Erbe des Klassenkampfes

Nach dem Kollaps des Realsozialismus revidierte die Neue Linke ihre Strategien. Sie bewertete die bürgerliche Welt als bereits maroden Feind, welcher der Erringung der kulturellen Hegemonie noch entgegenstand. Der sich globalisierende, anationale Kapitalismus wird von ihr zwar gelegentlich als Heuschrecke exorziert, jedoch zugleich als Auflöser traditioneller Strukturen gewürdigt. Marxisten halten an ihren Glau-benszielen, nämlich der Schaffung eines „neuen“ Menschen, unbeirrbar fest, denken strategisch und sind dabei äußerst wendig. Zu ihrer Vorgehensweise gehören ausgeklügelte Tarn- und Umwegstrategien; hierzu dient ein Neusprech, der beim hier behandelten Thema eine in der marxistischen Tradition stehende feministische Sprache ist. All dies ist für den Normalbürger nicht ohne weiteres durchschaubar und soll es wohl auch nicht sein. Denn die heute feministisch daherkommende Heilslehre wird ständig modernisiert und erhält fortwährend neue Kleider. Bei der heutigen Konzentration, Globalisierung und Anonymisierung des Kapitals stellen die klassischen marxistischen Konzepte der Enteignungen nur noch für Zurückgebliebene eine Alternative dar. Den Neomarxisten geht es daher vornehmlich darum, mit dem Steuer- und Sozialstaats-Sozialismus den in immer größere Abhängigkeit geratenden Bürgern soziale Sicherheit vorzugaukeln. Vor allem aber kämpfen sie darum, gemäß dem Konzept von Antonio Gramsci die geistige Hegemonie zu erringen. Die Voraussetzung, um die Herrschaft über die Köpfe sicherzustellen, ist keine Enteignung, sondern primär eine Indienstnahme, eine Kontrolle der Massenmedien, sowohl der staatlichen wie der privaten. In Deutschland häufen sich die Anzeichen, daß die Kulturindustrie im Verein mit der politischen Klasse dabei ist, die Demokratie, also die Herrschaft des Volkes, durch die Oktroyierung „korrekter“ Auffassungen auszuhebeln – man denke an die „Fälle“ Peter Krause oder Eva Herman. Der PDS-Vordenker André Brie darf mit der gegenwärtigen Situation und der deutschen Bundesregierung zufrieden sein. Nach 1989 hatte er gefordert, es gehe darum, „die konservative geistige Hegemonie zu zerstören“. Sein Chef Gregor Gysi leistete für das von der Schröder-Regierung eingeführte feministische „Gender Mainstreaming“ Vorarbeit. Bereits 1997 forderte er in der Szenezeitschrift Rosa Zone, daß die PDS durch ihre Lesben- und Schwulenpolitik „die herkömmlichen Lebensentwürfe“ – und damit die Familie als Kern der christlich-bürgerlichen Gesellschaft – in Frage stellen müsse. Gysi steht so in der Nachfolge des Sexualkommunisten Wilhelm Reich, dessen Schüler Ernst Bornemann 1975 in „Das Patriarchat“ formulierte: Die „Sexual- und Eherevolution“ vollziehe sich entsprechend der proletarischen Revolution und diene der „Befreiung der Frau“. Sie „verwerfe das Dogma von der Heterosexualität“. Ebenfalls 1975 ging die neuerdings von CDU-Funktionärinnen gefeierte Alice Schwarzer gegen das „Dogma der Heterosexualität“ an. Man darf aus solchem Wühlen gegen die natürliche Ordnung schließen, daß es weniger um die Duldung homosexueller Unzucht ging als darum, mit dem Feindbild „Heterosexualität“ die bürgerliche Gesellschaft zu treffen. Das Gender Mainstreaming wurde 1995 auf der feministisch dominierten vierten Weltfrauenkonferenz in Peking formuliert und vom Ministerrat der EU umgesetzt, bevor es den Deutschen übergestülpt wurde. Im EU-Parlament war hierfür eine mit einer Frau verheiratete sozialistische Abgeordnete federführend. Die Gender-Ideologie charakterisiert sich dadurch, daß in ihr Ehe, Kinder und Familie nicht vorkommen – und der Geschlechtstrieb sich verselbständigt hat. So forderte denn die damalige PDS-Abgeordnete Christina Schenk 1996: „Es darf keinen Unterschied machen, ob jemand verheiratet ist oder nicht … ob er heterosexuell, lesbisch oder schwul ist.