Flaschenpost

Am 24. Dezember 1907 versiegelten einige Herren im Gehrock in einer feierlichen Zeremonie zwei Metallbehälter und lagerten sie auf hundert Jahre im Keller der Pariser Oper ein. Die Behälter enthielten je zwölf Scheiben, Vorläufer der Schellack-Platten, mit Aufnahmen der populärsten Interpreten ihrer Zeit. Alfred Clark, Gründer und Präsident der Gramophone Company und später Vorsitzender der Electric und Musical Industries (EMI), wollte die Platten der Nachwelt erhalten wissen, „um den Menschen die schönsten Stimmen unserer Zeit“ vorzustellen – den Menschen des 21. Jahrhunderts.

Einhundert Jahre später wurde der Schatz geborgen, und wiederum zwei Jahre später liegen die Aufnahmen dieser sowie zwei weiterer 1912 versenkter Urnen bei ebenjenem Unternehmen EMI auf drei CDs vor, sorgsam restauriert und digitalisiert, editorisch jedoch nur allzu sparsam aufbereitet. Nicht einmal zu einer Übersetzung des französischen Begleittextes haben sich die Erben dieses Kulturzeugnisses ersten Ranges bequemen können (EMI 50999 206267 2 3).

Kulturzeugnis ist zuallererst die Zusammenstellung selbst. Da stehen Aufnahmen heute kaum noch bekannter französischer Sänger in heute kaum noch bekannten französischen Opern neben den legendären, bis heute maßstabsetzenden Aufnahmen jener Sänger, die nach dem überwältigenden Erfolg von Enrico Carusos Platten bereitwillig in den Aufnahmetrichter sangen, um ihre Stimme für die Ewigkeit zu bewahren: Francesco Tamagno, der Otello der Uraufführung, mit Otellos Schlußmonolog, Fernando de Lucia, einer der letzten Vertreter des Canto fiorito, Adelina Patti mit einer völlig verfehlten ersten Zerlina-Arie, Nellie Melba mit Gilda-Arie und Cherubino-Kanzonette, Luisa Tetrazzini mit ihrer blasiert-giftigen Rosina, Battistini, Amato, Scotti, Schaljapin, Sembrich, Farrar usw., nicht zu vergessen jener Sänger, mit dem die Erfolgsgeschichte der Schallplatte als letztes Refugium der Oper recht eigentlich begonnen hat: Enrico Caruso.

Im Katalog der Gramophone française waren neben Instrumentalvirtuosen wie Pugno und Paderewski, Kubelik und Kreisler selbstverständlich auch jene Sänger aufgeführt, die das schöne Ideal des Singens, die französische Schule, verkörperten und die Bühne der Pariser Oper dominierten: Jean Noté, Paul Franz, Maurice Renaud, Marcel Journet, Lèon Beyle, die „italienischen“ Franzosen Agustarello Affre und Léon Campagnola, Emma Calvé, die größte Carmen ihrer Zeit, und der fast vollkommene Pol Plançon. Über Marguerite Mérentié, Berthe Auguez de Montalant, Julia Lindsay weiß nicht einmal der neue vierbändige Kesting Auskunft zu geben. Von der Wertschätzung, der sich die Deutsche Ernestine Schumann-Heink erfreute, zeugt ihre Aufnahme der deutsch gesungenen Dalila-Arie von Saint-Saëns.

Der Hörer wird für zum Teil überhetzte Tempi und gekürzte Nummern, der Spieldauer der Platten geschuldet, mit unfrisierten, authentischen Aufnahmen – wie gesungen, so erklungen – reichlich entschädigt.

Die Flaschenpost ist geöffnet, sie zu entziffern bedarf es Übung. Der Übende jedoch erhält eindrückliche Lehrstunden über die Wandlungen des Singens und der Auffassungen von Werktreue mit den wechselnden Zeitläuften.

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