Christen werden nicht bedient

Leidtragende der gewaltsamen Proteste gegen die Mohammed-Karikaturen sind in Pakistan vielfach vor allem Christen. Der Vorwurf der Gotteslästerung bietet Islamisten einen willkommenen Anlaß, gegen Andersgläubige vorzugehen. So kam es jetzt auch im Ort Sukkur in der Provinz Sindh zu Ausschreitungen, bei denen die aufgebrachte Menge die anglikanische Erlöserkirche und die katholische Marienkirche anzündete. Auch hier ging es um den Vorwurf der Gotteslästerung, den ein Muslim gegen seinen christlichen Schwiegervater erhoben hatte. Die beiden Männer stritten sich bereits seit längerem um ein Stück Land. Der Schwiegervater sah sich schließlich mit dem Vorwurf konfrontiert, Seiten aus dem Koran verbrannt zu haben, was den pakistanischen Straftatbestand der Blasphemie erfüllen würde. In Pakistan leben etwa zwei Prozent Christen, meist Nachfahren von kastenlosen Hindus, die zum Christentum konvertierten. Sie werden ohnehin schon im Alltag diskriminiert. So hängen in einigen Geschäften Anschläge mit der Aufschrift „Christen werden nicht bedient“. Die Christen, die meist pauschal mit „Amerika“ und „dem Westen“ identifiziert werden, sind zunehmend verunsichert, denn die gewaltsamen Demonstrationen reißen nicht ab: Nach dem jüngsten Besuch von US-Präsident George W. Bush in Pakistan haben in der Stadt Karatschi Zehntausende gegen die Darstellungen des Propheten demonstriert. Hinter dem Marriott-Hotel, das in unmittelbarer Nachbarschaft zum US-Generalkonsulat gelegen ist, kam es zu einem Bombenanschlag, bei dem vier Menschen getötet und viele Passanten verletzt wurden. Zuvor kamen bereits mindestens fünf Menschen, darunter auch ein Kind, bei gewaltsamen Protesten ums Leben. Die Instrumentalisierung des Gotteslästerungsvorwurfs, die auf internationaler Ebene neu ist, wird in Pakistan schon seit Jahrzehnten wirksam praktiziert. Dort gibt es schon seit der Militärdiktatur des Generals Mohammed Zia-ul-Haq (1977 bis 1988) detaillierte Gesetze gegen Blasphemie, deren weltweite Durchsetzung jüngst sogar die oberste Rechtsautorität des sunnitischen Islam, der Scheich der Al-Azhar-Universität in Kairo, Mohammed Sayyid Tantawi, forderten. Diskriminierende Gesetze gegen Christen und Ahmadi-Muslime Auf die Beleidigung, Herabsetzung und Schändung des Propheten Mohammed steht laut Paragraph 295/C des pakistanischen Strafgesetzbuches die Todesstrafe, auf Blasphemie gegenüber dem Koran lebenslange Haft. In der Rechtspraxis richten sich diese Bestimmungen fast ausschließlich gegen Christen und Ahmadi-Muslime. Zudem wurden mehrere Blasphemie-Angeklagte vor dem Schuldspruch von islamischen Fanatikern in Lynchjustiz ermordet. Nach Erkenntnissen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) aus Frankfurt am Main ist der Gotteslästerungsvorwurf sogar ein häufig gebrauchtes Mittel, in privaten Auseinandersetzungen doch noch die Oberhand zu gewinnen. So wird der Vorwurf gerne zwischen schon längst zerstrittenen Nachbarn oder alten Konkurrenten erhoben. Die Menschenrechtsorganisation kämpft derzeit für den Fall Pervaiz Masih. Der christliche Schulleiter sitzt schon seit rund fünf Jahren im Gefängnis, nachdem ihm der muslimische Direktor einer anderen Schule der Beleidigung des Propheten Mohammed bezichtigt hatte. Den Erkenntnissen der Frankfurter Organisation zufolge soll die pakistanische Justiz den Prozeß vor sich herschieben, schlicht aus Angst vor dem Mob. Schließlich wurde vor einigen Jahren in Lahore ein muslimischer Richter nur deswegen von Extremisten erschossen, weil er einen wegen Blasphemie angeklagten Christen freigesprochen hatte. International bekannt wurde der Mißbrauch der Gotteslästerungsverbote durch den öffentlichen Selbstmord des katholischen Bischofs John Joseph im Mai 1998. Zeugen zufolge habe der Würdenträger damit auf das Todesurteil reagiert, das gegen den christlichen Bauern Ayub Masih verhängt worden war. Ayub Masih hatte eine zivilrechtliche Auseinandersetzung mit seinem Lehnsherrn geführt, der ihn schließlich der Beleidigung des Propheten Mohammed beschuldigte. „In den letzten Jahren hat sich in vielen Regionen Pakistans der religiöse Extremismus unter Muslimen gesteigert“, heißt es in einer Erklärung der IGFM. Am Ende des vergangenen Fastenmonats Ramadan etwa schoß eine Gang von 13 jungen Muslimen in dem Dorf Niale da Wara in der Provinz Punjab auf christliche Mitbürger, verletzte dabei den Gemeindepfarrer und verprügelte zudem christliche Frauen und Kinder. In den letzten Jahren kam es mehrfach zu ähnlichen Ausschreitungen, infolge derer rund 40 von 60 christlichen Familien von dort wegzogen. Der pakistanischen Menschenrechtsorganisation CLAAS liegen zudem zahlreiche Fälle vor, in denen islamische Extremisten christliche Mädchen und verheiratete Frauen entführten, vergewaltigten und gewaltsam zur Konversion zum Islam zwangen. Die Opfer können sich dagegen kaum wehren, da sie als Frauen und Christinnen vor Gericht ungleich behandelt werden. An der Spitze dieses Extremismus steht in Pakistan die PKN-Bewegung, die sich (frei übersetzt) „Bewahrer des abschließenden Prophetentums Mohammeds“ nennen. Die PKN wurde speziell gegründet, um gegen Andersgläubige vorzugehen, auch außerhalb der pakistanischen Grenzen. Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes verfolgt sie Einzelne sogar in Deutschland. Offiziell ist die pakistanische Regierung unter Pervez Musharraf religiös gemäßigt und am Kampf gegen den islamischen Terror beteiligt, für den sie bei seinem Besuch sogar das Lob des US-Präsidenten erhielt. Zudem hat Islamabad kürzlich dem radikalislamischen Hasba-Gesetz, das eine rigide Religionsüberwachung vorsieht, eine Absage erteilt. Die IGFM kritisiert aber: „Der Regierung in Islamabad ist es trotz zahlreicher Ankündigungen bis heute nicht gelungen, Angehörige religiöser Minderheiten vor dem Terror durch islamistische Straftäter zu schützen.“ Viele Beobachter zweifelten den tatsächlichen Willen der Regierung Musharraf an, die Härte des Gesetzes tatsächlich gegenüber militanten Islamisten anzuwenden, heißt es in einer Erklärung der Menschenrechtsorganisation. Fest steht, daß mit der Hetze gegen religiöse Minderheiten die „Talibanisierung“ Pakistans zugenommen hat. Für Christen wird es immer schwerer, in dem Land zu leben. Foto: Brennende anglikanische Erlöserkirche in Sukkur: Der religiöse Extremismus unter Muslimen ist gewachsen

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