“ Heute lebt Schenk nach einer Geschlechtsumwandlung als Mann. Unter Berufung auf Wilhelm Reich prangerte der in der evangelischen Jugendarbeit einflußreiche Helmut Kentler 1970 die „Intoleranz in sexuellen Fragen“ bei vielen Christen an und warb für den „freien Sex“ in Jugend-Zeltlagern: „Einmal an der Fo… lecken ist viel schöner als Zucker schlecken.“ Der Grünen-Politiker Volker Beck verlangte 1998 in „Schwule Macht“, daß gemäß dem „schwulenpolitischen Marshallplan“ das „schwule U-Boot in den Ehehafen“ einlaufen solle. Dieser Forderung sind mittlerweile die „bürgerlichen“ Parteien nachgekommen. Die Erkenntnis der New-Age-Prophetin Marilyn Ferguson, daß „die Macht der Frau das Pulverfaß unserer Zeit“ sei, haben „neue“ Frauenbewegungen zum Hebel ihrer Politik gemacht. Sie waren so erfolgreich, daß Volker Beck es sich leisten konnte, den Erzbischof von Köln Joachim Kardinal Meisner als „Haßprediger“ zu verunglimpfen. Denn dieser hatte es gewagt, die vom Gender Mainstreaming entwickelten „alternativen Modelle menschlichen sexuellen Zusammenlebens“ als „unwahr und für die Menschen verderblich“ zu verurteilen. Wilhelm Reich vom „Reichsverband Proletarische Sexualpolitik“ hatte schon 1931 die Richtung gewiesen: „Die Hauptsache aber bleibt im Kapitalismus die vollständige Politisierung der Sexualfrage.“ Bei dieser stehe der Kampf gegen sexuelle Unterdrückung durch „Kirche, Familie und Kapital im Vordergrund“. Die Sozialwissenschaftlerin und Schriftstellerin Herrad Schenk („Freie Liebe, wilde Ehe“) forderte 1991 auf dem evangelischen Kirchentag im Ruhrgebiet in aller Vulgarität: „Ficken … wann man will und wie man will, ist subversiv und hebelt die bürgerliche Gesellschaft aus den Angeln!“ Dabei merkte sie an, daß im Judentum, Christentum und im Islam „das Geschlecht und die Fruchtbarkeit der Frau als Eigentum des Mannes“ gelte. Gegenwärtig erleben wir mit der durchgepaukten und den ahnungslosen Bürgern als Gleichberechtigungspolitik angedienten Geheimstrategie des Gender Mainstreaming als „geistigem Leitprinzip und Querschnittsaufgabe“ den Abschluß einer seit Jahren von rot-grünen Zirkeln betriebenen Kulturrevolution, durchgewinkt von solchen CDU-Politikern, welche sich mehr nach dem medialen Zeitgeist als nach den Beschlüssen ihrer Parteimitglieder ausrichten. Wie dies mit dem von ihr immer wieder beschworenen „christlichen Menschenbild“ zu vereinbaren ist, müßte die CDU-Vorsitzende noch erklären. Im Handelsblatt erschien hierzu der Artikel „Feministinnen erforschen sich selbst“ (19. September 2007). Im Jahre 2004 hatte ein Professor in einem Essay das ominöse „Gender Mainstreaming“ als „totalitäre Steigerung der Frauenpolitik“ bezeichnet. Sein Wissenschaftsminister verbot ihm unter Androhung disziplinarischer wie strafrechtlicher Konsequenzen, weiter in der Richtung zu veröffentlichen. Bei der hidden agenda des „Gender Mainstreaming“ geht es um nicht weniger als darum, Grundnormen unserer Gesellschaft zu zerstören. Für die Mainstreamer hat nicht der Gott der Bibel