Der Historiker und Politikwissenschaftler Götz Aly, Autor zahlreicher Bücher über die Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocausts, tritt am Mittwochabend in der Bibliothek des Konservatismus ans Mikrofon. Er sei dankbar für die Einladung und sei auch erschienen, um seinen „Selbstbildungshorizont zu erweitern“, erklärt der 79jährige, der u.a. für die taz und die Berliner Zeitung schrieb.
Heute soll es um sein „Spät- und Endwerk“ gehen; das beinahe 770seitige Geschichtsbuch „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945“, in dem er erforscht, wie es den Nationalsozialisten gelingen konnte, einen weitgehend unpopulären Krieg zu beginnen (und bis zum erbitterten Ende durchzuziehen), die Judenvernichtung zu organisieren und Morde an der eigenen Bevölkerung zu verüben, ohne dass sie innerhalb Deutschlands auf nennenswerten Widerstand stießen (Lesen Sie hier die JF-Rezension zum Buch).
Der Erfolg der Nationalsozialisten habe viele Ursachen gehabt, betont Aly zu Beginn, und viele davon seien tatsächlich positiver Natur. „Es gab im Kaiserreich einen Geburtenüberschuss – aufgrund des medizinischen Fortschritts – und in der Weimarer Republik somit eine große junge Generation, die elf Millionen Menschen umfasste.“ Es seien vor allem diese jungen Menschen gewesen, die später die NSDAP wählten und ihr beitraten, erklärt der Historiker. Die Anhänger von SPD und Zentrum seien deutlich älter gewesen, lediglich die Kommunisten hätten damals ebenfalls eine junge Unterstützerbasis gehabt.
Soziale Mobilität bedingte den NS
Eine weitere „positive Ursache“ sei in dem sozialen Aufstieg breiter Schichten zu sehen, der im Kaiserreich und während der Weimarer Republik möglich gemacht worden sei. „Kaiser Wilhelm II., das wird Sie als Konservative vielleicht erfreuen zu hören, war ein großer Bildungsreformer.“ Jede Kreisstadt habe damals ein eigenes Gymnasium bekommen und viele Leute aus einfachen Verhältnissen hätten die Möglichkeit bekommen, zu studieren.
Auch in seiner eigenen Familiengeschichte lasse sich diese Entwicklung nachvollziehen, berichtet Aly. Während der namensgebende Strang seiner Familie stets wohlhabend gewesen sei, stamme seine Großmutter aus sehr einfachen Verhältnissen. Dass sie schließlich eine Anstellung als Stenotypistin gefunden habe und sich ihre Familie zu Beginn der 20er Jahre ein Klavier habe anschaffen können, sei zuvor undenkbar gewesen. „Auch dass mein Großvater, der Professorensohn, sie schließlich heiratete, war zuvor so nicht üblich.“
Die Weltwirtschaftskrise von 1929 habe diese Aufstiegschancen schließlich abrupt und radikal blockiert. „Die Menschen befanden sich damals in einer Armut, die wir uns heute wirklich nicht vorstellen konnten. Sie standen am Existenzminimum.“
Hitlers Sozialpolitik sorgte für Popularität
Wer den Erfolg Hitlers verstehen wolle, komme dabei nicht drum herum, seine Sozialpolitik zu betrachten. Innerhalb der ersten drei Wochen seiner Kanzlerschaft habe er etwa die Krankengebühr – also die Summe, die man für Praxisbesuche und Rezepte bezahlen musste – halbiert und für Witwen, Waisen und Kriegsversehrte sogar ganz abgeschafft.
1934 wurde das Anleihestockgesetz eingeführt, das Aktionäre zwang, ihre Gewinnausschüttungen dem Staat zu geben – die Wohlhabenden wurden somit zugunsten der prekären Schichten belastet. Die noch heute gültige Krankenversicherung für Rentner wurde 1941 eingeführt. „Zuvor fielen Rentner ihren Familien zur Last.“ Auch viele Regelungen des heutigen Mieter- und Kündigungsschutzes gehen auf Gesetze der Nationalsozialisten zurück.

Bezahlbar sei diese Politik allerdings nur mit einer horrenden Staatsverschuldung gewesen, die der Bevölkerung schlicht deshalb verborgen geblieben sei, weil der Staatshaushalt geheim gehalten wurde. Die Verfolgungsmaßnahmen gegen Juden, vor allem die Enteignungen, seien auch aus diesen Zusammenhängen motiviert gewesen: „Die Enteignungen der Juden brachten dem Staat damals 7,5 Milliarden Reichsmark. Wenn man bedenkt, dass die gesamten Staatseinnahmen damals 18 Milliarden Reichsmark betrugen, war das nicht nichts.“
Vom Krieg waren die Deutschen nicht begeistert
Der Großteil des Budgets sei allerdings in Kriegsvorbereitungen investiert worden, die die NSDAP von Beginn an zielstrebig verfolgt habe. Dabei sei es allerdings wichtig zu verstehen, betont Aly, dass die Idee eines weiteren Krieges in der Bevölkerung keinesfalls populär gewesen sei. „Es gab keine Kriegsbegeisterung wie 1914.“
Das zeige sich auch beim näheren Blick auf das Wirtschaftsverhalten der Bürger. Bis zum September 1939 habe sich die Bevölkerung in großen Teilen am „KdF-Wagen-Sparen“ beteiligt, bei dem man sein Geld in Form von Sparmarken sammelte und so auf einen Volkswagen vorsparte. Bei Kriegsbeginn sei die Beteiligung daran abrupt eingebrochen. Offenbar trauten die Deutschen ihrer Führung ab diesem Zeitpunkt nicht mehr genug, um ihr ihr Geld zu übergeben, schlußfolgert Aly.
