit und Zuständigkeit des Staates und der Zentralregierung in Washington, die der angelsächsischen Tradition des kapitalistischen freien Kräftespiels mehr und mehr widersprach. Sie rief ein modernes, durchaus oligarchisches Machtsystem ins Leben. Dessen Teilsysteme – die Zentralregierung in Washington, die ökonomischen Interessenverbände (lobbies) und Gewerkschaften, die gewaltig aufblühenden Massenmedien und schließlich das höhere Erziehungssystems der Universitäten und Colleges – ließen in ihrem Zusammenwirken eine zunehmend konformistische Lebensform in einer sich rasch säkularisierenden modernen Gesellschaft entstehen, die bis in die Kapillaren des Denkens und Fühlens der Menschen vordrang – den vielzitierten „American way of life“.

Das traditionell religiöse Bild des Menschen wurde durch ein säkulares, positivistisch-behavioristisches ersetzt, das den Menschen als Produkt der Gesellschaft und Bündel von Verhaltensweisen faßt, die es rational-wissenschaftlich zu erkennen und zu beeinflussen gilt, und das eine entsprechende Erziehungstheorie und -praxis verbreitete (John Dewey, B. F. Skinner und andere). Ähnlich wurden auch Gesellschaft und Staat auf ein Raster rationaler und entsprechend analysierbarer Prozesse von Machterwerb und Machtverlust reduziert (Talcott Parsons).

Diese Roosevelt-Revolution forderte seit den fünfziger Jahren eine wachsende konservative Gegenbewegung heraus, die Kritik an dem neuen Leviathan im modernen demokratischen Gewand übte, wie sie schon Tocqueville als „demokratischen Despotismus“ umrissen hatte. Dieses conservative movement, wie es sich bald selbst nannte, rebellierte gegen den linksintellektuellen Konformismus, wie er sich insbesondere an den Elite-Universitäten Harvard, Yale oder Princeton ausgebreitet hatte. Ihre Kritik galt der vom linksliberalen Kollektivismus der Roosevelt-Jahre dogmatisierten wertfreien Wissenschaft, einer Diktatur des Relativismus, die das selbständige Denken bedrohte.

Gegenüber diesem Gesellschaftsglauben kam es bei den Konservativen zu einer Wiederentdeckung der klassischen Naturrechtsphilosophie, die auch die religiöse Natur des Menschen und seine transzendenten Bedürfnisse nicht ausschließt, sowie der Erfahrung, daß die Menschen ohne normative Grundlagen und philosophische und religiöse Prinzipien nicht eigenständig und würdig zu leben vermögen.

Es ist aufschlußreich, daß dieses conservative movement vor allem von Universitäten und Colleges seinen Ausgang nahm. Hier sammelten sich Wissenschaftler, Professoren und Studenten mit der Absicht, in einer linksliberal- konformistisch gewordenen Gesellschaft wahre Aufklärung als konservative Aufgabe zu verstehen und dazu Netzwerke zu bilden wie das Intercollegiate Studies Institute (ISI) mit seinen Sommerkursen und – wie es die Linke vorgemacht hatte – durch Personalpolitik und über die Medien Einfluß zu gewinnen, auch durch eigene Zeitschriften, Bücher und Buchreihen. Hier wurde besonders der Verlag Henry Regnery in Chicago wichtig, der den konservativen Stimmen Raum gab; dort erschien auch Hans Rothfels’ Buch „The German Opposition to Hitler“ (1948).

Die Kritik galt dem Menschenbild der von der Roosevelt-Revolution umgepflügten Gesellschaft und ihren konformistischen Tendenzen, die sich gegen das selbständige Urteilen und Denken richteten. Schon 1950 war in diesem Sinne der Soziologe David Riesman mit seinem Buch „The Lonely Crowd“ (Die einsame Masse) hervorgetreten, in welchem er die „Außenlenkung“ und Konformität der Mehrheit durch Medien und Erziehung aufs Korn genommen hatte.

