Pankraz, P. Teutul sen. und der Ruhm der Chopper

Ein gewisser Herr Teutul sen. durfte kürzlich die große Glocke in Gang setzen, mit der an der Wall Street tagtäglich die Börse eingeläutet wird. Die Banker umschwänzelten ihn, als sei er die Königin von England. Anschließend ging es gleich zum ausführlichen Interview mit David Letterman, der deutsche Fernsehzuschauer konnte alles auf dem Kanal DMAX beobachten.

Herr Teutul ist ein großer, bulliger Kerl mit Riesenschnauzbart, verkehrt herum aufgesetzter Schirmmütze und nackten Oberarmen, welche über und über mit deftigen, prolligen Tätowierungen verziert sind. Auch seine Sprache ist deftig oder, genauer ausgedrückt, grob und ungehobelt. Er wirkte unter all den geschniegelten Wall-Street-Bankern wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, und der uneingeweihte Zuschauer fragte sich, was ein solcher Typ in solcher Umgebung zu suchen habe.

Regelmäßige DMAX-Gucker freilich wußten Bescheid. Paul Teutul senior ist der „König aller Chopper“, und die „Chopper“ sind jene Fraktion unter den sogenannten Auto- und Motor­radveredlern (neudeutsch: „Tunern“), die ihr Geschäft als eine grelle, proletenhafte und ungeniert angeberische Angelegenheit betreiben. „To chop“ heißt im Englischen an sich nicht „veredeln“, sondern „vergröbern“, ja schlicht „abhacken“. Wer sein Motorrad zu Teutul bringt, der will kein feineres, eleganteres Gefährt, sondern lediglich ein schnelleres, „brutaleres“, beim Gasgeben wild aufheulendes, mit dem man Eindruck schinden kann. Und Teutul bedient ihn zu vollster Zufriedenheit.

Vor zehn Jahren war er ein Nichts, heute, zum zehnjährigen Firmenjubiläum, kann er sich vor Aufträgen kaum mehr retten und wird, siehe oben, von der Wall Street umschmeichelt. Seine Chopper genießen Kultstatus, obwohl sie unter seiner Hand keineswegs immer schneller und bequemer, geschweige denn sicherer und gebrauchstüchtiger geworden sind. Die TÜVs aller Herren und Länder erzittern und bereiten sich aufs Schlimmste vor, wenn ein „Chopper“ bei ihnen zur Zulassungsprüfung erscheint. Aber die Sehnsucht vor allem junger Leute nach einem echten Chopper wächst und wächst.

Parallel zu den Chopper-Produkten und im gleichen Geist entwickelte sich das zugehörige Marketing. Keine Rede konnte davon sein, daß man mit zunehmendem Erfolg irgendwie vornehmer, exklusiver, differenzierter wurde, im Gegenteil, man kehrte seine Prolligkeit auch in der Werbung laut und ausführlich heraus. Zu den Choppern in Form von Motorrädern traten gewissermaßen Chopper in Form von Werbespots. Der Sender DMAX scheint dabei eine wichtige Rolle zu spielen, ist offenbar, um im alten Ostzonenstil zu sprechen, die Dispatcher-Zentrale.

Man zeigt dort am laufenden Band Filme aus der Werkstatt Teutuls oder seiner Nachahmer (darunter mittlerweile auch deutsche), d.h. man sieht bullige, tätowierte Kerle mit umgekehrt aufgesetzten Schirmmützen, die Motorräder und Autos zerlegen und wieder zusammenschrauben und dabei grobe Reden führen, sich gegenseitig anrempeln und wieder vertragen, Frühstücksstullen auspacken oder pinkeln gehen. Der Unterschied zu den klinisch sauberen Automatensälen und geleckten Designerbüros der großen Fahrzeugfirmen ist schneidend.

Aber es fällt auch auf (soll offenbar auffallen), daß die technologische Qualität und der gestalterische Einfallsreichtum der schmuddeligen Chopperbullen mindestens so gut sind wie die der adretten Automatenführer und Designer in den großen Firmen, vielleicht besser. Bei den Choppern wird dauernd gestritten und improvisiert, es wird Zeit vertrödelt und dann wieder wie wild unter schier wahnsinnigem Zeitdruck gewerkelt – doch am Ende stehen (wenigstens bei DMAX) Resultate da, die vor Gelungenheit und Originalität geradezu bibbern, und die Kunden, die kommen, um ihr gechopptes Gefährt abzuholen, wissen sich vor Glück nicht zu fassen und fallen von einer Begeisterung in die andere.

Irgendwie ist das rührend. Mag sein, die meisten Chopper bieten, bei Lichte betrachtet, doch nur bloßen Augen- und Ohrenschmaus, segeln in ihrer visuellen und klanglichen Aufdringlichkeit dauernd an der Grenze zum puren Kitsch und verfehlen letztlich sowohl die Anforderungen des guten Geschmacks wie der gediegenen Nützlichkeit. Die Sehnsucht nach dem gelungenen unwiederholbaren Einzelstück, nach dem ganz eigenen und doch auch alle anderen erfreuenden, ist jedoch stets zu spüren, leuchtet aus jedem extra aufgesetzten Spoiler, aus jeder grotesk verlängerten Radgabel an einer alten Harley-Davidson.

Und es sind nicht hochnäsige Kreativbolzen oder weltverlorene Super-Individualisten à la James Dean oder Easy Rider, die dieser Sehnsucht in Form von Choppern Symbole erschaffen, sondern es sind ausdrücklich Typen „von unten“, harte Burschen, denen die Kulturkritik immer nachsagt, daß niemand anderer als sie verantwortlich seien für den überall grassierenden Massengeschmack, für die Verjämmerlichung der Umwelt und den Untergang guter Tugenden. Paul Teutul sen. und die Seinen widerlegen diese Standardanwürfe. Sie kommen zur rechten Zeit.

Daß ausgerechnet die smarten Strategen der Wall Street das zuerst merken und es pompös illuminieren, indem sie Herrn Teutul den Börsenalltag einläuten lassen, ist allerdings ein zwiespältiges Signal. Einerseits spricht es für den Spürsinn der Leute und für den Witz, den sie zu entwickeln vermögen, wenn es gilt, aus momentanen Tieflagen herauszukommen. Andererseits steckt dahinter vielleicht doch nur schnödes Geschäftsinteresse, der schlaue Plan, die Chopperei, also das bewußte Heraustreten aus üblichen Normen, selber zur Massennorm und dadurch kalkulierbar und kapitalkräftig zu machen.

Aus einer unschuldigen Mode, die allenfalls mäßigen Gewinn abwirft, soll eventuell wieder mal eine Blase gemacht werden, die zuerst einige Spekulanten mästet und dann die kleinen Leute enteignet. Aus „to chop“ würde wieder reines Abhacken. Das wäre schade.

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