Zeitgleich hätten sie die zu diesem Zeitpunkt bereits eingesetzte Verfolgung und Ermordung der eigenen Bürger – seit der Machtübernahme saßen sozialdemokratische und kommunistische Politiker in Konzentrationslagern und ab 1939 begann die Tötung von Behinderten – stillschweigend hingenommen.
„Sie werden in meinem Buch kein einziges Mal das Wort ‘Ideologie’ finden“
Auch während des Krieges hatte Hitler seine Sozialpolitik nach Möglichkeit aufrechterhalten. Anders als im Ersten Weltkrieg habe es lange Zeit keinen großen Hunger unter der Bevölkerung gegeben, auch weil die Staatsführung konsequent Nahrungsmittel aus den eroberten Gebieten ins Heimatland verfrachtete. Erst kurz nach Kriegsende habe Knappheit eingesetzt.
„Sie werden in meinem Buch kein einziges Mal das Wort ‘Ideologie’ finden“, betont der Historiker. Für viel entscheidender halte er das konkrete Handeln der Nationalsozialisten. „Wie schaffte man es, dieses eigentlich fragile System immer wieder zu stabilisieren?“
Dass es gegen die antisemitischen Ideen der NSDAP keinen nennenswerten Widerstand gegeben hätte, sei damit zu erklären, dass antijüdische Überzeugungen in verschiedenen Formen recht weit verbreitet gewesen seien. Auch die demokratischen Kräfte seien davon Teil gewesen.
Neid begünstigte den Antisemitismus
Zugespitzt habe sich der deutsche Antisemitismus vor allem in der Weimarer Republik. „Neid entsteht durch Näheverhältnisse. Sie sind ja auch nicht neidisch auf Friedrich Merz‘ Privatauto. Aber wenn man einen Nachbar hat, der es irgendwie einfach alles etwas geschickter macht als man selbst und dann morgens mit seinem Auto gegen einen Pfosten fährt … “, erklärt Aly und deutet die Häme an, die daraus folgt.
Bereits im Kaiserreich seien Juden im akademischen Bereich besonders erfolgreich gewesen, in der Weimarer Republik hätte sich dieser Spalt aufgrund der zuvor erwähnten sozialen Mobilität verkleinert. Dennoch bildeten die jüdischen Bürger innerhalb der Gesellschaft eine Elite: Sie schlossen ihr Staatsexamen im Schnitt ein Jahr früher ab und erhielten bessere Noten.
Neben Neidgefühlen habe auch schlichter Opportunismus viele Deutsche davon abgehalten, sich gegen die Judenverfolgung im Dritten Reich zu stellen. Juden, die aus Betrieben gedrängt wurden, hinterließen schließlich berufliche Stellungen und Vermögen. „Sie müssen sich mal überlegen, wer heute ohne Holocaust Chefredakteur wäre, wer Chefarzt bei der Charité, wer Firmenchef. So etwas wirkt nach.“
Protestantische Kirche leistete keinen Widerstand
Die protestantische Kirche habe sich früh mit den neuen Machthabern eingelassen. „Dort wollte man sich an die Spitze des Fortschritts stellen und sich in die Politik einmischen.“ Etwas anders sei es bei der katholischen Kirche abgelaufen: Dort hätten Bischöfe in den ersten Jahren noch Predigten gegen die Politik der NSDAP gehalten und Papst Pius XI. 1937 die berühmte Enzyklika „Mit brennender Sorge“ veröffentlicht.
Doch die Nationalsozialisten übten mit einer simplen Methode Druck auf die Katholiken in Deutschland aus. Ab 1935 begann eine Kampagne von Presseberichten und Gerichtsverhandlungen gegen Katholiken, denen homosexuelle und pädophile Praktiken vorgeworfen wurden. Später bot Hitler der Kirche an, die Verfahren einzustellen – solange sie die Füße stillhalte.
Schlußendlich, erklärt der Historiker, könne er selbstverständlich viele Themen heute nur anreißen. „Ich habe ein ganzes Kapitel über die Studenten im Dritten Reich. Darüber haben wir jetzt noch gar nicht gesprochen.“ Glücklicherweise gebe es dafür eine einfache Lösung, erklärt er verschmitzt. „Lesen Sie mein Buch.“





