Gebrandmarkter Möbelfabrikant

Im Jahr 1895 wurde die Bau- und Möbeltischlerei Klinckmann in einer kleinen gemieteten Rostocker Werkstatt gegründet. Die kleine Werkstatt reichte bald nicht mehr aus, so baute Großvater in der Doberaner Straße 111 ein Haus mit anschließender Werkstatt und einem Maschinensaal. 1906 errichtete er ein großes Fabrikgebäude mit einer neuzeitlichen Dampf- und Trockenanlage. In seinen beiden Söhnen hatte Großvater tüchtige Stützen, die ihr Handwerk von der Pike auf erlernten. Ende 1927 erwarb die Firma einen Neubau neben dem Geschäftshaus, der als Ausstellungsraum diente. Am 21. Oktober 1940 verstarb mein Großvater und Seniorchef Heinrich Klinckmann. Wie durch ein Wunder war Rostock kampflos an die Russen übergeben worden. Als die größte Gefahr in der unmittelbaren Nachkriegszeit vorbei war, das hofften wir jedenfalls, plante mein Vater Hans Klickmann mit Begeisterung die Wiederaufnahme des Geschäftsbetriebes. Der Anfang war mühsam. Nach und nach fanden sich auch unsere ehemaligen Mitarbeiter bei uns ein. Plünderungen waren an der Tagesordnung. Weder das Telefon noch die Post funktionierte. Auch fehlten Fahrzeuge. Dennoch konnte Vater bald von den kleinen, aber stetigen Erfolgen berichten und daß er sich mit dem Gedanken beschäftigte, bald noch mehr Mitarbeiter einzustellen. Am 12. Oktober 1945 tauchten im Verkaufsraum mehrere finster dreinblickende Gestalten in langen dunklen Ledermänteln auf. Im ersten Augenblick dachte ich: „Das sind ja welche von der Gestapo!“ Barsch zeigten sie einen Durchsuchungsbefehl und durchschnüffelten alle Räume. Mir wurde ganz schlecht vor Furcht und Aufregung! Mußte ich doch mit ansehen, wie sie Vater und Onkel Fritz grob am Arm packten und verhafteten. Wegen angeblicher Hortung von Möbeln. Von diesem Unglückstag an durfte die ganze Familie die Geschäftsräume nicht mehr betreten. Auch in unserer Privatwohnung durchwühlten sogenannte Beamte alles. Offensichtlich waren sie mit dem Auftrag gekommen, meiner Familie etwas anzuhängen, was immer es auch sei! Die irrwitzige Beschuldigung lautete dann: „Hortung von Textilien und Lebensmitteln.“ Die gehorteten Lebensmittel bestanden aus einigen Einweckgläsern und kleinen Vorräten. Meinen Vater schleppten sie zusammen mit seinem Bruder in das Strafgefängnis in Rostock. Unsere Firma wurde aufgrund einer Verordnung vom 29. August 1945 (Politische Bereinigung der Wirtschaft) beschlagnahmt. Die Begründung lautete: „Hortung von Möbeln und Lebensmitteln.“ Mußte ein Grund gefunden werden, so fand man ihn! Politische Belastung konnte nicht herangezogen werden, weil kein Familienmitglied jemals der nationalsozialistischen Partei angehörte, auch keiner ihrer Gliederungen. Nicht mal als Rüstungsbetrieb ließ sich die Firma Heinrich Klickmann von den Funktionären herbeizerren. Daraufhin hängten sie meinem Vater die Nichteinzahlung von Geschäftsgeldern auf ein Bankkonto an. Ohne Anrechnung der Untersuchungshaft wurde Vater zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Revision wurde verworfen. Ein großes Ärgernis war für die neuen Herren unsere Großmutter. Sie wohnte immer noch mit ihrer Enkelin und deren kleiner Familie im Geschäftshaus. Doch schon bald darauf bedrängten die neuen Volksvertreter die zuständigen Behörden, „Großmutter mit Anhang“ zu entfernen. Großmutter hatte 50 Jahre lang in diesen Räumen gelebt – nun zählte sie mit ihren 75 Jahren zum unternehmerischen Abschaum! Womit die Genossen aber nicht gerechnet hatten: Großmutter rührte sich nicht vom Stuhl, wehrte sich mit Händen und Füßen: „Man solle sie ja nicht anfassen!