die Menschen jeweils als Mann und Frau erschaffen, vielmehr „macht“ angeblich die Gesellschaft die Frau und das Geschlecht. Solche Abseitigkeiten sucht man durch die Beschneidung der Meinungsfreiheit unangreifbar zu machen, indem beispielsweise „Haßreden“ – und damit Kritik – unter Verbot gestellt werden sollen. Die sogenannte „Homophobie“ soll wie schon in Frankreich als Delikt gleich dem „Rassismus“ kriminalisiert werden. Der linke Gutmenschenstaat, der sich um die „Politische Geschlechtsumwandlung“ (Volker Zastrow) durch Gender Mainstreaming sorgt, erweist sich als bevormundend-verbotsgeil. Für die neue Frauenbewegung ist „Feminismus die Theorie, Lesbianismus die Praxis“. Nicht zufällig haben ihre Vorkämpferinnen vielfach ein „lesbisches Leben“ geführt. Die amerikanische Schriftstellerin Jill Johnston widmete 1973 ihr Buch „LesbenNation. Die feministische Lösung“ ihrer Tochter, die eine Lesbe werden möge, indem sie nämlich „die sexuelle Befriedigung der Frau unabhängig vom Mann“ forderte. Denn dieser übe mit seinem „primären Invasionsorgan“ einen „phallischen Imperialismus“ aus, so daß die „Kollaboration“ mit diesem „Feind“ einzustellen sei. Die schwul-lesbische revolutionäre Bewegung, die ein „Frauenprimat“ anstrebe, ist nach Jill Johnston die „erste ernstzunehmende Bedrohung der existierenden gesellschaftlichen Strukturen“. Gabriele Kuby legte in ihrer 2007 erschienenen Schrift „Verstaatlichung der Erziehung – Auf dem Weg zum neuen Gender-Menschen“ (JF 27/07) dar, daß es bei der Gender-Strategie nicht primär um Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau geht. Ehe und Familie kommen bei den Genderisten gar nicht vor; es geht ihnen vielmehr um die sexuelle „Befreiung“ speziell der Frau, und zwar auf Kosten der von „Heteros“ gestifteten Familie aus Mann und Frau und Kindern. Ihre Dynamik konnte die „neue“ Frauenbewegung dadurch erzielen, daß sie im Namen aller Frauen spricht, was vielen bürgerlichen Frauen geschmeichelt hat. Zumal die rot-grün durchsetzten Medien hierüber nicht kritisch berichten, vermochten die meisten die sorgfältig kaschierten neomarxistischen Hintergründe feministischer Strategien nicht zu durchschauen. Inzwischen können die meist linksalternativen Feministen darüber triumphieren, daß die CDU-Chefin Angela Merkel der Vordenkerin Alice Schwarzer zum 60. Geburtstag als „Symbolfigur“ und „Ausnahmeerscheinung“ gratuliert hat und dann als Bundeskanzlerin dem Gender Mainstreaming zum Durchbruch verhalf. Merkel und ihrer Frauen- und Familienministerin Ursula von der Leyen ist möglicherweise nicht bekannt, daß Schwarzer 1981 in ihrem „Geschlechterkrieg“ feststellte: „Unser Feind ist nicht wie im großen Krieg der klar definierbare Fremde, sondern häufiger der eigene Mann, der Vater, Bruder, Geliebte, Sohn.“ Sie beklagte, daß die Frauen mit ihren „Unterdrückern“ „oft auch noch das Bett teilen“, und operierte damit mit der marxistischen Unterdrückungsthese. Die Neomarxisten haben sich vom Proletariat als ihrem „Messias“ verabschiedet und sich neue „revolutionäre Subjekte“ gesucht. Dabei stieß man auf „die“ Frauen. So forderte denn das „Frauenjahrbuch 1976“ den „umfassenden Kampf gegen die patriarchale Weltordnung“. Auf dem links­alternativen Bielefelder Kongreß „Kein Staat mit diesem Staat“ wurde 1985 der „Geschlechterklassenkampf“ ausgerufen. Es handelt sich dabei um eine neomarxistische Konfliktstrategie, welche die Beziehungen zwischen Mann