Schon dieser intellektuell-akademischen Herkunft wegen wurde die konservative Bewegung alles andere als eine einheitliche, gar monolithische ideologische Kraft – was ihre Stärke und Schwäche in einem bis heute ausmacht. Vielmehr fanden sich in einer Koalition klassische Liberale und Libertäre, Traditionalisten und Verfechter des angelsächsischen Naturrechts, ja selbst konvertierte einstige Linke und Trotzkisten zusammen, die erkannt hatten, daß „ihr Gott keiner war“.

Schon 1944 war in England von dem emigrierten liberalen Wiener Nationalökonomen Friedrich von Hayek das einflußreiche Buch „The Road to Serfdom“ (Der Weg zur Knechtschaft) erschienen, das mit seiner Kritik einer staatskontrollierten Ökonomie und der omnipotenten Regierung der Roosevelt-Ära Aufsehen erregte. 1955 erschien von dem Studenten William Buckley das Buch „God and Man at Yale“ mit seiner durchschlagenden Kritik des Lebens und Denkens an den Ivy-League-Universitäten. Im gleichen Jahr gründete Buckley die Monatsschrift The National Review, die in den folgenden Jahrzehnten wesentlich zur Verbreitung konservativer Ideen beitrug.

Wissenschaftler und Publizisten, nicht zuletzt aus Kreisen der aus Europa und Rußland einströmenden Emigration, verstärkten die konservative Bewegung und das Plädoyer für Philosophie jenseits eines platten gesellschaftlichen Utilitarismus mit dem Ziel, überhaupt erst wieder einen Standpunkt in der notwendigen Auseinandersetzung mit Totalitarismus und Tyrannis zu gewinnen.

An der Universität Chicago wandte sich der Philosoph Leo Strauss mit seiner Erneuerung des klassischen Naturrechts gegen dessen Zerstörung durch Positivismus und Historismus. Eric Voegelin, ein aus Österreich emigrierter katholisch-konservativer Historiker, verglich die zeitgenössische Massengesellschaft mit der häretischen Gnosis in der Spätantike. 1950 hatte Billy Graham unter dem Eindruck des Krieges mit seinen Evangelisationsfeldzügen begonnen und in der mehrheitlich säkularisierten amerikanischen Gesellschaft die Tatsachen des Bösen und der Erbsünde wieder ins Bewußtsein gerückt; ein Unternehmen, das am Beginn der evangelikalen Erneuerungsbewegung stand, einem immer einflußreicheren Flügel der konservativen Bewegung, der für die Präsidentschaftswahlkämpfe wichtig wurde.

Konservativen wie Russell Kirk und anderen ging es um eine Wiederentdeckung der angelsächsischen Tradition und ihrer Werte gegen den Konformismus des linksliberalen Zeitgeistes. Alle politischen Probleme, so erklärte Kirk ähnlich wie Carl Schmitt, waren im Kern religiöser und moralischer Natur. Die anarchischen Impulse des Menschen zeigten, daß er ohne Grenzziehungen, ohne „Normen“ nicht menschenwürdig zu leben vermag. Kirk zitierte Edmund Burkes klassisches Diktum, daß Menschen mit ungezügeltem Geist nicht frei sein können und ungeachtet aller Freiheitsrhetorik die Leidenschaften ihre Fesseln schmieden. Die Konservativen gewannen Zuspruch auch aus dem Kreis Roosevelt-kritischer revisionistischer Historiker wie Charles Beard, Harry Elmer Barnes und William Henry Chamberlin.

In der Mitte der fünfziger Jahre waren die Konservativen in den USA eine respektable kulturelle Kraft geworden, die, wenn schon nicht breite Zustimmung, so doch zunehmend öffentliche Beachtung fand. Eine in Relativismus befangene Gesellschaft begann wieder nach den „großen Wahrheiten“ (great truths) zu fragen. Eine ganze Schule der Politikwissenschaft und der Internationalen Politik mit Autoren wie Hans-Joachim Morgenthau (nicht zu verwechseln mit dem unseligen Roosevelt-Berater Henry Morgenthau) oder dem Diplomaten und Historiker George F. Kennan stellte zum Beispiel den politischen Messianismus der Außenpolitik der Roosevelt-Ära in Frage und betonte die Faktoren der Macht und des Interesses als Grundbedingungen einer realistischen Außenpolitik.

