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„Gewalt hat keinen Paß, sondern eine Kindheit“

Auszüge aus einer E-Post an eine Berliner Schülerin namens Gülhan: "… du glotzt uns an wie ein Glotztier, du häßliche Gnom. Du Nutte du Schlampe wir ziehen dein Haut rüber über dein häßliche Kopf. Deine freche Beleidigung bereust du verschwinde wir wollen dich nicht sehen. Sonst sind deine Augen blau das du nicht rausguckst." Die Absender der Nachricht sind Schulkameradinnen von Gülhan.

Der Ton ist rauh an Berlins Schulen, die Umgangsformen auch. Im Schuljahr 2005/06 meldeten staatliche Schulen 1.573 Gewalttaten. Die Berliner Schulen sind – in Deutschland einzigartig – seit 1992 verpflichtet, Gewaltfälle aller Art zu melden. Diese Zahlen sind ein denkbar schlechter Start für einen neuen Schulsenator Jürgen Zöllner (SPD), den der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) für den langjährigen Senator Klaus Böger ins Amt geholt hat.

Zöllner, bislang Wissenschaftsminister in Rheinland-Pfalz, nimmt die Lage gelassen. Statt einer vorbehaltlosen Bestandsaufnahme wiegelt er ab. "Jeder Gewaltakt ist einer zuviel", sagt er zwar. Aber dann verweist er auf die "Erfolge" des Senats: "Allein in diesem Jahr starteten vier neue Präventionsprojekte an unseren Schulen." So spricht einer, der das Versagen der eigenen Genossen und ihrer Multikulti-Ideologie nicht wahrhaben will. Denn im vergangenen Jahr ist allen "Programmen gegen Gewalt" zum Trotz die Gewaltrate regelrecht explodiert: plus 75 Prozent. Seit dem Schuljahr 2000/01 ist sogar eine Verfünffachung zu verzeichnen. "Mit der Zunahme der Meldungen hellt sich das Dunkelfeld von Gewalttaten weiter auf", sagt der Senator. Es gelingt ihm auf diese Weise sogar noch, der gestiegenen Anzahl von gemeldeten Fällen etwas Positives abzugewinnen: "Es hat etwas Gutes – die Sensibilität nimmt offensichtlich zu." Also nicht die Taten an sich, sondern nur die gemeldeten Fälle haben zugenommen.

Eine sehr eigene Interpretation der Zahlen

Auch in seiner schriftlichen Stellungnahme verzichtet der Senator nicht auf seine sehr eigene Interpretation der Zahlen: "Die steigende Zahl der Meldungen deutet darauf hin, daß Schulen aktiver und offener mit Gewaltvorfällen umgehen. Das ist eine gute Nachricht. Falsch wäre es, von einer Steigerung der Gewaltvorfälle um 76 Prozent zu sprechen." Die Wahrheit liegt eben immer im Auge des Betrachters. Wer kann es vor dem Hintergrund des Wegschauens und Nichtwahrhabenwollens Ber- lins Regierendem Bürgermeister noch verdenken, wenn er offen bekennt, daß er seine Kinder, so er denn welche hätte, nicht auf eine Schule in Kreuzberg schicken würde? Wowereit erntete scharfe Kritik für seine Äußerungen – nach zwei Tagen ruderte er hilflos zurück.

Eine Woche später steht er im Roten Rathaus, im großen Saal, in dem ein großes Bismarck-Bild prangt, vor einer versammelten Kreuzberger Schülerschar. Es gilt einen Preis für "deutsch-türkischen Gemeinsinn" zu verleihen. Die Laudatio anläßlich der Verleihung der "Tulpe" hält Rita Süssmuth. Geehrt werden drei Institutionen aus Kreuzberg, darunter der Elternverein einer Schule. Wowereit kann nicht entkommen. Der Termin ist lange anberaumt, die bunten Einladungskarten des Ausländerbeauftragten Günter Piening seit Wochen verschickt. Wowereit muß etwas sagen zu Kreuzberg, zu den Problemen an den Schulen. "Ich bedauere, daß meine Äußerungen mißverstanden werden konnten, wenn es so verstanden wird, daß dort keine hervorragende Arbeit geleistet wird. Es war politisch falsch, weil es mißverständlich war und falsch rübergekommen ist", sagt er gequält. Daß er seine Kinder, wenn er welche hätte, nun doch nach Kreuzberg schicken würde, hat Wowereit nicht gesagt. Das hätte ihm auch keiner geglaubt – nicht vor dem Hintergrund der gestiegenen Gewalttaten, die zwei Tage später von seinem Schulsenator offen zugegeben werden müssen.

