Das Kind, das Sophie Dorothea am schicksalsträchtigen 18. Januar 1726 ihrem Gatten, Preußens König Friedrich Wilhelm I., schenkte, war der dritte seiner vier Söhne, die das Erwachsenenalter erreichten, und wurde auf den Namen Friedrich Heinrich Ludwig getauft.
Über die Zukunft seiner männlichen Abkömmlinge hatte der „Soldatenkönig“ ganz konkrete Vorstellungen. Fürsten waren zur Arbeit geboren, und in Preußen war ein wesentlicher Teil ihrer Arbeit die militärische. Deshalb mussten die Prinzen in erster Linie Soldaten sein. Im Mai 1738 wurde Heinrich zum Fähnrich, sieben Monate später zum Leutnant im Leib-Bataillon-Grenadiere, besser bekannt als die „Langen Kerls“, ernannt. Nach der 1740 erfolgten Thronbesteigung Friedrichs II. begann für Heinrich eine zweite Erziehung, erwies sich doch das neue Staats- und Familienoberhaupt in seinen Anforderungen an die Mitglieder des königlichen Hauses kaum weniger anspruchsvoll als das alte.
Die Stellung der „Prinzen von Geblüt“ am Berliner Hof war in der Tat problematisch. Der König legte zwar großen Wert darauf, dass seinen Geschwistern die ihnen gebührenden Ehren entgegengebracht wurden, achtete aber darauf, dass diese Wertschätzungen nur symbolischer Natur blieben und damit ohne politische Einflussmöglichkeiten. Derart auf sich selbst zurückgeworfen, mit Schlössern, einer angemessenen Entourage und einem Überfluss an Zeit, hatten die drei jüngeren Brüder des Königs, einander sehr zugetan, eine enge Gemeinschaft geschlossen, aus der sie Friedrich fernhielten, wie dieser sie gänzlich aus seinem Leben fernhielt.
Heinrich war wieder in Bedeutungslosigkeit angekommen
1740 wurde Heinrich zum Chef des Füsilier-Regiments Nr. 35 ernannt. Obwohl eine solche Funktion für einen Knaben von vierzehn Jahren nur den Charakter einer äußeren Ehre haben konnte, erwartete der König einen untadeligen Dienst. Während des Zweiten Schlesischen Krieges gelang es Heinrich zunächst als Adjutant Friedrichs und später als Führer einer Infanteriebrigade erstmals sein taktisches Geschick unter Beweis zu stellen. In jener Zeit brauchten sich die preußischen Prinzen ihre Beförderungen nicht zu verdienen; sie mussten sie nur rechtfertigen.
Nach Beendigung des Feldzuges wurde Heinrich bewusst, dass er in die Bedeutungslosigkeit zurückversetzt worden war. In einer solchen Atmosphäre konnte sich der vielseitig begabte Prinz nicht glücklich fühlen. Warum sollte er sich mit Fragen der Politik abgeben? Er würde nie regieren, und die Denkschriften, die er verfasste und unerbetenen Rat anboten, würden nur von Menschen gelesen, deren Meinungen so unwichtig waren wie die seinen. Warum sollte er sich als Offizier weiterbilden? Wenn es wieder zu einem Krieg käme, würde der König wie immer persönlich den Oberbefehl übernehmen und er gehorchen müssen.
Erschwerend kam hinzu, dass Heinrich in dieser Phase seine Dienstpflichten als Regimentschef vernachlässigt hatte und ein Oberst mit der Führung seines Verbandes beauftragt werden musste. Mit eisigen Worten wurde der Prinz vom König darüber unterrichtet. „Monsieur! Ich habe es für richtig befunden, die Manneszucht in Ihrem Regiment wiederherzustellen, das vor dem Zerfall stand. Ich habe mich Ihnen gegenüber für meine Handlungen nicht zu verantworten. (…) Sie müssen manches in Ihrem Benehmen ändern, doch darüber werde ich mich zu anderer Zeit auslassen. Mehr habe ich im Augenblick nicht zu sagen.“
Neuer Krieg bot erneut Möglichkeit zur Bewährung
Eine solche Behandlung, so sehr sie auch gerechtfertigt sein mochte, war für Heinrich beschämend wie ehrenrührig. Ehrgeizig genug, um tatendurstig zu sein, zu labil, um gegen seine Stimmungen anzukämpfen, und nicht Realist genug, um das Beste aus seiner Stellung zu machen, die er kraft Geburt innehatte, kurzum, Prinz Heinrich von Preußen war im Hochsommer des Jahres 1756 auf dem besten Weg, eine zerrissene Persönlichkeit zu werden.
Heute vor 292 Jahren wurde Prinz Heinrich von Preußen in Berlin geboren. Die Geschichte des jüngeren Bruders Friedrichs II. ist eng mit dem Schloss Rheinsberg verbunden. #berlinfakt pic.twitter.com/9SpTgP1Qpn
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Doch bevor es zu einer persönlichen Krise mit psychosozialen Schädigungen kommen konnte, zog ein neuer bewaffneter Konflikt herauf. Hatte sich Heinrichs militärische Begabung schon im Österreichischen Erbfolgekrieg gezeigt, so wiederum 1757 in der Schlacht von Prag, wo er als General „Wunder an Tapferkeit“ vollbrachte und erfolgreich den Rückzug leitete. Ab 1758 befehligte er die preußischen Truppen vor allem in Sachsen. Dort stand er zumeist zahlenmäßig überlegenen Gegnern gegenüber, verstand es aber, diesen Nachteil durch Schnelligkeit, geschickte Verschleierung seiner Bewegungen und unangreifbare Stellungen auszugleichen.
