Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Weder Entartung noch Entgleisung

Kurt Tucholsky hat einmal treffend bemerkt, daß es die Aufgabe des sogenannten wissenschaftlichen Sozialismus sei, „zu erklären, wie alles kommen muß – und wenn es nicht so kommt, warum es nicht so kommen konnte“. In der Regel ist es in der nunmehr über 150jährigen Geschichte des Sozialismus „nicht so gekommen“, wie es von den Begründern des wissenschaftlichen Sozialismus, Karl Marx und Friedrich Engels (man sollte sie wegen ihrer engen Verbindung immer zusammen nennen), und ihren maßgebenden Vertretern immer wieder verkündet und von Millionen Menschen immer wieder geglaubt worden ist. Weder in der Sowjetunion noch in China, weder in Westeuropa noch in Mittel- und Osteuropa und auch nicht in marxistischen Staaten Afrikas, Asiens und Lateinamerikas haben sich die Verheißungen einer menschenwürdigen Gesellschaftsordnung erfüllt. Dennoch ist der Glaube an diese innerweltliche Heilslehre ungebrochen, wie die Entwicklung nach dem Zusammenbruch der realsozialistischen Systeme beweist. Man fühlt sich an entsprechende Einstellungen in den letzten Kriegsmonaten 1944/45 erinnert, als in den zerbombten Städten die Parole plakatiert wurde: „Unsere Mauern mögen brechen – unsere Herzen brechen nicht.“ Es handelt sich also um ein massenpsychologisches Phänomen als Reaktion auf einen schweren Erkenntnisschock. „Denn so ist der Mensch: Ein Irrtum könnte ihm tausendfach widerlegt werden – gesetzt er hätte ihn nötig, er würde ihn immer wieder für wahr halten“ (Friedrich Nietzsche). Wenn die Wirklichkeit der Theorie widerspricht, dann spricht das für überzeugte Ideologen nicht gegen die Theorie, sondern gegen die Wirklichkeit. Es bleibt folglich die Aufgabe, die Wirklichkeit, das heißt die gesellschaftlichen und politischen Bedingungen, für eine Verwirklichung der Theorie zu verändern. Nicht das Ziel, sondern der Weg steht zur Disposition. Wenige Monate nach der „Wende“ von 1989 haben etwa fünfzig namhafte Intellektuelle, unter ihnen auffällig viele aus Theologie und Kirche, ihre diesbezüglichen Überlegungen zur Zukunft des Sozialismus in einem Buch mit dem bezeichnenden Titel „Der Traum aber bleibt“ dargelegt. Wer in der Politik „träumt“, erfaßt die Realitäten nicht, in diesem Fall die Realitäten sozialistischer Politik. Der Grundtenor der meisten – nicht aller – Beiträge lautet, daß der Sozialismus eine humane Idee sei, die im Laufe der Geschichte allerdings entartet sei und mit ihrem ursprünglichen Wesen nichts mehr gemein habe. Dennoch bewahre der Sozialismus ein „unaufgebbares Humanum“, und Christen sollten sich deshalb nicht an „wohlfeiler Sozialismusschelte“ beteiligen – so Kirchenpräsident Peter Beier in einem offiziellen Rundschreiben an die Pfarrer der Rheinischen Kirche im April 1990. Diese vorherrschende Meinung in der Auseinandersetzung mit dem Sozialismus liefert einen neuen Beweis für die verhängnisvolle Neigung der bereits von Karl Marx und Friedrich Engels kritisierten deutschen Linksintelligenz, sich am liebsten „im Luftreich des Traums und des Wesens“ zu bewegen. Dort kann sie sicher sein vor den „Eingriffen des ‚rohen Faktums'“, „dem spekulierenden Trieb alle Zügel schießen lassen“ und „Hypothesen zu Tausenden erzeugen und wieder umstoßen“ (Marx Engels Werke 3/29). Statt die Probleme aus den wirklichen gesellschaftlichen Verhältnissen zu erklären, bemühten sich die deutschen Philosophen immer wieder darum, „den vorgefundenen Unsinn in irgendeine andere Marotte aufzulösen“ (MEW 3/40). In diesem Sinne haben sich Marx und Engels zeit ihres Lebens gegen „ganze Banden halbreifen Studiosen und überweiser Doctores“, „vorlauter Literaten“, gegen „verkannte schöne Seelen“ und „impotente Träumer“ gewehrt, die dem Sozialismus eine „höhere ideale Wendung“ geben wollten, die sich „von einigen unverdaut ausgespuckten Brocken anderer ernähren“, und deren „Unvermögen nur mit ihrer Arroganz zu vergleichen ist“. Ihr „krankhaft verzerrter ‚Marxismus'“ erkläre sich teils aus einer „groben Unbekanntschaft mit den jeweils entscheidenden historischen Tatsachen, teils durch das den deutschen Literaten vorteilhaft auszeichnende Bewußtsein der eigenen unermeßlichen Überlegenheit“ (MEW 22/69). Übereinstimmend damit beurteilte später Lenin, einer der legitimen Vollstrecker der marxistischen Theorie, diese „Marxisten“: „Sie alle nennen sich Marxisten, fassen aber den Marxismus unglaublich pedantisch auf. Das Entscheidende im Marxismus haben sie absolut nicht begriffen: nämlich seine revolutionäre Dialektik. Sogar die direkten Hinweise von Marx meiden sie und gehen um sie herum wie die Katze um den heißen Brei.