Joachim Kuhs

 

Von der Bildfläche verschwunden

Wie schnell doch ein „Fall“ in den Medien als ausdiskutiert und „erledigt“ gelten kann. Da wird die bekannte Fernsehmoderatorin Eva Herman wegen einer „umstrittenen“ Äußerung auf einer Pressekonferenz zur Vorstellung ihres neuen Buches „Das Prinzip Arche Noah“ über Nacht vom NDR entlassen, ist dies Top-Thema auf den Medienseiten der Republik – und dann? Keine der zahllosen Talkshows, die sonst jeden Schauspieler, der irgendein Kochbuch geschrieben hat, dutzendfach durchreichen, wagt es nun, diese Frau einzuladen. Im Gegenteil. Dauertalker Johannes B. Kerner lud Eva Herman sogar feige aus, nachdem die Aufregung um ihre angeblich untragbaren Äußerungen auf der Pressekonferenz laut wurde. Das nennt man heute „Zivilcourage“. Jedem Islam-Konvertiten und Terrorverdächtigen werden Live-Schaltungen in Nachrichtensendungen geboten, eine Autorin, die aktuelle Familienpolitik von konservativer Seite kritisiert, wird jedoch zur Unberührbaren erklärt. Ekelerregend, wie der NDR Hermans Namen eilfertig austilgt, wie der einfühlsame Kollege Reinhold Beckmann sofort die Lücke füllt und an Stelle der Unaussprechlichen die in „Talk mit Tietjen“ umbenannte Freitagabendplauderrunde moderiert. Kein Wort fiel über den Grund des Verschwindens von Herman. Alle Talkgäste spielten diese Schmierenkomödie mit. Gespenstisch erinnert das ganze an den „Fall Hohmann“, als der konservative CDU-Abgeordnete 2003 wegen einer „umstrittenen“ Rede zur Persona non grata wurde und nur noch über ihn und nicht mehr mit ihm gesprochen wurde. Hier nebenbei der in voller Länge nur im Internet publizierte Originalwortlaut des „anstößigen“ Herman-Zitats aus der Pressekonferenz: „Wir müssen den Familien Entlastung und nicht Belastung zumuten und müssen auch ’ne Gerechtigkeit schaffen zwischen Kinderlosen und kinderreichen Familien. Und wir müssen vor allem das Bild der Mutter in Deutschland auch wieder wertschätzen lernen, das leider ja mit dem Nationalsozialismus und der darauf folgenden 68er-Bewegung abgeschafft wurde. Mit den 68ern wurde damals praktisch alles das alles, was wir an Werten hatten, es war ’ne grausame Zeit, das war ein völlig durchgeknallter, hochgefährlicher Politiker, der das deutsche Volk ins Verderben geführt hat, das wissen wir alle, aber es ist damals eben auch das, was gut war, und das sind Werte, das sind Kinder, das sind Mütter, das sind Familien, das ist Zusammenhalt – das wurde abgeschafft. Es durfte nichts mehr stehenbleiben.“ Viele Bürger sind empört, daß dieser Frau keine Gerechtigkeit widerfährt und sind entsetzt, wie die Medien mit ihr verfahren. Die FAZ bekennt: „Zu kaum einer Geschichte haben wir derart viel Leserpost bekommen wie zu Eva Herman.“ Um dann aber ohne Anflug von Selbstkritik zu höhnen: „Und viele denken tatsächlich, daß Eva Herman nichts Falsches gesagt hat oder nur falsch verstanden wurde. Wenn sie es richtig und geschickt anstellt, wird sie sich mit einigem Abstand vielleicht als Opfer einer Medien-Verschwörung hinstellen können, auch wenn sie niemand gezwungen hat, beim Thema Familie derart unsäglich von der Zeit des Nationalsozialismus zu faseln.“ Es ist keine Verschwörung, es ist vielmehr ein kollektives Versagen der „kritischen Öffentlichkeit“.

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