Betrügerische Liebesschwüre

Es sollte nur Urlaub sein: eine Woche faul am Strand liegen und nichts tun. Michaela Sobotta hatte es sich verdient. Zwei Jahre war sie ohne Ferien ausgekommen. Eine unglückliche Beziehung hatte sie hinter sich gelassen. Völlig ausgebrannt landete die 39 Jahre alte Einzelhandelskauffrau auf Djerba in Tunesien. Hier wollte sie ausspannen, Kraft tanken nach den regelmäßigen 50-Stunden-Wochen, die ihr Job mit sich brachte. Doch die Auszeit sollte für sie der Einstieg in einen Alptraum werden, der noch heute andauert. Michaela Sobotta ist zum Bezness-Opfer geworden. Bezness, das heißt eigentlich nichts anderes als Business: ein Geldbrunnen, der schon seit mehreren Jahren sprudelt. Es ist das Geschäft junger islamischer Männer mit Frauen aus den wohlhabenden Ländern des Westens. Sie verlieben sich in Männer, die ihnen das Paradies auf Erden vorspielen, ihnen das Gefühl geben, eine Prinzessin zu sein. Doch der Traum aus „Tausendundeiner Nacht“ erfüllt sich nicht. Jahre später ist das Herz der Opfer schwer und das Konto um einige tausend Euro erleichtert. Michaela Sobotta hatte nur beiläufig von solchen Vorfällen gehört, hielt sich für immun gegen solche Attacken. Doch in der Pianobar ihres Hotels winkt ein junger Tunesier sie zu seinem Platz herüber. Es war ein Wink ins Unglück. Nabil ist 35 Jahre alt, spricht perfekt Deutsch. „Der sah gar nicht so aus wie ein Tunesier“, erinnert sie sich. Smalltalk entsteht. Fragen wie: „Woher kommen Sie? – Was machen Sie?“ – „Der hat mich da schon systematisch abgecheckt“, weiß Michaela Sobotta heute. Schnell ist eine Verabredung für den nächsten Tag am Strand getroffen. Am Abend geht es gemeinsam in die Disco. Es kommt zum ersten Kuß. Michaela Sobotta verbringt den gesamten restlichen Urlaub mit Nabil, der in einer Pizzeria arbeitet. Adressen werden ausgetauscht. Als es für sie zurück nach Deutschland geht, verbucht sie das Erlebte zunächst als Urlaubsflirt. „Es war aufregend, aber ich war nicht verliebt“, sagt sie. Dann folgten die Telefonate. Die Briefe und Postkarten. Einen Monat später wollte er sie besuchen kommen, um bei ihrem Geburtstag dabeizusein. Es sollte ein Besuch für zwei Wochen sein. Aus den 14 Tagen wurden drei Monate. „Er wollte kein Geld“, war sich Michaela Sobotta sicher. Nabil arbeitete in der Zeit für eine Spedition – illegal, für 800 Mark im Monat. Vom ersten Lohn kaufte er ihr einen Fernseher. „Er hat alles für mich getan. Geputzt, gekocht, mich täglich von der Arbeit abgeholt.“ Jeden Wunsch habe er ihr von den Augen abgelesen. Anfang August – sein Visum lief in wenigen Wochen ab – fragte er sie, ob sie ihn nicht heiraten wolle. Er erregt Mitleid. „Wenn wir uns nicht mehr sehen, das halte ich nicht aus“, sagt er. Michaela Sobotta geht das eigentlich zu schnell, doch sie willigt ein. „Du hast doch nichts zu verlieren“, ermutigt er sie. Zu der Zeit hatte Nabil bereits die erforderliche Ledigkeitsbescheinigung in der Tasche, ausgestellt schon am 22. Juni 2000. „Er hatte das von langer Hand geplant“, ging der damals Verliebten erst viel später ein Licht auf. Sie besorgt ihm einen Job als Bodensteward am Köln-Bonner Flughafen. Er hat jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr. Als sich die im August 2001 dem Ende neigt, möchte er ein Kind von ihr. Wenige Monate nach der Geburt ihres ersten Sohnes dann der Schock und die bedrückende Erkenntnis: „Er hatte mich während der Schwangerschaft betrogen.“ Nach einer kurzen Phase der Versöhnung und der Geburt ihres zweiten Sohnes mußte Sobotta mit ansehen, wie sich ihr Ehemann innerhalb kurzer Zeit von Dr. Jekyll in Mister Hyde verwandelte. „Er holte jetzt seinen Gebetsteppich heraus und unterdrückte mich immer mehr.“ Selbst den Besuch von Fußballstadien hatte er ihr inzwischen untersagt. Ihre Kinder mußte sie beschneiden lassen. Auf Djerba hatte seine Familie unentwegt auf sie eingeredet, bis sie schließlich erschöpft nachgab. „Es wurde ein ungeheurer psychischer Druck auf mich ausgeübt.“ Später macht sie sich Vorwürfe. „Ich habe meine Kinder verraten“, sagt sie. Als er nach einem Streit vor den Augen der Kinder aus Wut die Badezimmertür eintritt, trennt sie sich von ihm. Doch als sie die Scheidung einreicht, räumt er ihr Konto leer und entführt die Kinder nach Tunesien. Sobotta ist verzweifelt, erstattet Anzeige. Und erzielt eine Wirkung. Nabil will mit den Kindern zurückkommen. Im Gegenzug muß sie Scheidung und Anzeige zurückziehen. „Er spielte mir dann plötzlich wieder den tollen Ehemann.