Wer hartnäckig ist, bestimmt

Das Angebot ist verlockend: Ein Lexikon mit über einer halben Million Stichwörtern, somit umfangreicher als der Brockhaus, noch dazu quasi kostenlos (abgesehen von den Gebühren für einen Internetanschluß) und jeder Zeit von zu Hause aus abrufbar – Wikipedia, die „freie Online-Enzyklopädie“, hat sich in den sechs Jahren ihres Bestehens zu einer der am häufigsten aufgerufenen Internetseiten entwickelt. Als Vorzug wird zum einen die permanente Aktualisierung und Erweiterung des Angebots betrachtet; vor allem aber das „demokratische“ Grundprinzip gilt als fortschrittlich. Jeder, der sich für kompetent hält, kann mitwirken. Die Nutzergemeinde übt gemeinsam die Kontrollfunktion aus und schreitet korrigierend ein. Wer einen Fehler in einem Artikel entdeckt hat, kann diesen sofort verbessern; und umgekehrt kann jede verfälschende Änderung wieder rückgängig gemacht werden. Skepsis gegenüber der „Weisheit der Masse“ Viele einzelne tragen ihr jeweils lückenhaftes Wissen zusammen, ergänzen sich und kommen so der Wahrheit nahe: Das ist im Kern die Wikipedia-Idee. Hinzu kommt der Geist der ersten Internet-Pioniere, der von dieser Art Wissensvermittlung ausgeht; zahllose unbezahlte Autoren stellen in einer Art „Basisdemokratie“ ihr Wissen zur Verfügung, ganz ohne kommerzielle Interessen und ohne Standesunterschiede. Außerdem ist der Nutzer aufgefordert, nicht bloß zu rezipieren, sondern selbst als Autor einzusteigen und so mit seinem Wissen zur fortwährenden Verbesserung des Werkes beizutragen. Mittels dieser Interaktivität können Einträge in Wikipedia jederzeit auf den neuesten Stand gebracht werden, was bei gedruckten Werken bis zur nächsten Auflage warten muß. Daß die Wirklichkeit nicht ganz so ideal aussieht und die Grenzen vom Forum der Fachleute zum Diskurs der Dilettanten fließend sind, kann all jene nicht überraschen, die der „Weisheit der Masse“ oder der grenzenlosen Freiheit des Internet grundsätzlich skeptisch gegenüberstehen. Natürlich gibt es auch bei Wikipedia verbindliche Regeln. Dazu gehört die Anweisung an potentielle Autoren, sich eines lexikalischen Stils zu befleißigen; Einträge sollen objektiv abgefaßt werden, kurz und bündig die Fakten aufzählen und vor allem nicht von persönlichen Meinungsäußerungen des Verfassers durchzogen sein. Ist letzteres doch der Fall, so wird solche Subjektivität in der Sprache eingefleischter „Wikipädisten“ als „POV“ gegeißelt, als „Point-of-view“; verlangt wird dagegen der neutrale Standpunkt („NPOV“). Alle behaupteten Tatsachen müssen zudem mit Quellenangaben belegt werden, die dann als Fußnoten am Ende des jeweiligen Stichworteintrags aufgeführt sind. In den Diskussionsforen zu den jeweiligen Artikeln werden verschiedene Versionen gegenübergestellt und unter Austausch mehr oder minder sachlicher Argumente verworfen oder verteidigt. Im besten Fall kommen in den einzelnen Beiträgen mehrere – auch gegensätzliche – Positionen zur Sprache, die ohne Wertung gegenübergestellt werden. Überwacht wird das ganze von sogenannten Administratoren, langgedienten Wikipedia-Autoren, die von einer bestimmten Anzahl Benutzer gewählt werden müssen. Sie sollen die Einhaltung der Regeln sanktionieren und können unbotmäßige Benutzer notfalls „sperren“. Auch können von ihnen Diskussionsforen zu bestimmten Artikeln für unangemeldete Nutzer gesperrt oder ganze Artikel „geschützt“ werden, wenn sie häufig von „Vandalismus“ betroffen sind. Darunter versteht Wikipedia Einträge, die den Artikel durch bewußte Falschinformationen oder durch Einfügen von Unsinn zerstören. Wer als Benutzer versucht, mittels einer virtuellen