Grauzonen des Embryonenschutzgesetzes

In den vergangenen Monaten stand das Thema Lebensschutz immer wieder auf der politischen Tagesordnung: Es wurde sowohl ohne Ergebnis über das Verbot von Spätabtreibungen gestritten (siehe die Meldung auf dieser Seite), als auch über eine Lockerung des in Deutschland besonders strengen Embryonenschutzgesetzes im Zusammenhang mit der Stammzellenforschung abgestimmt. Doch während in der Politik eher abstrakt diskutiert wird, stehen viele Frauen vor der ganz konkreten Frage, wann das Leben eigentlich genau beginnt. Und zwar dann, wenn sie verhüten wollen. Denn es gibt einige Verhütungsmethoden, die nicht die Befruchtung verhindern, sondern erst danach ansetzen. Die bekannteste von ihnen ist die Spirale, die Millionen Frauen in Deutschland benutzen. Sie ist die am dritthäufigsten verwendete Verhütungsmethode überhaupt. Aber daß sowohl die Kupfer- als auch die Hormonspirale zu einer Art Frühabtreibung führen können, wissen nur die wenigsten. Diese sogenannten  Nidationshemmer verhindern die Einnistung der bereits befruchteten Eizelle in die Gebärmutter. Und dennoch gelten sie in der Öffentlichkeit als ethisch unproblematisch. Nicht zuletzt, weil die Mehrheit über ihre genaue Wirkungsweise zu wenig weiß und sogar falsch informiert wird. Ein Fallbeispiel aus Berlin: Eine junge Mutter besucht eine Frauenärztin. Sie will wissen, welche Verhütung sie nach der Geburt wählen soll. Die Gynäkologin empfiehlt ihr die Spirale, weil diese eine sichere, langanhaltende und nebenwirkungsarme Verhütungsmethode sei. Außerdem habe man „den Kopf frei“ und müsse nicht ständig an die Verhütung denken, sagt sie. Doch da ist noch etwas, das die Patientin beschäftigt: „Ist das nicht wie eine Abtreibung, nur im sehr frühen Stadium?“ Die Ärztin muß fast lachen: „Wie kommen Sie denn darauf?“ Sie erklärt, daß die Spirale entweder kleine Mengen von Kupfer oder Gestagen (Hormon) abgebe, was die Spermien in ihrer Funktion hemme. Dabei klammert die Ärztin allerdings die Nidationshemmung vollkommen aus. „Wie kann etwas abgetrieben werden, was noch gar nicht existiert?“ fragt sie schließlich. „Wenn Sie unsicher sind, empfehle ich Ihnen die Hormonspirale. Diese ist unbedenklicher.“ Um sicherzugehen ruft die Frau nach dem Arztbesuch jedoch beim Beratungs-telefon des Pharmaunternehmens Bayer Schering an, das hierzulande führend in der Herstellung von Hormonspiralen ist. Das Ergebnis ist kaum aufschlußreicher: Der Berater am Telefon ist verwundert, daß jemand aus Lebensschutzgründen Bedenken gegen die Hormonspirale äußert. Er würde die Frage bei der Kupferspirale eher verstehen. Denn bei ihr sei eine Befruchtung durchaus möglich. Die Verhütung damit basiere vor allem auf der Verhinderung der Einnistung. „Doch bei der Hormonspirale müssen Sie sich keine Sorgen machen: In den allermeisten Fällen kommt es dabei gar nicht erst zu einer Befruchtung“, sagt er, fügt aber schnell hinzu, daß es trotzdem keine Garantie gebe. „Wobei die Wahrscheinlichkeit sehr, sehr gering ist. Allerdings, bei der Pille sind sie ja auch nicht hundertprozentig sicher.“ Wer Gewißheit über die genauen Wirkungsweisen verschiedener Verhütungsmethoden will, findet sie unter anderem bei den Lebensschutzorganisationen. Doch nur die wenigsten Frauen suchen dort Rat, weil sie glauben, von den Lebensschützern beeinflußt zu werden. Viel leichter erscheint der Weg zu anderen Beratungsstellen, zum Beispiel von Pro Familia. Auch weil sie dort unabhängige und objektive Information zu bekommen glauben. Doch was sie erhalten, ist nicht minder lebensanschaulich: Denn laut Pro Familia — und vielen anderen öffentlichen Einrichtungen — beginnt das Leben erst ab dem Zeitpunkt, in dem sich die befruchtete Eizelle in der Gebärmutter einnistet. Was davor ist, sei also kein Leben und könne deshalb „verhütet“ werden. Erst nach der Einnistung könne man wirklich von Leben und auch von Abtreibung sprechen. Somit gelten Nidationshemmer wie die Spirale und die „Pille danach“ als ethisch vollkommen unbedenklich. Schließlich wirkten sie, bevor das Leben wirklich entsteht. Foto: Frau mit Verhütungsmitteln: Mit der Spirale den „Kopf frei“ bekommen?

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