Der Methodiker Heinrich war ein Anhänger lehrbuchartiger operativer Verfahrensweisen, wobei er dem Wohlergehen und der Versorgung seiner Soldaten sowie der Schonung Sachsens größeres Augenmerk zukommen ließ als sein königlicher Bruder. „Wenn wir das Land in eine Wüste verwandeln, dann kann hier keiner mehr leben, weder die Sachsen noch die preußischen Armeen. Du magst bereit sein, die Bauern in den Ruinen ihrer Hütten verhungern zu lassen, aber du musst deinen Soldaten auch Essen geben; und wenn sie hier nichts am Leben lassen, dann musst du sie hinterher aus deinem eigenen Topf füttern. Wir brauchen keinen Rat von dir, wie man Saft aus einer verkümmerten Rübe pressen kann, die wieder und wieder ausgequetscht worden ist. Schicke uns etwas, was wir essen können.“
Pflichtgefühl hielt Heinrich in Preußens Diensten
Heinrichs überlegene defensive Kampfführung war letztendlich ebenso gefürchtet wie die kühnen, überraschenden Bewegungen seines königlichen Bruders. Der Prinz errang schließlich den letzten entscheidenden Sieg bei Freiberg im Oktober 1762 und konnte damit den seit 1756 andauernden Krieg, der Preußen mehrmals an den Rand des Abgrunds und völligen Untergangs gebracht hatte, beenden.

Obwohl sich Heinrich während dieser Auseinandersetzung zu einem kongenialen Waffengefährten seines Bruders entwickelte, sollte eine Begebenheit sein persönliches Verhältnis zu Friedrich auf immer zerstören: die Suspendierung des gemeinsamen Bruders August Wilhelm. Heinrich kam niemals über die demütigende Entlassung nach dessen militärischem Versagen hinweg. Der König hatte sich am 29. Juli 1757 in Bautzen geweigert, die Meldung des Prinzen entgegenzunehmen, vielmehr wortlos sein Pferd umgewandt und August Wilhelm stehengelassen. Danach ließ er ihm vor seinem Stab durch einen Adjutanten ausrichten, dass er es als General verdiene, den Kopf zu verlieren, als Bruder des Königs aber mit der Enthebung vom Kommando davonkomme.
Schon während der Rückzugsbewegungen August Wilhelms hatte ihm der König am 19. Juli 1757 geschrieben, er werde „stets nur ein kläglicher Heerführer sein“. Doch diese Feststellung schien Friedrich nicht ausreichend genug und er fügte deshalb noch hinzu: „Kommandieren Sie einen Harem, wohlan; aber solange ich lebe, vertraue ich Ihnen keine zehn Mann mehr an.“ Am 12. Juni 1758 erlag August Wilhelm einem Gehirntumor. Prinz Heinrich hingegen war davon überzeugt, dass sein Bruder, einst der Lieblingssohn ihres Vaters, durch den eifersüchtigen König verfolgt und in den Tod getrieben worden sei.
Selbst auf die Gefahr hin, als Hasenfuß oder Pessimist bezeichnet zu werden, wurde es Heinrich zur Gewohnheit, schon im voraus auf die Schwierigkeiten einer Operation hinzuweisen und sich im Falle eines Scheiterns um das Versprechen der Straffreiheit zu bemühen. Furcht, Eigeninteresse, Ehrgeiz und Pflichtgefühl ließen ihn aber Preußen und seinem König weiterhin die Treue halten.
Er war nur der „Bruder Friedrichs des Großen“
Trotzdem konnten weder die Zeit noch eine aus gemeinsam bestandenen Gefahren und siegreich gemeisterten Operationen geborene Kameradschaft ihm die öffentliche Entehrung seines Bruders vergessen machen. Vielmehr wurde er doppelt vorsichtiger, aber auch widerspruchsbereiter und streitsüchtiger. Die diesbezüglichen Appelle des Königs verhallten ungehört: „Mein lieber Bruder! Wir haben zu viele äußere Feinde, als dass wir uns in der Familie in Stücke reißen müssten. Ich hoffe, Sie werden meinen Gefühlen so viel Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass Sie mich nicht als einen unnatürlichen Bruder oder Verwandten betrachten. Im Augenblick ist unsere Aufgabe, mein lieber Bruder, den Staat zu retten und jedes nur erdenkliche Mittel auszunutzen, mit dem wir uns gegen unsere Feinde verteidigen können.“
Heinrichs Groll gegen Friedrich steigerte sich hingegen ins Groteske. 1791, fünf Jahre nach dem Tod des Königs, ließ Prinz Heinrich in seiner Residenz Rheinsberg einen Obelisken zu Ehren der Helden der drei Schlesischen Kriege errichten, auf dem der Name seines ältesten Bruders und Königs fehlte. Vielmehr nahmen den Ehrenplatz Name und Porträtmedaillon des Prinzen August Wilhelm ein.
Epilog: Prinz Heinrich starb am 3. August 1802 in Rheinsberg. Es war Heinrichs besondere Tragik, dass er, selbst vielseitig hochbegabt, einem König dienen musste, dessen Genie er nicht anzuerkennen vermochte. Er war und blieb stets der Zweite und war sich darüber bewusst, von Zeitgenossen auch als solcher betrachtet zu werden. So ging er in die Geschichtsbücher nur als der „Bruder Friedrichs des Großen“ ein.





