Die Grammatik ist rechts

Wer die Schriften von Alain de Benoist kennt, weiß, daß der französische Philosoph und Publizist vom Links-Rechts-Schema wenig hält. Trotzdem hat er die beiden letzten Ausgaben seiner Zeitschrift Krisis dem Thema „Rechts / Links“ und „Links / Rechts“ gewidmet. Wie üblich, handelt es sich um Zusammenstellungen von Essays aus der Feder ganz verschiedener Autoren, Dokumentationen älterer Texte und Interviews. Alles verbunden durch das Bestreben, die Üblichkeiten zu meiden, unbekannte Fakten zu präsentieren und ungewohnte Perspektiven vorzustellen.

Die Nummer 31 unter dem Titel „Droite/Gauche?“ beginnt mit einem Beitrag des italienischen Philosophen Costanzo Preve, eines unorthodoxen Marxisten, der zu den schärfsten Kritikern der „postmodernen“ Linken gehört. Preve vertritt die Auffassung, daß die Unterscheidung zwischen Links und Rechts anachronistisch, aber unvermeidbar sei. Der „neue Kapitalismus“ habe sich einen Überbau verschafft, der ideologisch weder der einen noch der anderen Seite klar zuzuordnen sei. Das Konglomerat, mit dessen Hilfe sich das bestehende System rechtfertige, bedürfe aber auch keiner gedanklichen Klarheit, weil die „richtigen“ Auffassungen durch einen „Klerus“ festgelegt und überwacht werden, der sich wahllos an allen ideologischen Überlieferungen bediene, die ihm nützlich scheinen. Die kleine Zahl der Opponenten sehe sich deshalb vor allem zu einem Anti-Klerikalismus gezwungen, der seinerseits Anleihen bei verschiedenen Traditionen mache. Ob diese Art des Widerstands erfolgreich sein werde und ob sie im Fall des Erfolgs „links“ oder „rechts“ sei, bleibe abzuwarten.

Die Analyse des „linken“ Preve berührt sich in vielem mit der des „rechten“ Marc Crapez, eines Politikwissenschaftlers, der durch seine Bücher ganz wesentlich zur Entzauberung der (französischen) Linken beigetragen hat. In seinem Text geht es um den Ursprung des Links-Rechts-Gegensatzes, den er nicht wie üblich auf die Revolution zurückführt, sondern auf die Dreyfus-Affäre. Erst um 1900 habe sich ein Dualismus gebildet, der stabile Zuordnungen ermöglichte, was vor allem aus dem Abbau älterer Parteien (der diversen Monarchismen, der Ultramontanen etc.) zu erklären sei.

Der in der Mitte bestimmt, was „normal“ ist

Eine Schwäche dieser Argumentation besteht allerdings darin, daß der Begriff „rechts“ schon vor dem Ersten Weltkrieg im Sinn einer Selbstbezeichnung zu verschwinden begann. Benoist weist in seinem Aufsatz über das Fehlen eines französischen „Konservatismus“ darauf hin, daß „rechts“ vor allem als Ersatzbegriff verwendet wurde und auch diese Funktion nur bedingt erfüllen konnte, weshalb man auf Termini wie „national“ oder „patriotisch“ auswich, die allerdings auch von „links“ reklamiert wurden. Schon vor dem Ersten Weltkrieg begann insofern ein Prozeß, der die „Rechte“, trotz ihres Vorhandenseins, „unauffindbar“ machte, wie Christian Brosio in einem weiteren Essay des Bandes feststellt.

Vielleicht ist die Rechte der Linken aber nur vorausgegangen. In der Nummer 32 von Krisis („Gauche/Droite?“) legt jedenfalls der italienische Philosoph Massimo Cacciari, ein Ex-Kommunist, bekannter wegen seiner Amtszeit als Oberbürgermeister von Venedig, dar, daß sich die Logik des Gegensatzes von „Links“ und „Rechts“ eigentlich nur erschließe, wenn man eine Präferenz der Mitte annehme. Der in der Mitte, der Mediator, ist medicus-rex, Heiler und Herrscher, und gleicht die Seiten gegeneinander aus, er bestimmt, was „normal“ ist.

Unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts hat sich eine Linke wie eine Rechte gegen solche „Normalität“ aufgelehnt: die eine Seite im Namen der „großen Politik“, die andere im Namen des „Fortschritts“. Beide Projekte sind nach Cacciari gescheitert, die Rechte militärisch, die Linke ideologisch, weil sich ihre Erwartungen in die Gesetzmäßigkeit der Geschichte erledigt haben. Deshalb drohe die Gefahr, daß die Mitte alles beherrsche und ihre Funktion dazu nutze, den latenten „Opportunismus“ zur allgemeinen Haltung zu machen. Dagegen könne nur eine Linke opponieren, die ihre „Mythen“ aufgegeben habe und sich bis auf weiteres damit befasse, den Widerstand gegen die Entfremdung zu organisieren.

Massimo Cacciari, ausgezeichnet mit dem Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken, argumentiert als desillusionierter linker Intellektueller, der kein Hehl aus seiner Skepsis gegenüber den Massen macht. Deshalb vertritt er aber auch nur eine Schwundstufe linker Programmatik, die freilich wenig mit jenen Überzeugungen zu tun hat, die einmal den Enthusiasmus von Anarchisten, Sozialisten und Kommunisten entfachten.

Vergleicht man diesen Ist-Zustand jedenfalls mit der Vielfalt linker Denk­traditionen, die in den übrigen Beiträgen des Bandes vorgestellt werden, muß man eine dramatische Verarmung feststellen. Die Linke verhieß in ihrer Hochphase nicht nur die Gesellschaft der Gleichen, die Lösung der „Sozialen Frage“, sondern war auch in der Lage, sich Ideen anzueignen, die die Massen tatsächlich ergriffen. Davon ist heute keine Rede mehr.

Eine Ursache dafür nennt Benoist in einem Aufsatz, der nicht in den gesetzten Rahmen zu passen scheint, da er den Zusammenhang von Liberalismus und Moral behandelt. Allerdings geht es hier um die generelle Verschiebung der politischen Norm seit dem 18. Jahrhundert, wie sie auch Cacciari feststellt – weg von der „guten“, hin zur „gerechten“ Ordnung, weg vom konkreten, „eingebetteten“, hin zum „abstrakten“ Menschen –, die etwas erklärt vom Erlahmen der politischen Leidenschaft überhaupt.

Daß die immer mit dem agonalen Charakter des Politischen zu tun hat, ist schwer bestreitbar, ebenso wie die Tatsache, daß „Links“ und „Rechts“ je verschiedene Typen anziehen oder abstoßen. In der Nummer 31 von Krisis sind Überlegungen des französischen Historikers und Essayisten Emmanuel Berl (1892–1976) abgedruckt, die sich diesem Phänomen auf dem vielleicht aussichtsreichsten Weg – mittels Aphorismus – zu nähern suchen: „Weitere Komplikation: die Extreme; die extreme Rechte ist viel weniger rechts, die extreme Linke viel weniger links.“ – „Die Intellektuellen sind links, im allgemeinen; sie sind weniger sicher als andere, daß zwei und zwei wirklich vier ergibt.“ – „Die Rechte gewinnt ihre Macht zurück, wenn die Notwendigkeit neu in ihre Rechte eintritt. Dieser Augenblick kehrt immer wieder: aber es ist heikel, ihn herbeizuwünschen.“ – „Die Grammatik ist rechts, die Linguistik links.“ – „Lassen wir die Worte. Rechts und Links haben ihren Sinn verloren, sie bewahrten ihre Bedeutung.“

Die Ausgaben der Zeitschrift Krisis kosten je Heft 23 Euro; sie können bezogen werden über: Krisis – 5 rue Carrière-Mainguet – F-75011 Paris oder über www.alaindebenoist.com. Ein Abonnement für vier Ausgaben kostet in Deutschland 80 Euro.

Fotos: Roberto Marcello Baldessari, Simultanität (Pastell auf Karton, 1915): Schon vor dem Ersten Weltkrieg begann ein Prozeß, der die „Rechte“, trotz ihres Vorhandenseins, „unauffindbar“ machte, „Krisis“, Nr. 32, Gauche/Droite?

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