und Frau vergiftet. Solche Abneigung gegen Männer und die als „Gefängnis“ verunglimpfte Ehe, welche mit ihrer „Hausfrauisierung“ die Frau zur Sklavin mache, erklärt die Parteinahme der Radikalfeministen für den Lesbianismus. Die Proklamierung des „Fickens“ als einer gegen die bürgerliche Gesellschaft gerichteten „subversiven“ Tätigkeit gipfelt in einer Bewertung des Lesbianismus als einer wertvolleren Seinsweise. „Bewegungs-Lesben“ verstehen sich als „Bestandteil der Alternativ- und Gegenkultur“. Solcherart Gegenkultur ist besonders in der Evangelischen Kirche weit verbreitet: Die bekennende Lesbe Herta Leistner wurde 1993 zur Leiterin des EKD-Frauenbildungszentrum in Gelnhausen („Eine Vision hat ihren Ort gefunden“) ernannt. In ihrer Doktorarbeit schreibt sie, daß sich evangelische Akademien zum „Ort lesbischer Kirchensubkultur“ entwickelt hätten. Bei hier veranstalteten österlichen Lesbentreffen herrsche eine „erotische Atmosphäre“, sie diene der Partnerinnensuche. Dabei werde auch Sex „im Rudel“ praktiziert. Leistner hat bereits 1983 vorgeschlagen, auch Lebensgemeinschaften von „zwei oder mehreren Frauen oder auch Männern“ kirchlich zu segnen. Die Anwältin Maria Sabine Augstein – sie wurde als Sohn Rudolf Augsteins geboren und ließ ihr Geschlecht umwandeln – forderte 1997 in den Evangelischen Kommentaren „gleiche Rechte für lesbische und schwule Paare“ als Menschenrecht – derjenige, der dies ablehne, sei an die Nürnberger Gesetze zu erinnern. Als Alice Schwarzer den Mann als „Feind Nr. 1“ aufs Korn nahm, da machte sie die Thesen der Valerie Solanas und deren „Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ bekannt. Diese unterstellte: „Das Ziel jedes Mannes heißt: Alle Fo… für mich“. Aus solchem Männerhaß ergibt sich eine Verwerfung von Ehe und Familie, welche mit ihrer „Hausfrauisierung“ und „Zwangsprostitution“ „feudale Ehequalen“ bereite und einer „lebenslänglichen Gefängnisstrafe“ gleichkomme. In ihrem Interview mit Simone de Beauvoir zog Alice Schwarzer den Schluß, daß eine Heirat mit einem Mann für eine Frau gefährlich sei. Weiter heißt es dort, eine Frau, die ein Kind bekommt, müsse mit 15 bis 20 Jahren Freiheitsentzug rechnen. Radikalfeministen, den sogenannten Frauen-Frauen, geht es um totale Bindungsfreiheit, um lesbischen Hedonismus. Sie verachten und schmähen die Mütter, die sich als Hausfrauen ihren Babies und ihren Männern widmen. Alice Schwarzer hat Kinder als „das stabilste Glied in der Fessel der Frau“ bewertet und sich zu einer – damals noch verbotenen – Abtreibung bekannt. Der grimmige Haß der Feministen auf die Gegner der Abtreibung wurzelt in ihrer lebensfeindlichen Einstellung und ihrem darin begründeten schlechten Gewissen. Ihre Wut gilt speziell der katholischen Kirche, die anders als der Linksprotestantismus die massenhafte Tötung ungeborener Babies als eine dekadente „Kultur des Todes“ verurteilt. Dr. Johannes Rogalla von Bieberstein ist Historiker, Bibliothekar und Buchautor. 2002 veröffentlichte er in der Edition Antaios das Buch „‚Jüdischer Bolschewismus‘. Mythos und Realität“, das Martin Hohmann zu seiner umstrittenen Rede am 3. Oktober 2003 inspirierte und Rogalla von Bieberstein in die Schlagzeilen brachte. Foto: Geschlechterkrieg: „Unser Feind ist nicht wie im großen Krieg der klar definierbare Fremde, sondern häufiger der eigene Mann, der Vater, Bruder, Geliebte, Sohn.“

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