1963 bewarb sich nach langer Zeit erstmals wieder ein konservativer Kandidat, Barry Goldwater, mit einiger Aussicht auf Erfolg um das Präsidentenamt gegen Lyndon Johnson, den Nachfolger Kennedys. 1973 gewann der Republikaner Richard Nixon die Wahl. Seinem Außenminister Henry Kissinger gelang es, den Vietnamkrieg zu beenden und eine realpolitische Verständigung mit Mao Tse-tungs China einzuleiten. Nixons Präsidentschaft wurde durch den Watergate-Skandal vorzeitig beendet und verdunkelt. Doch auch die achtjährige Präsidentschaft Ronald Reagans (1980–1988) wäre ohne die vorbereitende „Graswurzelarbeit“ der konservativen Bewegung kaum möglich gewesen. Reagan mit seiner liberalen Wirtschaftspolitik im Inneren und einer entschieden antisowjetischen Außenpolitik führte die USA am Ende der achtziger Jahre schließlich zum Sieg im Ost-West-Konflikt.

Als nach der demokratischen Präsidentschaft Bill Clintons (1992–2000) der Republikaner George W. Bush Präsident wurde, hatte dessen Konservatismus eine weitgehend andere Färbung angenommen, als sie etwa die Reagan-Regierung kennzeichnete. Bush vertrat programmatisch einen „sozialen Konservatismus“ (compassionate conservatism), der in seinem zweiten Wahlkampf 2004 mit einer breiten Koalition religiös-konservativer Kräfte und konservativer Demokraten zum Erfolg führte. Von den Demokraten übernahm er die Ideologie und Praxis des big government, einer starken Zentralregierung, der bisher alle Konservativen widerstrebt hatten.

Und wie einst unter demokratischen Regierungen fanden sich nun auch in den Washingtoner Büros der Bush-Regierung Professoren, Pädagogen, Umweltexperten, Stadtplaner und Soziologen zusammen – nominell, um an einer politisch-moralischen Erneuerung mitzuarbeiten, doch faktisch oft, um linke idealistische Hoffnungen zu erfüllen. Vor allem aber Bushs Außenpolitik unter dem Einfluß „neokonservativer“ spin doctors mit ihrem erklärten Ziel „to end tyranny in our world“ erinnerte mehr an Wilson, Roosevelt oder Kennedy denn an Nixon, Kissinger oder Reagan.

Die Bush-Regierung endete vor allem in der Außen- und Wirtschaftspolitik in katastrophalen Sackgassen. Ihre Koalition von 2004 zerstob in alle Winde. Ein großer Wechsel zur Linken hin war die Folge. Es ist zu erwarten, daß in der Regierungszeit Barack Obamas die Politik ungehemmter Staatsintervention in der Tradition der Roosevelt-Epoche – allein schon unter den Zwängen der Krisenbewältigung – erneut verstärkt werden könnte in Richtung auf ein „therapeutisches Verwaltungsregime“ (Paul Edward Gottfried) linksliberaler Prägung und eines vertieften gesellschaftlichen Konformismus der Political Correctness. Dann wird abermals die Behauptung eines geistigen und moralischen Freiheitsraums in der amerikanischen Gesellschaft zur konservativen Aufgabe kommender Generationen.

Prof. Dr. Klaus Hornung lehrte Politikwissenschaft an der Universität Hohenheim. Auf dem Forum der JUNGEN FREIHEIT schrieb er zuletzt über den Epochenwechsel in der Weltpolitik (7/09).

Foto:  Typische Landkirche im US-Bundesstaat Wisconsin: Die evangelikale Erneuerungsbewegung rückte in einer säkularisierten, materialistischen Gesellschaft die Wirklichkeit des Bösen und der Erbsünde wieder ins Bewußtsein.

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