“ Und es gelingt ihm, sie erneut zu einer Reise nach Djerba zu überreden. Als sie tunesischen Boden unter den Füßen haben, ändert sich sein Verhalten schlagartig. „Ab jetzt bestimme ich“, sagt er nur. Sobotta soll mit ihm und den Kindern in Tunesien leben. Sie soll sich in Deutschland arbeitslos melden, um Sozialleistungen erschleichen zu können. „Mit dem Geld hätte man dort sehr gut leben können“, erklärt Sobotta. Am Abflugtag nahm ihr die Familie die Pässe der Kinder ab, und Nabil bediente sich ein weiteres Mal von ihrem Konto. Sie muß allein zurückfliegen. Doch Michaela Sobotta gibt nicht auf. Nach sieben Monaten schafft sie es, ihre Kinder wieder nach Hause zu holen. Ihr Mann wird wegen Kindesentführung von einem deutschen Gericht verurteilt. Doch trotz der Straftat erteilen ihm die Behörden das Aufenthaltsrecht. In bisher acht Gerichtsverhandlungen kämpft Sobotta derzeit darum, daß ihrem Mann der Umgang mit den Kindern untersagt wird. Bisher vergeblich. Sie muß ihm die Kinder bringen, obwohl diese überhaupt nicht zum Vater wollen. Das Jugendamt hat ihr gar den Entzug des Sorgerechts angedroht, sollte sie sich noch länger weigern, dem Umgangsrecht zuzustimmen. Die Verwandlung vom Traummann zum tyrannischen Gemahl: Auch Rosa Ferrero Perez hat sie erlebt. Ihren Charmeur lernte die damals 36jährige im September 2001 beim Tauchurlaub im ägyptischen Hurghada kennen. Nach regem E-Mail-Verkehr war es auch bei ihr soweit. Amir, ein damals 22 Jahre junger Mann, der vorgab, einen Silberschmuck-Laden zu besitzen, kam nach Deutschland. Auch Perez war begeistert. „Er hat gebügelt, gekocht, meine Tasche getragen. Er war das genaue Gegenteil von einem Macho.“ Sie war so begeistert, daß sie seinetwegen innerhalb von nur drei Monaten achtmal nach Ägypten flog. „Er hatte dort alles für mich finanziert.“ Nach der Heirat in Kairo folgt der erste Nepp. Bevor er nach Deutschland kommen könne, müsse er sich erst vom Militärdienst freikaufen. Perez half, nahm aus Liebe einen Kredit auf. 17.000 Mark wechselten ihren Besitzer. „Das war ein richtiger Profi“, sagt sie heute. Als sie von ihm schwanger wurde, änderte auch er schlagartig sein Verhalten. „Jetzt konnte er sicher sein, nicht aus Deutschland ausgewiesen zu werden“, erzählt Perez. Er blieb länger weg, provozierte Streit, schlug und betrog sie. Bis Perez ihn schließlich an die Luft setzte. „Das ist schon eine harte Erkenntnis“, gibt sie zu. Heute ist ihr klar: „Der wollte den deutschen Paß.“ Neben finanziellen Interessen spielen jedoch auch religiöse Motive eine Rolle, ist Michael Dunkel überzeugt. „Jedes Kind, das sie bekommen, ist nach deren Verständnis automatisch Moslem.“ Ziel der Mullahs sei es dabei, die Zahl der islamischen Gläubigen zu erhöhen. Dunkel selbst wurde ein Bezness-Opfer anderer Art. Der 56jährige war 1996 als Geschäftspartner eines Tunesiers in den Teppichhandel eingestiegen. 40.000 Mark seien für die Selbständigkeit notwendig, gaukelte man ihm damals vor. Der Freund seines Geschäftspartners war ein Mullah, ein islamischer Priester. Seine Frau sei „irgend so eine Kräutertante“ gewesen. Michael Dunkel ist überzeugt: „Die wollten mich vergiften, weil ich nach Sicherheiten für das Geschäft fragte.“ Nachdem man ihm ein Getränk verabreicht hatte, begann er stark aus der Nase zu bluten, bekam zudem heftige Darmbeschwerden. Er habe abreisen wollen, zurück nach Deutschland. Doch weder Taxis noch Busse waren bereit, ihn zu befördern. „Die hatten mich überwacht“, schildert er. Auf einer politischen Versammlung habe er verzweifelt um Hilfe gerufen. Erst da habe ihm ein Einheimischer geholfen, das Land zu verlassen. Stichwort: Opferberatung Nach seinen Bezness-Erfahrungen in Tunesien engagiert sich Michael Dunkel mit der Journalistin Evelyne Kern und zahlreichen ehrenamtlichen aktiven Mitgliedern von CiB e.V. (Community of interests against Bezness) für mehr Aufklärung. Sie betreiben die Internetplattform www.1001geschichte.de, auf der Bezness-Opfer, die allein in Deutschland in die Tausende gehen, vielfältige Informationen und Beratung erhalten. Literatur zum Thema: Evelyne Kern: Sand in der Seele, Verlag Kern, Bayreuth 2007, broschiert, 360 Seiten, 18 Euro; Michael Dunkel: Der Teufel kochte tunesisch, Verlag Kern, Bayreuth 2006, broschiert, 174 Seiten, 14,90 Euro Fotos: Kurzer Traum aus „1001 Nacht“: Was als harmloser Urlaubsflirt beginnt, endet oftmals im Desaster; Bezness-Opfer Michaela Sobotta: „Er hat alles für mich getan“; Michael Dunkel: Mitbegründer der Opferhilfe 1001Geschichten.de; Opfer Rosa Ferrero Perez: „Das war ein richtiger Profi“

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