STUTTGART. Mercedes-Benz hat seinen deutschen Beschäftigten einen drastischen Kostenvergleich präsentiert. Im ungarischen Kecskemét produziert der Autobauer nach eigenen Angaben rund 70 Prozent günstiger als in Deutschland. Sollte sich daran nichts ändern, will der Konzern ein deutsches Montagewerk und ein Werk für Antriebe und Komponenten schließen.
Produktionsvorstand Michael Schiebe sprach die Warnung am Montag auf einer Betriebsversammlung im Stammwerk Sindelfingen aus.
Zwar bleibe der Erhalt aller deutschen Standorte das erklärte Ziel. Dafür müssten sich Unternehmensführung und Arbeitnehmer jedoch auf spürbare Kostensenkungen verständigen. „Gelingt uns dies nicht“, seien zwei Werksschließungen unvermeidlich, sagte Schiebe. Welche Standorte betroffen sein könnten, ließ Mercedes offen. Autos werden in Deutschland in Sindelfingen, Rastatt und Bremen montiert. Werke für Motoren, Antriebe und weitere Komponenten betreibt der Konzern unter anderem in Untertürkheim, Affalterbach, Berlin, Hamburg, Kamenz, Kölleda und Arnstadt.
Mercedes fordert längere Arbeitszeiten
Das Management begründet den enormen Abstand zu Ungarn mit höheren Löhnen, kürzeren Arbeitszeiten und mehr Krankheitstagen in Deutschland. Gleichzeitig baut Mercedes den Standort Kecskemét zum größten Produktionswerk des Konzerns in Europa aus. Die Schließungsdrohung verschärft damit den Verdacht, dass künftig weitere Kapazitäten von Deutschland nach Osteuropa wandern könnten.
Nach Informationen des Handelsblatts will Mercedes die Wochenarbeitszeit von derzeit 35 auf 38 Stunden anheben, ohne die Gehälter entsprechend zu erhöhen. Der Vorstand hatte bereits im Juni eine „Produktivitätsoffensive für Deutschland“ angekündigt. Das schwache Geschäft in China, höhere US-Zölle und die Konkurrenz billigerer chinesischer Hersteller setzen dem Konzern zusätzlich zu.

IG Metall will 35-Stunden-Woche behalten
Die IG Metall weist die Forderungen zurück. Die 35-Stunden-Woche ist im Flächentarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie verankert und gilt der Gewerkschaft als eine ihrer wichtigsten Errungenschaften. Den Kostendruck will sie nicht mit längeren Arbeitszeiten, sondern mit neuen Produkten und politischem Schutz vor chinesischer Billigkonkurrenz beantworten.
Am Montag demonstrierten nach Angaben der Gewerkschaft rund 20.000 Mercedes-Beschäftigte in Sindelfingen gegen Stellenabbau und Einschnitte. Während die IG Metall die 35-Stunden-Woche verteidigt, stellt die Konzernführung nun erstmals offen die Zukunft ganzer deutscher Werke infrage. (rr)





