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Historiker gegen die AfD: Tagtäglich ist es kurz vor 1933

Historiker gegen die AfD: Tagtäglich ist es kurz vor 1933

Historiker gegen die AfD: Tagtäglich ist es kurz vor 1933

SA-Männer marschieren am 30 Januar 1933 durch das Brandenburger Tor: Historiker warnen mit solchen Analogien vor der AfD.
SA-Männer marschieren am 30 Januar 1933 durch das Brandenburger Tor: Historiker warnen mit solchen Analogien vor der AfD.
SA-Männer marschieren am 30 Januar 1933 durch das Brandenburger Tor: Historiker warnen mit solchen Analogien vor der AfD. Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images
Historiker gegen die AfD
 

Tagtäglich ist es kurz vor 1933

Wie sich die Hysterie über heutige Parallelen zur Weimarer Republik unter Historikern ausbreitet, ist erschütternd. Das Geraune vom „neuen 1933“ offenbart nicht nur NS-Verharmlosung.
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Die Suche nach den Ursachen für das Scheitern der Weimarer Republik setzte im Sommer 1945 ein. Sie beschäftigt seitdem Generationen von Historikern, Journalisten und Politikern. Die aus diesem Dauerdiskurs in der alten Bundesrepublik abgeleitete volkspädagogische Gruselfrage, ob sich nicht auch „Bonn“ einmal in „Weimar“ verwandeln könnte, klang allerdings in dem Maße zunehmend rhetorisch, wie sich die in Europäischer Gemeinschaft und Nato fest eingebundene, ökonomisch potente westdeutsche Demokratie bis 1989 als stabil erwies.

Und nach Mauerfall und Wiedervereinigung, dem Triumph des kapitalistischen über das sozialistische Gesellschaftsmodell, schien die Sorge vor einem Rückfall in „Weimarer Verhältnisse“ endgültig obsolet. Darum fanden die zu diesem Thema weiter köchelnden Kontroversen der nunmehr gesamtdeutschen Historikerzunft kaum mehr öffentlichen Widerhall.

Erst mit dem Aufstieg der Partei Alternative für Deutschland (AfD) änderte sich an diesem ruhigen geschichtspolitischen Frontabschnitt die Lage dramatisch, so dass hier inzwischen, im Vorfeld dreier mitteldeutscher Landtagswahlen, geschichtsvergessene Hysteriker aus den Reihen der Kartellparteien und deren NGO-Hilfstruppen den Ton angeben. Sie schwören ihre ähnlich gedächtnislose Gefolgschaft darauf ein, gegen das nahe Ende der zweiten deutschen Demokratie und eine wiederholte NS-Machtergreifung im Falle von AfD-Wahlsiegen zu kämpfen.

Zeithistoriker raunen von „Wiederholbarkeit der Geschichte“

Dass eine solche politisch-publizistische Mobilmachung wenigstens teilweise noch verfängt, ist bei dem rasanten Abbau des schulischen Geschichtsunterrichts, dem verdampfenden historischen Bewusstsein und dem Zerfall solider Allgemeinbildung bei den sogenannten Eliten „unserer Demokratie“ nicht verwunderlich. Dass sich aber als seriös geltende Zeithistoriker daran beteiligen, das verblüfft.

Die Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, bis 1990 Zentralorgan der SED-Historikerzunft, aus deren Konkursmasse durch linksliberale westliche Kollegen wie die späteren Mit-Herausgeber Wolfgang Benz und Peter Steinbach gerettet, präsentiert in diesem Sommer ein Themenheft, das sich dem „Untergang einer Demokratie“, dem „Ende der Weimarer Republik“ widmet (7/8-2026). Darin spekuliert, auf die Bedrohung des „demokratischen Rechtsstaats“ durch die „rechtsextremistische AfD“ blickend, Benz mit vollem Ernst über die „Wiederholbarkeit der Geschichte“. Um sie zu verhindern, so ist der raunende Emeritus des Jahrgangs 1941 überzeugt, sei die „Aufklärung über das Scheitern des ersten Versuchs zur Demokratie notwendiger denn je“.

Der ehemalige Direktor des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin fühlte sich schon als Mitarbeiter am Münchener Institut für Zeitgeschichte mehr der politisch verwertbaren als der wissenschaftlich vertretbaren „Vergangenheitsbewältigung“ verpflichtet. Entsprechend bekennt er sich in einer autobiographischen Skizze von 2024 dazu, „Zeitgeschichte in demokratischem Auftrag“ zu treiben und entschuldigt seine dadurch bedingte defizitäre Objektivität damit, „früh an die Grenzen meiner Befähigung zu theoretischer Erkenntnis“ gestoßen zu sein. Diesem ehrlichen Geständnis wird niemand widersprechen, der Benz’ Einleitung und seinen Beitrag zum „Preußenschlag“ des Reichskanzlers Franz von Papen am 20. Juli 1932 liest.

Geschichtsklitterer beschwören Angst vor neuem 1933

Für Benz ging die Weimarer Republik an der Übermacht der Demokratie- oder Republikfeinde zugrunde. Zu denen rechnet er ein breites Spektrum von Parteien, von der DNVP über das katholische Zentrum bis zur bürgerlich-nationalliberalen DVP und den „Radikalen“ von NSDAP und KPD. Einzig die SPD und die linksliberale DDP hätten das parlamentarische System stets verteidigt. Motive dafür, warum das „nationalempfindende Bürgertum“, Mittelständler, Bauern, Militärs und Diplomaten, Kommunisten und Nationalsozialisten den Weimarer Staat verachteten und bekämpften, nennt Benz nicht. Insbesondere verschweigt er den wesentlichen Anteil, den die Hyperinflation von 1923, die Last der im Versailler Diktat fixierten Reparationszahlungen und schließlich die im Oktober 1929 vom New Yorker Börsencrash ausgelöste Weltwirtschaftskrise daran hatte, dass die Republik eine „Demokratie ohne Demokraten“ blieb.