“ (Lenin, Werke 33/462) Wenn also von „Entartungen des Sozialismus“ zum Verständnis der gegenwärtigen Auseinandersetzungen um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Marxismus die Rede ist, dann sollte diese Denk- und Handlungsweise auf jeden Fall an die erste Stelle aller denkbaren Entartungen gesetzt werden – und zwar unter direkter Berufung auf Marx und Engels. Überzeugendere Beweise können wohl nicht angeführt werden. Die „grobe Unbekanntschaft“ mit den historischen Tatsachen erklärt sich aus der Maxime von Morgensterns Palmström, dem Chefideologen der intellektuellen Linken, daß „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Es darf unter den gegenwärtigen Bedingungen eben nicht sein, daß an der Legende von der „Entartung“ des Sozialismus durch Rückbesinnung auf genuin marxistische Aussagen Zweifel geweckt werden. Nur so erklärt es sich, daß diese Legende sich mit beachtlichem Erfolg ausbreiten konnte. 1990 stimmten ihr 30 Prozent der Deutschen zu, 2007 bereits 45 Prozent. Die zügige Landnahme der Kommunisten in den alten Bundesländern und ihre jüngsten Wahlerfolge liefern die aktuellen Belege. Zu den systematisch verdrängten Fakten gehört die Tatsache, daß Marx und Engels nicht nur reaktionäre und fortschrittliche Klassen unterschieden haben, sondern auch reaktionäre und zivilisierte Völker. Entscheidender Maßstab für die Unterscheidung war die Bereitschaft eines Volkes, sich den Herausforderungen der industriellen Revolution anzupassen, zumindest aber die Bereitschaft zu einer Revolution. Zu den rückständigen Völkern gehörten danach – wenn auch mit gewissen Abstufungen – fast alle kleineren Nationen Europas, die Schweiz, Norwegen, Polen, die Tschechen und alle Balkanvölker, vor allem aber die sogenannten „Völkerabfälle“: die Basken in Spanien, die Bretonen in Frankreich, die Gälen in Schottland und die Südslawen auf dem Balkan. Sollten sie von einer „zivilisierten“ Nation nicht „durch Kanonenkugeln zur Räson“ gebracht werden, dann sollten sie im Interesse des allgemeinen Fortschritts „bis auf ihren Namen vernichtet werden, weil sie bis zu ihrer gänzlichen Vertilgung oder Entnationalisierung die fanatischen Träger der Konterrevolution bleiben“ (MEW 6/173). Sie haben „zunächst die Mission, im revolutionären Weltensturm unterzugehen“ (MEW 6/168). Aus dieser Einschätzung resultiert die Vorhersage: „Der nächste Weltkrieg wird nicht nur reaktionäre Klassen und Dynastien, er wird auch ganze reaktionäre Völker vom Erdboden verschwinden machen. Und das ist auch ein Fortschritt“ (MEW 6/176). Der Hinweis auf die Bretonen in Frankreich gestattet die Annahme, daß sich die Dioskuren des wissenschaftlichen Sozialismus der Konsequenzen einer derartigen Rechtfertigung des Genozids zur Lösung politischer Probleme vollauf bewußt waren. Im Zuge der Schreckensherrschaft der Jakobiner während der Französischen Revolution sind Hunderttausende Menschen wegen ihrer Treue zum katholischen Glauben umgebracht worden, allein in der Vendée schätzungsweise 120.000 (darunter einige tausend Priester). Hinzu kamen bestialische Drangsalierungen von Frauen und Kindern, Plünderungen und Brandschatzungen durch die „colonnes infernales“, die ein blühendes Land innerhalb kurzer Zeit in einen „Friedhof der Nation“ verwandelten – und dies alles im Namen des Fortschritts, der volonté generale. Im Vergleich dazu vollzog sich das „Verbrechen“ der Germanisierung weiter Gebiete Osteuropas relativ friedlich und zivilisiert. Aber selbst dort, wo die „Zivilisierung“ durch den „ehernen Schritt erobernder Armeen und durch äußerst despotische Maßnahmen“ gegen die Slawen vor sich ging, könne nicht von einem „jahrhundertelangen Verbrechen“ gesprochen werden, wie es in bestimmten intellektuellen Kreisen Polens und Deutschlands bereits damals und heute noch immer der Fall war und ist. Vielmehr sollte bedacht und gewürdigt werden, daß durch die „Germanisierung“ die Slawen befähigt wurden, „an einer geschichtlichen Entwicklung teilzunehmen, der sie, sich selbst überlassen, gänzlich fremd geblieben wären. (…) Kurz, es stellt sich heraus, daß diese ‚Verbrechen‘ der Deutschen und Magyaren gegen die fraglichen Slawen zu den besten und anerkennenswertesten Taten gehören, deren sich unser und das magyarische Volk in der Geschichte rühmen kann“ (MEW 6/279). Auf bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit nationalsozialistischen Aussagen zum Thema soll nur beiläufig hingewiesen werden. Hitler sagte beispielsweise in seiner Rede vor dem Reichstag am 1. September 1939: „Alle diese Gebiete verdanken ihre kulturelle Erschließung ausschließlich dem deutschen Volk, ohne das in diesen östlichen Gebieten tiefste Barbarei herrschen würde.