Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Die deutsche Paranoia

Vor 30 Jahren löste der „Deutsche Herbst“ eine zornige, aber folgenlose Debatte über die geistigen Quellen des RAF-Terrorismus und über seine Sympathisanten aus. Die RAF-Terminologie bediente sich klar aus dem Arsenal linker Weltverbesserungsphantasien. Dennoch behauptete Jürgen Habermas am 19. September 1977 in einem „Brief zur Verteidigung der Republik“, daß „von den politischen Theorien der Neuen Linken keine Brücke zur politischen Psychologie der RAF führt“. Er unterschlug die „klammheimliche Freude“ am Terror, die bis weit in das Intellektuellen- und bürgerliche Milieu hineinragte. Der linksliberale Bundesspießer fand darin seinen Lusttraum verwirklicht, den selber zu leben er nicht wagte. Andererseits eroberte er gerade die Institutionen des Staates, den die Terroristen zerstören wollten. Wie läßt sich diese Irrationalität erklären? Ein Zeitungsinterview der Grünen-Politikerin Antje Vollmer vom März 2007 gibt einen Fingerzeig. Vollmer, die sich für die Begnadigung des Terroristen Christian Klar eingesetzt hatte, wurde (mehr naiver- als listigerweise) gefragt, ob nicht der Bundespräsident generell „einen Schlußstrich unter diese Geschichte“ ziehen solle. Vollmer bejahte, indem sie ein „politisches Schlußwort“ Köhlers verlangte. Üblicherweise riskiert, wer den Begriff „Schlußstrich“ mit deutscher „Geschichte“ in einen positiven Zusammenhang bringt, wütende Reaktionen. Die blieben hier aus. Die Frage an Vollmer und ihre Antwort darauf enthüllten die doppelten moralischen Standards und noch viel mehr: Sie waren eine Freudsche Fehlleistung, eine versehentliche Handlung, die einen verborgenen, allgemeinen Wunsch offenbarte. Einen Wunsch, der nicht neu ist. Man greife nach dem Buch „Ulrike Meinhof und die deutschen Verhältnisse“ des Sozialpsychologen Peter Brückner von 1976. Meinhof schrieb, im „Imperialismus“ würden alle Beziehungen durch den Markt und die repressiven und ideologisierten Staatsapparate durchdrungen. Es gebe in Deutschland „keinen Ort und keine Zeit, wo du sagen könntest: von da geh ich aus“. Abstrahiert man vom neomarxistischen Vokabular, dann kommt ein tiefes Unglück, eine, wie Brückner meint, totale „Ortlosigkeit“ (oder auch: Heimatlosigkeit) zum Vorschein. Man vernimmt ein Echo des Hölderlinschen, des deutschen Verzweiflungsschreis: „Wohin denn ich?“ Die RAFler, so der Meinhof-Sympathisant und -Exeget Peter Brückner, lebten wie die Palästinenser im „Niemandsland“, und jeder Ort sei ein „ununterscheidbarer potentieller Kriegsschauplatz“. Dafür machten sie lärmend die „Generation von Auschwitz“ (Gudrun Ensslin) verantwortlich. Nur hatten die meisten führenden RAF-Leute in den eigenen Familien gar kein NS-Problem. Das existentielle Bedrohungsgefühl war eine Halluzination, eine Folge aus der Rezeption der neulinken Kritischen Theorie, die sich seit den frühen sechziger Jahren via „Frankfurter Schule“ als Staatsideologie durchgesetzt hatte. Dabei handelt es sich weniger um eine Theorie als um eine Handlungsstrategie zur freudo-marxistischen Weltverbesserung. Diese soll durch eine kulturelle Umwälzung verwirklicht werden, die tief ins Innere des Menschen reicht. Ihr Kernstück und ihren Motor bildet die Vergangenheitsbewältigung. Die Mitscherlichs hatten 1967 in ihrem Klassiker „Die Unfähigkeit zu trauern“ die permanente „Durcharbeitung der Vergangenheit als den geringsten Versuch der Wiedergutmachung“ gefordert und gegen das „Vergessen, Verleugnen, Projizieren“ deutscher Schuld die „heilsame Wirkung solchen Erinnerns und Durcharbeitens“ beschworen. Das war ein säkularisierter Moralprotestantismus ohne die Möglichkeit einer Absolution. Es war ein glatter Zynismus, daß sie 1977 in ihrem „Brief an einen (fiktiven) Sohn“ die „neurotische Gefühlssituation“ der jungen Generation als Terror-Ursache benannten – natürlich ohne ihren Anteil daran einzugestehen. Stärker als an der „Schuld“ der Elterngeneration müssen die Terroristen am Verbot gelitten haben, diese Schuld zu historisieren. Der deutsche Generationenkonflikt, wegen des „Dritten Reiches“ von besonderer Schärfe, wurde vom Wahn einer historischen Erbsünde kontaminiert – mit dramatischen Folgen. Das Zusammenleben in Staat und Gesellschaft verlangt eine strikte Affekt- und Selbstkontrolle. Diese braucht, um nicht pathologisch zu werden, „eine Lustprämie der einen oder anderen Art. Der Nationalstolz, eine umfassendere Form der Selbstliebe, kann als eine solche Belohnung dienen“ (Norbert Elias). Die Vergangenheitsbewältigung als die permanente Vergegenwärtigung nationaler Erbschuld läßt kein positives Komplementärgefühl zu, nur die kollektive Pathologisierung. Die Terroristen nahmen sie vorweg – und starteten parallel dazu einen Amoklauf gegen sie. Der Schuldzusammenhang, in den sie sich gestellt sahen und an dem sie litten, sollte durch Terror pulverisiert werden. Ein mörderischer und selbstmörderischer Kurzschluß, dessen Irrationalität durch das Bündnis mit der Palästinensern gesteigert wurde. Ihnen fühlte man sich im Schicksal des ortlosen Ahasvers verbunden. Den einen war dieses Schicksal durch die israelische Besatzungspolitik, den anderen durch die sich abzeichnende Verabsolutierung des Judenmords beschieden. Der Weg des RAF-Mitbegründers Horst Mahler in den Antisemitismus ist so erstaunlich nicht. Die von Palästinensern auf Wunsch der RAF durchgeführte Entführung der „Landshut“, das Übergießen der Passagiere mit Alkohol, damit sie bei einer Explosion besser brennen, eröffnete, wie man heute erkennt, jene neue Dimension des Terrors, die heute unter islamistischem Vorzeichen auch Deutschland bedroht. Antje Vollmer mag die Zusammenhänge zwischen verordneter Erbschuld, RAF-Terror und gegenwärtigen Gefahren ahnen. Deshalb verlangt sie mit Blick auf die Baader-Meinhof-Terroristen jenes „Schlußwort“, das sie für die fernere Vergangenheit nicht fordern darf. Das liberale juste milieu kultivierte seine klammheimlichen Sympathien für die RAF fröhlich weiter und transzendierte ihren Amoklauf durch eine Ausländerpolitik, welche die ethnische, soziale, religiös-weltanschauliche Basis für einen neuen Terrortypus in Deutschland schuf. Falls ein junger deutscher Konvertit, der sich aus der unlebbaren Erbsünde-Ideologie in den Islam geflüchtet hat, zu einem terroristischen Megaschlag gegen sein eigenes Land ausholt, wird es sich auch um eine qualitative Steigerung der deutschen Paranoia und ihres RAF-Syndroms handeln.

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