Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Der Hüter des Glaubens

Für die Kirche in Deutschland ist es eine Auszeichnung, daß sich die Kardinäle darauf einigten, Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst zu wählen. Benedikt XVI. wird als Deutscher genausowenig ein deutscher Papst sein, wie Johannes Paul II. ein polnischer war. Der Papst ist der Bischof von Rom und von nun an ein Römer. Aber Kardinal Ratzinger blieb immer seiner unmittelbaren Heimat Bayern eng verbunden. Der Erzbischof und Kardinal verbrachte jährlich seine Ferien in Bayern. Er freute sich, mit der Welt vertraut, ein Bayer zu sein. Wenn sich sein Vorgänger gerade in Bayern besonders wohlfühlte, dessen Patronin die Jungfrau und Gottesmutter Maria ist, genoß Ratzinger unverhohlen die Freude des Papstes an seinen Bayern. Doch er lernte auch als Professor das übrige Deutschland kennen und erwarb sich in Bonn, Münster und Tübingen dankbare, enthusiastische Schüler. Der Theologe Ratzinger steht in recht deutschen Traditionen und Schulen, die manche Römer stets mit einem gewissen Mißtrauen beobachteten. 1962/65 verwirrte der junge Ratzinger in Ehren ergraute Bischöfe, die etwas ratlos vor dem „Teenager“ des Konzils waren, der ebenso fromm wie verwegen argumentierte. Deutsche Theologen und deutsche Bischöfe hatten damals einen großen Einfluß. Die Ergebnisse des Konzils mußten gerade Katholiken in Deutschland darin bestätigen, zur Dynamisierung der Kirche mitten in einer sich rapide verändernden Welt beigetragen zu haben. Joseph Ratzinger, ein Theologe des Konzils und einer der vielen Väter der sogenannten Konzilskirche, galt ihnen gleichsam als Symbol eines deutschen Avantgardismus in der Kirche. Das hat sich geändert. Nicht weil der Professor, Erzbischof und Kardinal sich geändert hätte. Deutsche Katholiken zogen gelegentlich Konsequenzen aus Konzilsbeschlüssen, die auf sehr eigensinnigen Interpretationen beruhen. Kardinal Ratzinger stand immer fest zu den Beschlüssen des Konzils. Seine Aufgabe bestand während der letzten beiden Jahrzehnte darin, gerade Deutsche vor Sonderwegen zu bewahren. Insofern war er gerade kein spezifisch deutscher Theologe oder Kirchenfürst mehr. Er wachte über den Glauben, um ihn vor oberflächlichen oder mißverständlichen Deutungen konziliarer Absichten zu schützen. Darüber mußte er unweigerlich gerade mit Katholiken in Deutschland in ein spannungsvolles Verhältnis geraten. Deutsche Katholiken verstehen sich meist als politische Katholiken. Kardinal Ratzinger gehört zu den unter intellektuellen Deutschen selten gewordenen religiösen Katholiken. Insofern ist er kein deutscher Papst. Aber nur aus einem so heillos politisierten Land, mit politisierter Moral und moralistischer Politik als Religionsersatz, kann wahrscheinlich ein religiöser Katholik kommen, in dem die Weltkirche den Hirten erwartet, den Diener der Diener, um die Fundamente des Glaubens in dem beginnenden dritten Jahrtausend des Christentums zu festigen. Die politischen Bezeichnungen – konservativ, liberal, modern – taugen nicht innerhalb der Kirche und des Glaubens. Die Kraft des Glaubens kommt nicht aus der Aktualität seiner Grundsätze, sondern aus einer Wahrheit, vor der die Zeiten und die Geschichte sich als ohnmächtig erweisen. Die Kirche braucht Heilige. Johannes Paul II. war ein heiligmäßiger, heilender Hirte. Benedikt XVI. wird ein religiöser Papst sein, ein Hirte, der den Glauben vor den Gefahren schützt, die in einer kirchenfeindlichen Zeit unübersichtlicher werden. Daß gerade ein Deutscher dazu ausgewählt wurde, das gehört zur Weisheit des Heiligen Geistes. Denn wer hier Fundamente erhalten will, gilt als Fundamentalist und wird erbittert angegriffen. Benedikt XVI. ist bildlich gesprochen, was er sein soll, der Fels, auf den Christus seine Kirche baute, ungeachtet aller sie umspülenden Aktualitäten.

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