Keine strahlenden Helden

Wenn es ein Paradies gibt – dann schaut es aus wie Beaufort. Hier spielt ein provokantes Buch, das Einblick in die israelische Armee bietet. Ihre Soldaten sind jung, laut und undiszipliniert – aber sie kämpfen. Ihr Einsatz führt sie anno 1999 auf die Kreuzfahrerburg Beaufort, einen idealen Beobachtungsposten im Südlibanon. Die Israelis haben sich hier mit viel Beton und Elektronik eingerichtet. Im Vorfeld kommt es immer wieder zu Scharmützeln. Wie die Hisbollah dabei die Oberhand gewinnt, wie die Israelis sich in ihre Bunker drängen lassen, schildert der Roman mit Raffinesse. Man spürt es: Beton macht feige. Leshem beschreibt die Verbitterung der Soldaten: über die Friedensbewegung, über die Isolation von ihren Landsleuten und vor allem über eine zunehmend defensive Taktik, die von oben vorgegeben wird. Eine Ausnahme bilden die religiös geprägten Soldaten: Sie sind die besten Kämpfer und die besten Kameraden, nicht zuletzt weil sie am wenigsten beeinflußt werden von der Verheißung unserer Zeit. Von ihnen gehen immer wieder Momente aus, in denen sich auch ihre Kameraden dem Glauben zuwenden. Diese Szenen berühren den Leser, denn hier spürt man, wie kulturell nahe uns die Juden doch sind. Nicht, daß Leshem darauf abzielen würde! Er schrieb sein Buch für das israelische Publikum – übrigens mit Erfolg. Eingang in den Roman findet die weite Welt allenfalls als Schauplatz erhoffter erotischer Abenteuer, und wenn der deutsche Leser fragt, wie denn Leshem den Holocaust in seine Erzählung einbringe, ist die Antwort einfach: gar nicht. Die Israelis haben andere Sorgen. Und ihre Sorgen haben auch wir! Ein anderes Thema sind die Gegensätze in der israelischen Gesellschaft: Die Abstammung von aschkenasischen Juden aus Europa oder von Sepharden aus dem Orient ist noch nicht aus der Welt. Leshems Soldaten sind überwiegend Sepharden. Ihr Leutnant mag die Aschkenasim nicht (zu denen Leshem gehört), bis er einen von ihnen kennenlernt, einen freundlichen Bombenentschärfer, der als Soldat dient – im bewußten Widerspruch zu seinen liberalen Eltern. Der Roman überzeugt auch literarisch. Wir finden beeindruckende Naturbeschreibungen, immer wieder überraschende Charaktere, kunstvoll gesponnene Leitmotive und oft grobe, aber immer authentische Dialoge der Soldaten. Leshem, der seine Wehrpflicht bei einem besonders rückwärtigen Dienst geleistet hat, kennt ihre Sprache. Natürlich wird der Roman bei uns als Antikriegsbuch verkauft. Gewiß, viele nette Leute sterben darin. Aber die Alternative zum Krieg ist nicht Überleben, sondern Unterwerfen. Am Ende spricht der Leutnant aus, was alle denken: Er hoffe, sein Sohn möge all das ebenfalls erleben und all dem ebenfalls standhalten, falls bis dahin nicht wirklich Frieden herrsche. Wir sehen: Leshems Soldaten sind jung, unreif und undiszipliniert – nicht die strahlenden Helden des Sechstagekrieges oder die eisernen Verteidiger von Yom Kippur. Gegen Terroristen oder Partisanen kämpfen zu müssen, macht eine Armee nicht besser, wir sehen es im Irak oder in Afghanistan. Trotz allem aber sind sie Männer und Krieger – und schon deshalb eine Provokation für unser gemütliches Land. Demnächst vielleicht auch in Ihrem Kino! Ron Leshem: Wenn es ein Paradies gibt. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, gebunden, 349 Seiten, 19,90 Euro

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