“ Fassungslos standen die Männer vor ihr. Dann kam einer auf die verwerfliche Idee, den Teppich samt Stuhl und meiner sich daran festklammernden Großmutter aus der Wohnung zu schleifen. Sie gingen an ihr schamloses Werk. Inzwischen schrieben wir alle wichtigen Behörden an. Eine Antwort haben wir nicht erhalten. Obwohl noch kein Prozeß stattgefunden hatte, deportierten sie meinen Vater in das Zuchthaus Dreibergen in Bützow/Mecklenburg. Zu Hause zog ein russischer Marineoffizier bei uns ein. Wir kamen sehr gut mit ihm aus, er gab sich überhaupt nicht als Besatzer. Um so unmenschlicher und barbarischer verhielten sich deutsche Kommunisten. Denunziationen, Intrigen, Haß und Neid schlugen uns entgegen. Für mich waren diese Begegnungen mit den eigenen Landsleuten tiefgreifend. Meine Unbefangenheit und mein Vertrauen in das Gute im Menschen wurden gewaltsam zerstört. Die Enteignungsbehörde hatte inzwischen Einsicht in die Eigentumsverhältnisse genommen und zu ihrer Überraschung herausgefunden, daß Großmutter die alleinige Eigentümerin der Firma mit Gebäuden, Grundstücken, und auch des privaten Mietshauses war, ihre Söhne Hans und Fritz lediglich angestellte Prokuristen. Als Fabrikantin gehörte sie nun vorrangig zu den verabscheuungswürdigen Kapitalisten und wurde trotz ihrer 75 Jahre in Haft genommen. Anfang März 1947 wurde dann endlich der Gerichtstermin für Vater und Großmutter in Rostock angesetzt. Zur großen Überraschung aller wurde sie frei gesprochen. Im Dezember 1948 erhielt Großmutter die auf den 15. Mai zurückdatierte Abschrift einer Mitteilung, aus der hervorging, daß die Konfiskation ihres Geschäfts- und Privatvermögens bestätigt sei. Das Besondere daran war: Der 15. Mai 1948 war ein Stichtag gewesen. Die Originalurkunde ist bis heute nicht aufgetaucht – wohlweislich nicht! Aufgrund seines lebensbedrohlichen Gesundheitszustandes wurde Vater in ein Rostocker Krankenhaus eingewiesen. Zuvor hatte sogar der Generalstaatsanwalt verlauten lassen, er habe gegen eine Haftentlassung nichts einzuwenden, doch wurde dies von höchster Stelle verboten. Man befürchtete offenbar, daß Vater „in Freiheit“ doch noch die Rückgabe der Firma erreichen könnte. Die Krankenhausärzte bewahrten ihn vor weiterer Kerkerhaft und schickten ihn nach Hause. Anfang 1949 wurde ihm offiziell Haftverschonung mit dreijähriger Bewährungsfrist „gewährt“. 1950 gelangten wir nach West-Berlin, wo Vater ein neues Geschäft aufbauen konnte. Bis zu seinem Tod 1976 verlor er nie den Glauben daran, daß ihm Gerechtigkeit widerfahren würde. Sinnigerweise residierte in unseren Gebäuden in Rostock nach der Wende bis zum Abriß die Generalstaatsanwaltschaft Mecklenburg-Vorpommern. Auf meinen Rehabilitierungsantrag bei der russischen Staatsanwaltschaft wurde mir eröffnet, daß im Staatsarchiv der Russischen Föderation und in den SMAD-Archiven sowie auch in den Listen der Nationalsozialisten und Kriegsverbrecher keine Angaben bezüglich einer Konfiszierung des Eigentums der Anna Klinckmann vorhanden seien. Bis heute kann ich mich nicht mit dem Versagen unseres Rechtsstaates abfinden! Auszugsweiser Vorabdruck aus : „Im Strom der Zeit II“ von Margarete von Schnehen. Eva Abraham, die Enkelin des Firmengründers der Möbelfabrik Heinrich Klinckmann, schildert die Erlebnisse ihrer Familie nach Kriegsende 1945. Foto: Nach der Erweiterung: Möbelhaus Heinrich Klinckmann 1930 Foto: Großmutter Anna Klinckmann

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