Zweitidentität künstliche „Mehrheiten“ für bestimmte von ihm gewünschte Korrekturen zu schaffen oder gar die eigene Sperrung zu umgehen, wird von anderen meist als sogenannte „Sockenpuppe“ identifiziert; wenn also jemand quasi mit sich selbst zu einem Eintrag debattiert, heißt das im Jargon der Internet-Enzyklopädisten „Sockenpuppenvandalismus“. Mag bei naturwissenschaftlichen Themen dieses Prinzip der demokratischen Kontrolle auf Gegenseitigkeit – das bessere Argument setzt sich im freien Meinungsaustausch schließlich durch – noch annähernd funktionieren, erscheint dies in Auseinandersetzungen bei historisch oder politisch strittigen Sachverhalten vollkommen illusorisch. Politische Verzerrungen im „Kampf gegen Rechts“ Neben dem fehlenden Kompetenznachweis ist es vor allem die Anonymität der unter „nickname“ (Spitznamen) auftretenden Autoren, die Wikipedia bei weitem nicht so objektiv und seriös machen, wie es auf den ersten Blick vielleicht erscheint. In kritischen Presseberichten ist schon darauf hingewiesen worden, daß biographische Einträge zu Managern oder Politikern von interessierter Seite „geschönt“ worden seien. War es in einigen Fälle die Öffentlichkeitsabteilung des betreffenden Unternehmens, so wurde – laut Recherche des Spiegel – von Computern des Bundestages aus auffallend häufig auf bestimmte Politikereinträge Einfluß genommen. Ebenso sollen sich bereits professionelle PR-Agenturen mit „Pflege“ bestimmter Artikel befassen – gegen Bezahlung versteht sich. Ist das Objekt solcher Bearbeitungen prominent genug, wird meist recht zügig Abhilfe geschaffen, indem die Artikel geschützt oder die entlarvten „Dienstleister“ gesperrt werden. Viel schlimmer erscheint jedoch das genaue Gegenteil: wenn nämlich Beiträge zu Personen oder Einrichtungen bewußt so umgestaltet werden, daß sie beim unbedarften Nutzer, der über Wikipedia erste Informationen erhalten möchte, in einem schlechten Licht erscheinen. Das kann auch fernab der virtuellen Welt im realen Leben unangenehme Folgen für den Betroffenen haben. Der Cyber-Pionier Jaron Lanier sprach kürzlich im Interview mit dieser Zeitung von einer regelrechten „Wiki-Lynchjustiz“ (JF 5/07): „Wie soll sich der Einzelne gegen die kollektive Behauptung im Netz wehren? Wer glaubt ihm? Ich selbst konnte meinen Eintrag schließlich nur deshalb endgültig korrigieren, weil ich mich als nicht ganz unbekannte Persönlichkeit öffentlich lang genug darüber beschwert habe.“ Wem diese Prominenz fehlt, dessen Chancen stehen schlecht. Denn, so Lanier: „Bei Wikipedia bestimmen meist jene die Wahrheit, die am besessensten sind.“ Denn gerade das betonte Streben nach Objektivität macht Wikipedia anfällig für jene, die ihre politischen Interessen zur Geltung bringen wollen. Und dies geschieht nicht immer mit besseren Argumenten, sondern mittels Quantität. Wer – so Lanier – besessener ist, seine Textversion immer wieder gegen Änderungen zu verteidigen, obsiegt im „Herausgeber-Krieg“; dazu muß er nicht einmal viel begründen, sondern nur öfter als die Kontrahenten online sein. In der deutschen Abteilung von Wikipedia sind besonders häufig konservative oder rechte Politiker, Publizisten oder Einrichtungen Ziel derartiger Auseinandersetzungen. Daneben sind von „edit-wars“ besonders betroffen Themen aus dem Bereich der Religion oder Ethik (etwa Abtreibung) und historische Sachfragen (so die These vom „Präventivkrieg“ gegen die Sowjetunion 1941), was meist den „Schutz“ des Artikels zur Folge hat, der dann nicht mehr von jedem Nutzer geändert werden kann. Der schon in der Realität mit politischen Verzerrungen ausgetragene „Kampf gegen