HAMBURG. Altbundespräsident Christian Wulff (CDU) hat Kritikern Deutschlands vorgeworfen, die Stärken des Landes kleinzureden. Selbst „die größten Lästerer und Moserer“ kämen aus dem Ausland zurück, „spätestens wenn sie ein Krankenhaus brauchen“. Dann wüssten sie offenbar doch, „Deutschland ist besser, als sie ständig rumlästern“, sagte Wulff der Redaktion von Big Bang Unternehmer.
Es sei richtig, über Probleme und Herausforderungen zu sprechen. Dabei werde jedoch zu oft vergessen, welche Möglichkeiten Deutschland und Europa weiterhin böten.
Wulff verwies auf starke Forschungseinrichtungen, innovative Start-ups, eine leistungsfähige Industrie und rund 1.600 sogenannte Hidden Champions. Europa könne weiterhin die „klügsten Köpfe der Welt“ anziehen. Er wolle deshalb weder „Weltuntergangsstimmung“ verbreiten noch einen „Untergang des Abendlandes“ erkennen.
Europa soll bei KI schneller werden
Besondere Chancen sieht der frühere Bundespräsident in der Künstlichen Intelligenz. Sie könne dabei helfen, Krankheiten besser zu behandeln, die Produktivität zu erhöhen und Folgen des demografischen Wandels abzufedern.
Dafür müsse Europa allerdings schneller werden. Wulff nannte den Ausbau von Rechenzentren, einen stärkeren Einsatz von KI in Unternehmen und die Qualifizierung von Beschäftigten. Entscheidend sei, die technologische Entwicklung nicht nur als Gefahr zu betrachten, sondern ihre Möglichkeiten zu nutzen.
Gleichzeitig sieht der CDU-Politiker erhebliche Risiken. Er warnte vor einem Zusammenspiel aus sozialen Medien, Falschmeldungen, künstlich erzeugten Bildern und Videos sowie autoritären politischen Kräften. KI könne Aufnahmen hervorbringen, „die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben“.
Wulff erinnert an die NS-Zeit
Dabei zog Wulff eine Parallele zur deutschen Geschichte. Noch 2012 habe er in der Wannsee-Villa gesagt, je länger die Zeit des Nationalsozialismus zurückliege, desto schwieriger werde es, nachzuvollziehen, wie es dazu habe kommen können.
Heute könne er sich wieder besser vorstellen, „wie manipulierbar Massen und Menschen sind“, bestimmten Dingen nachzulaufen und sich für Bewegungen begeistern zu lassen. Das Zusammenspiel der neuen technischen Möglichkeiten mit politischen Entwicklungen bezeichnete Wulff als „dramatische Melange“.
Jeder Einzelne müsse deshalb entscheiden, ob er Manipulation zulasse oder ihr entgegentrete und ob er „Recht, Pluralität, Gleichheit, Freiheit unserer Art zu leben“ verteidige.

Wulff widerspricht Elon Musk
In diesem Zusammenhang wandte sich der frühere Bundespräsident auch gegen Elon Musk. Der Unternehmer hatte Empathie als eine grundlegende Schwäche der westlichen Zivilisation bezeichnet. Wulff widersprach dieser Sicht.
Europa lebe seit Jahrzehnten in Frieden und Freiheit, argumentierte er. Das habe auch damit zu tun, dass die europäischen Staaten gelernt hätten, neben den eigenen Interessen jene ihrer Nachbarn zu berücksichtigen. Empathie und Menschlichkeit seien aus seiner Sicht deshalb keine Schwäche.
Trotz seiner Warnungen blickt Wulff optimistisch auf die weitere Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Ob sie Demokratie und Gesellschaft stärke oder schwäche, sei nicht vorgegeben: „Das liegt am Ende wesentlich in unseren Händen.“ (rr)