Jürgen Zöllner hat ins Rote Rathaus geladen. Was er vorträgt, hat es in sich, auch wenn Zöllner bemüht ist, die wahre Lage an Berlins Schulen unter den Teppich zu kehren. Ein Polizist aus dem Problembezirk Neukölln hat das Thema Jugendgewalt einmal auf eine einfache Formel gebracht: Achtzig Prozent der Täter sind Ausländer, achtzig Prozent der Opfer Deutsche. Auf ganz Berlin bezogen sieht es natürlich nicht ganz so eindeutig aus: 54,2 Prozent der Tatbeteiligten bei Gewalttaten an Schulen sind Ausländer. Die Zahl ist von 35,9 Prozent (2004/05) also binnen eines Jahres deutlich gestiegen. Es handelt sich aber um alle Tatbeteiligten, also auch um die Opfer. Insofern sagen Zahlen nicht viel aus. Es könnte theoretisch auch sein, daß die 54 Prozent Tatbeteiligte nichtdeutscher Herkunft allesamt Opfer sind – und nicht Täter. Darauf angesprochen, sagt Zöllners Referentin für Gewaltprävention und Krisenintervention Bettina Schubert ("Gewalt hat keinen Paß, sondern eine Kindheit") zerknirscht, diese Zahlen würden gegebenenfalls "nachgeliefert". Aus den Unterlagen des Senators geht nur hervor: "In den Meldungen werden sie selten als Opfer, häufiger als Beteiligte auf der Täterseite genannt."

Bewaffnete Araber stürmen das Klassenzimmer

Aber: "Die Mehrzahl der Gewaltangriffe richtet sich gegen andere Personen nichtdeutscher Herkunft." Gemeint sind Fälle wie der in der Eberhard-Klein-Oberschule in Kreuzberg: Eine Bande mit Messern bewaffneter Araber dringt auf das Schulgelände ein, stürmt in einen Klassenraum. Dort zerren die jungen Araber ihr Opfer, einen Türken, auf den Gang. Sie verletzen den Jungen. Er muß sich in ärztliche Behandlung begeben. Das mußten die Berliner Schulkinder in 27 Prozent aller Gewaltfälle des vergangenen Jahres.

Zurück in die Eberhard-Klein-Oberschule: Die Araber entkommen. Sie haben den Türken vermöbelt, weil er zwischen die Fronten einer Auseinandersetzung arabischer Jugendgangs geraten ist. Ein deutsches Kind hätte schon deshalb nicht das Opfer sein können, weil es an der Schule keine deutschen Kinder mehr gibt. Genauso war es auch, als im Frühjahr eine Gruppe Zuwandererkinder einen Klassenraum in einer Charlottenburger Schule betrat und einen schwarzen Schüler verprügeln wollte. Die Lehrerin mußte den "Nigger", wie die Angreifer sagten, in einer Abstellkammer in Sicherheit bringen.

Diese Dinge geschehen seit Monaten, seit Jahren. Immer hat die Politik weggeschaut, haben die Medien diese Problem als Einzelfälle abgetan – bis vor einem Jahr erstmals jüdische Schulkinder massiv von arabischstämmigen Schülern angegriffen wurden. Aus vereinzelten Übergriffen von Arabern auf Juden wurde eine ganze Serie, und plötzlich reagierten die Politiker. Zur gleichen Zeit bekundete Klaus Böger erstmals schwere Versäumnisse und gelobte Besserung.

Zu spät für Böger. Der Fall der Rütli-Schule, deren Lehrerschaft medienwirksam die Auflösung der Schule gefordert hatte (JF 16/06), hat den letzten Rest seines ohnehin schon angeschlagenen Ansehens ruiniert, so daß Wowereit es als notwendig erachtete, ihn auszuwechseln. Der neue Mann im Amt hat noch eine weitere Strategie, um vom eigenen Unvermögen abzulenken: die Faschismuskeule. Die hilft immer.