Eine derartige Geschichtsklitterung erleichtert es Benz, krude Analogien zur Gegenwart zu ziehen. Exakt so wie er die Kräfte, die das demokratische „Bollwerk“ Preußen mit dem „Papenstreich“ vom Juli 1932 schleiften, auf „latente Ängste“ des Bürgertums vor der gesamten Linken und vage „Sympathien für autoritäre Lösungen“ psychopathologisch vernebelt, reduziert er den AfD-Zuspruch auf Gefühle enthemmter Wutbürger. Darauf und nicht etwa auf die den Blockparteien anzulastende desaströse Energiewende, auf Deindustralisierung, Rekordverschuldung, Massenzuwanderung und Bildungskatastrophe beruhe der aktuelle Niedergang.

Vielmehr sind es „naive und verängstigte, unzufriedene und ratlose Wähler, die abermals den Phrasen rechter Demagogen folgen“. Völlig unbegründet würden die „Mutlosen und Autoritätsgläubigen“ die von Benz phantasierte „Renaissance autoritärer faschistoider und faschistischer Ideen und die Wiederbelebung ideologischer Prämissen der Hitlerpartei“ in Form des „völkischen, fremdenfeindlichen, antiegalitären Machtprogramms der AfD“ begünstigen.

Peinliche Verharmlosung des Nationalsozialismus

Golo Mann (1909–1994), einer der tiefgründigsten deutschen Historiker des 20. Jahrhunderts, als promovierter Philosoph im Unterschied zu Benz zu „theoretischer Erkenntnis“ durchaus fähig, hätte hier nicht erst bei der kindischen Küchenpsychologie seines Kollegen eingehakt, sondern schon bei dem zeitgemäß enthemmten Gebrauch des Begriffs „Faschismus“. Er empfinde es als einen Skandal, so Mann 1989 im Gespräch mit Gero von Boehm, dass seine Vaterstadt München (wie viele andere westdeutsche Städte, von denen in der DDR zu schweigen) verschandelt werde durch ein Denkmal für die „Opfer des Faschismus“.

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Eine peinlichere Verharmlosung des Nationalsozialismus sei nicht denkbar. Denn staatlich organisiert gab es den Faschismus zwischen 1922 und 1943 nur im Italien Benito Mussolinis. Und der Duce habe, aber gesichert sei nicht einmal das, nur einen einzigen politischen Gegner ermorden lassen (Giacomo Matteotti, 1924) und 1938 recht halbherzig Rassengesetze erlassen, denen bis zu seinem Sturz im Juli 1943 kein italienischer Jude zum Opfer gefallen sei. Adolf Hitler hingegen richtete allein 1934 beim Röhm-Massaker mindestens 90 seiner Opponenten hin.

Schon dieses Verbrechen ziehe zwischen Faschismus und NS-Diktatur einen tiefen Graben, der dann angesichts des singulären deutschen Völkermords an den Juden Europas schier ozeanisch ausdehne. Wolfgang Benz, der sich als führender Antisemitismus-Forscher geriert, sei dieses bei YouTube abrufbare Interview empfohlen. Sollte doch auch für ihn im hohen Alter gelten: „Man lernt nie aus“.

„Antifaschist“ in Stalins Sinne kämpft gegen Demokratie und Kapitalismus

Zumal Golo Mann dort einen Hinweis auf die von Benz adaptierte uferlose stalinistische Ausweitung des Faschismus-Begriffs gibt. Zuerst 1924, dann von 1928 bis 1935, waren für die von Josef Stalin gelenkte Kommunistische Internationale und deren KPD-Marionetten jeder „Faschist“, der das kapitalistische System bewahren wollte. Einerlei ob in Gestalt der bürgerlichen Demokratie, die die „Sozialfaschisten“ der SPD stützten, oder in Form der „offen terroristischen, aggressivsten, reaktionären und am meisten imperialistischen Kräfte des Finanzkapitals“, dem die Diktatur der „Hitlerfaschisten“ diente.

Als einzig patentierte „Antifaschisten“ blieben nach der Definition des Massenmörders Stalin also nur jene übrig, die mit der Demokratie auch den Kapitalismus abschaffen wollten. Es bedurfte erst der „Entstalinisierung“, bevor selbst die offiziöse, vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED herausgegebene „Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ (1966) eingestand, zumindest die fatale „Sozialfaschismustheorie“ wider die SPD habe sich „verhängnisvoll“ ausgewirkt und Weimars Ende beschleunigt.

Zu weiteren Korrekturen an der Wunderwaffe Faschismus-Keule, die es erlaubt hätten, die bürgerliche Demokratie nicht als eine der Herrschaftsformen des „Monopolkapitalismus“ zu denunzieren, war man allerdings nicht bereit. Es war eben nicht alles schlecht in der DDR, wird sich Professor Benz gesagt haben.

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Aus der JF-Ausgabe 37/26.

SA-Männer marschieren am 30 Januar 1933 durch das Brandenburger Tor: Historiker warnen mit solchen Analogien vor der AfD. Foto: picture-alliance / akg-images | akg-images
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