Rechts“ spiegelt sich in gleicher Weise auch in Wikipedia wider. Konservative Persönlichkeiten oder Medien werden in der für „antifaschistische“ Argumentationsmuster typischen Verallgemeinerung in die Nähe des Rechtsextremismus gestellt und – bestenfalls – als „umstritten“ oder „in der Grauzone“ apostrophiert. Naheliegend, daß auch der Artikel über die JUNGE FREIHEIT solchen „Änderungen“ ausgesetzt ist. Als Belege für „Rechtsextremismus“ werden dafür auch „Quellen“ wie der sozialdemokratische (und daher mitnichten neutrale) Blick nach rechts oder Veröffentlichungen des linksradikalen Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung angeführt. Die beste Version einer Formulierung durchpauken Die Vorgehensweise ist dabei recht einfach: Der entsprechende Artikel wird vom Benutzer auf seine „Watchlist“ gesetzt, das heißt, er beobachtet dauerhaft jegliche Veränderungen der Einträge. Hat ein anderer die antifaschistisch bestimmte Formulierung geändert, greift der „Wächter“ ein und ändert wiederum. Im Diskussionsforum kann der Kontrahent dann auch schon mal mit rüden Formulierungen („Paß auf, …“, „beschmutzt nicht die Wikipedia mit euren Ergüssen“) bedacht werden. Am einfachsten ist es, wenn sich mehrere Benutzer, die dasselbe politische Ziel verfolgen, zusammentun und die in ihrem Sinne beste Version einer Formulierung durchpauken. Widersetzt sich die Gegenseite im Forum zu hartnäckig, kann gegen sie von der Benutzer-Gemeinschaft eine Sperrung beantragt werden, etwa wegen des Vorwurfs des „Vandalismus“. Einen solchen festzustellen, liegt im Ermessensspielraum des „Admin“; da der Admin als „Langgedienter“ aus den Reihen der Benutzer gewählt wird, besteht die Möglichkeit, mit mehreren Gleichgesinnten einen nahestehenden Admin zu ernennen. Der Forum-Gegner wird mit einer Sperre belegt, kann den Artikel nicht mehr ändern, und die „antifaschistisch“ reine Version bleibt stehen. Wenn möglich, trifft ihn diese Sperre, bevor er die notwendige Anzahl von „edits“ hat, um selbst stimmberechtigt zu sein. Damit gehört auch Denunzierung zum Wikipedia-Geschäft; was Liberalität und Basisdemokratie verspricht, ist de facto äußerst anfällig für selbsternannte Zensoren. Noch einmal Lanier: „Die Wahrheit ist nämlich, daß die offene, demokratische Struktur des Netzes auch dazu führt, daß Menschen verführt und manipuliert werden.“ Wer also am meisten Zeit investiert, mehr Gleichgesinnte mobilisiert und am hartnäckigsten an seiner Version festhält, bestimmt, was allen Nutzern als Online-Information zur Verfügung steht, und hat auf diese Weise nachhaltigen Einfluß auf die „Wiki-Wahrheit“. Dabei sollte nicht verkannt werden, daß auch für die dagegen notwendige Opposition ein gewisses Maß an „Besessenheit“ nötig ist. Im konkreten Fall des Wikipedia-Artikels zur JF zeugt eine seit Juli 2005 andauernde umfangreiche Diskussion von dem Bemühen, eine „antifaschistisch“ orientierte Einseitigkeit des Beitrags zu verhindern. Wikipedia-Seite, Ausschnitt aus „Das Gerücht“ von A. Paul Weber (Montage): Wer mehr Gleichgesinnte mobilisieren kann, hat nachhaltigen Einfluß und bestimmt die Richtung bei Wikipedia Stichwort: Citizendium Als Antwort auf die Anonymität der Wikipedia-Beiträge, die dem Mißbrauch Tür und Tor öffnet, sowie auf die undurchsichtigen Hierarchien, die mißliebige Ansichten diskreditieren, hat Wikipedia-Mitbegründer Larry Sanger sein Citizendium-Projekt ( www.citizendium.org ) ins Leben gerufen. Hier sollen in erster Linie „Experten“ (Wissenschaftler, Journalisten) mit vollem Namen für Qualität und Transparenz sorgen.

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