Beim ersten Durchsehen der Unterlagen bleibt völlig unklar, worin der Zusammenhang zwischen sogenannter politisch motivierter (rechtsextremer) Gewalt und dem brutalen Alltag in Berliner Klassenzimmern bestehen soll. Mal ist von rechtsextremen, mal nur von extremen Gewalttaten die Rede. Doch schnell wird klar: Der Senator versucht sich mit einem Ablenkungsmanöver zu retten.

Schon daraus geht klar hervor, daß Linksextreme nicht mal gedanklich im Konzept des Schulsenators vorkommen. Zwar ist die Zahl sogenannter "rechtsextremer Gewalttaten" mit fünf Prozent (achtzig Fälle) unter allen Fällen ziemlich unbedeutend. Aber Zöllner hat auch hier sofort Argumente parat: "Als in Berlin 1992 die Meldepflicht von Gewalttaten an Schulen verankert wurde und die Schulen verpflichtet wurden, auch extremistische Vorfälle an die Senatsverwaltung zu melden, wurden zunächst nur wenige Vorfälle gemeldet. Viele Schulen sorgten sich um ihren Ruf, sie wußten nicht, wozu die Meldungen verwandt werden sollen." Offenbar – so Zöllners Logik – gelten diese Vorbehalte immer noch. Sonst gäbe es wohl mehr gemeldete Fälle.

Die gestiegene Zahl von Gewaltfällen geht also auf eine verstärkte Wahrnehmung der Anzeigepflicht zurück. Bei "rechter Gewalt" aber schrecken die Schulen aus Angst vor Rufschädigung vor einer Anzeige zurück. Die rechte Gewalt schlüsselt sich wie folgt auf: Der größte Brocken sind 17 externe Propagandafälle (etwa die Verteilung der sogenannten Schulhof-CD durch die NPD) und 32 interne Propagandafälle. Neben 21 Bedrohungen und Beleidigungen bleiben sage und schreibe zehn Fälle von Körperverletzung (davon vier "schwere Fälle"), also weniger als ein Prozent aller gemeldeten "Gewalttaten" an Berliner Schulen. Da der Anteil der "rechtsradikalen Gewalttaten" anteilsmäßig sogar noch gesunken ist, kann Zöllner sie jedoch nicht für das Ansteigen der Gewalt verantwortlich machen.

Statt dessen eskaliert die ganz normale, unpolitische Gewalt an Berlins Schulen. 986 Körperverletzungsdelikte hat es gegeben, davon 262 "schwere", also Fälle, in denen eine Waffe zum Einsatz kam oder mehrere Personen auf einen Einzelnen losgingen. Die Masse der anderen Delikte sind Fälle von Bedrohungen (319 Fällen) oder Beleidigungen (56), also Vorfälle überwiegend verbaler Natur. Die meisten Vorfälle (300) ereignen sich in Mitte, Es folgt Lichtenberg (201 Fälle), ein früherer Ostbezirk mit wenigen Ausländern. Aber dann kommen bereits Kreuzberg-Friedrichshain (176) und Neukölln (160). In diesen vier Innenstadt-Bezirken spielt sich mehr als die Hälfte der schulischen Gewalt in Berlin ab.

Interessant ist, daß in allen Bezirken der Ausländeranteil bei Gewaltdelikten höher liegt als ihr Anteil an der Gesamtschülerzahl. Fast achtzig Prozent beträgt er in Neukölln und Mitte, obwohl dort "nur" fünfzig bzw. sechzig Prozent der Schüler nichtdeutscher Herkunft sind. Besonders hoch ist die Diskrepanz in Pankow, Marzahn-Hohenschönhausen und Treptow-Köpenick. In letzterem Bezirk gibt es zwar nur rund fünf Prozent Migrantenkinder an den Schulen. Migranten sind aber in dreißig Prozent aller Vorfälle verwickelt – wobei der Senator keine Zahlen zum Täter-Opfer-Verhältnis vorzulegen vermochte.

Die Stadt reagiert darauf mit gleich vier neuen "Anti-Gewalt-Programmen" im Schuljahr 2006/07. Die drei weniger erfolgversprechenden "Projekte" heißen Faustlos, Buddy und Denkzeit. Das vierte hat keinen Namen, könnte aber am wirkungsvollsten sein: Es wird nicht von Sozialarbeitern, sondern vom Landeskriminalamt verantwortet.

Foto: Ein Schüler vor der berüchtigten Rütli-Schule in Berlin: Die ganz normale unpolitische Gewalt eskaliert

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