“ Marx und Engels haben nie bestritten, daß durch ein derartiges Vorgehen einer zivilisierten gegen eine reaktionäre Nation die „Gerechtigkeit und andere moralische Grundsätze hie und da verletzt werden könnten; aber was gilt das gegen solche weltgeschichtlichen Tatsachen?“ (MEW 6/274) Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Unabhängigkeit sind für Marx und Engels „mehr oder weniger moralische Kategorien, die zwar sehr schön klingen, aber in historischen und politischen Fragen durchaus nichts beweisen“ (MEW 6/274). Denn: „In der Politik gibt es nur zwei entscheidende Mächte: die organisierte Staatsgewalt, und die unorganisierte elementare Gewalt der Volksmassen“ (MEW 21/231). Der Parlamentarismus gehört nicht dazu. Aus dieser Einstellung erklärt sich die überaus positive Beurteilung Preußens im allgemeinen, Bismarcks im besonderen, im Prozeß der nationalstaatlichen Einigung Deutschlands bis zur Reichsgründung 1871. Preußen hatte durch seine Reformpolitik nach der Niederlage von 1806/07 die entscheidenden Voraussetzungen für die „Entwicklung der Produktivkräfte geschaffen“. Dabei handelte es sich vor allem „um zwei Einrichtungen, die Preußen allen anderen Großstaaten voraus hatte: die allgemeine Wehrpflicht und den allgemeinen Schulzwang. Damit erhielt Preußen die Möglichkeit, die in der Volksmasse schlummernde potentielle Energie eines Tages in einem Grad zu entfalten, der für eine gleiche Volkszahl anderswo unerreichbar blieb“ (MEW 21/422). Unter den damals bestehenden politischen Umständen war diese Politik nur möglich, wie sie Bismarck betrieb: durch „Blut und Eisen“, mit der Bereitschaft zum „Stoß ins Herz“. Marx und Engels haben Bismarcks Politik der Reichseinigung (bis 1871!) vollauf bejaht und gegen alle Widerstände der „Philister“ im Ausland und in Deutschland, auch in den sozialistischen Parteien, energisch verteidigt. Gewiß sei es „eklig“, daß diese Politik Bismarck zur „augenblicklichen Gloire dient“. Es wäre aber absurd, „den Anti-Bismarckismus zum allein leitenden Prinzip zu erheben, denn er tut ein Stück von unserer Arbeit“ (MEW 33/40). Durch die rasche Industrialisierung wachse nämlich das Proletariat und damit das revolutionäre Potential, die Zahl der „Totengräber der bürgerlichen Gesellschaft“. Zur Vermeidung von Mißverständnissen haben es Marx und Engels „keinen Augenblick unterlassen, bei den Arbeitern ein möglichst klares Bewußtsein über den feindlichen Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat herauszuarbeiten, damit, nach dem Sturz der reaktionären Klassen in Deutschland, sofort der Kampf gegen die Bourgeoisie selbst beginnt. (…) Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände“ (MEW 4/493, Kommunistisches Manifest). Als Vorbild für diesen Kampf gilt in der kommunistischen Geschichtsschreibung die Pariser Kommune. Im Unterschied zu früheren Revolutionen ging es den Pariser Kommunarden nicht darum, eine bestimmte Staatsform zu zerbrechen, sondern den Staat insgesamt – „diese übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft“ (MEW 17/541) – und eine völlig neue Gesellschaftsordnung aufzubauen. Dies setze aber die Bereitschaft zu rücksichtslosem Terror gegen jegliche Feinde dieser neuen Ordnung voraus. Deshalb haben Marx und Engels die Ermordung von etwa 450 Geiseln (darunter den Erzbischof von Paris) während der zweimonatigen Kommune­herrschaft nicht nur ausdrücklich gerechtfertigt, sondern im Blick auf die weitere Entwicklung in Europa beklagt, daß sie den Terror nicht umfassender und radikaler praktiziert habe. Marx und Engels haben damit verbindliche Maßstäbe gesetzt, die wir nicht als „Entartung“ interpretieren sollten. Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste Berlin. Er ist langjähriger Kolumnist der JUNGEN FREIHEIT. Auf dem Forum schrieb er zuletzt „Jesus war kein Kommunist“ (JF 45/07). Foto: Marx-Collage, Gräberfeld: Marx/Engels haben die Ermordung der Geiseln während der zweimonatigen Herrschaft der Pariser Kommune nicht nur ausdrücklich gerechtfertigt, sondern mit Blick auf die weitere Entwicklung in Europa beklagt, daß sie den Terror nicht umfassender und radikaler praktiziert habe.

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