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Altersvorsorge: Wie Versorgungswerke Milliarden an Rentengeldern verzocken

Altersvorsorge: Wie Versorgungswerke Milliarden an Rentengeldern verzocken

Altersvorsorge: Wie Versorgungswerke Milliarden an Rentengeldern verzocken

Das Bild zeigt einen Flaschensammler in Köln, der im Rentenalter ist. Es ist ein Symbolbild für einen journalistischen Text über das Renteneintrittsalter, das Rentenniveau und Beamtenpensionen.
Das Bild zeigt einen Flaschensammler in Köln, der im Rentenalter ist. Es ist ein Symbolbild für einen journalistischen Text über das Renteneintrittsalter, das Rentenniveau und Beamtenpensionen.
Ein Flaschensammler im Rentenalter: Milliarden an Rentengeldern werden an den Märkten verzockt. Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopress
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Wie Versorgungswerke Milliarden an Rentengeldern verzocken

Luxushotels, US-Wolkenkratzer und eine Garnelenfarm: Mehrere berufsständische Versorgungswerke haben sich mit riskanten Anlagen verhoben. In Bayern steht aktuell ein Verlustpotenzial von 853 Millionen Euro im Raum.
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BERLIN. Bei mehreren deutschen Versorgungswerken sind innerhalb weniger Jahre Verluste und drohende Abschreibungen von insgesamt mehr als zwei Milliarden Euro bekannt geworden. Betroffen sind unter anderem Einrichtungen für Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und Rechtsanwälte (die JF berichtete). Die 91 berufsständischen Versorgungswerke sichern mehr als eine Million Angehörige freier Berufe ab.

Sie arbeiten im Unterschied zur gesetzlichen Rentenversicherung überwiegend kapitalgedeckt und legen die Beiträge ihrer Mitglieder am Kapitalmarkt an. Insgesamt verwaltet die Branche schätzungsweise mehr als 300 Milliarden Euro.

Wer einem verkammerten Beruf angehört, ist grundsätzlich dem zuständigen Versorgungswerk zugeordnet. Die Mitglieder können ihren Anbieter nicht frei wählen oder ihm wegen einer schlechten Anlagestrategie einfach kündigen. Umso schwerer wiegen die Verluste, die nach Jahren niedriger Zinsen und riskanter Investments nun sichtbar werden. Der jüngste Fall betrifft die Bayerische Versorgungskammer. Sie verwaltet zwölf Versorgungseinrichtungen mit 2,8 Millionen Versicherten und Kapitalanlagen von rund 120 Milliarden Euro. Etwa 1,6 Milliarden Euro flossen in Fonds mit US-Immobilien, die von der Deutschen Finance und dem Immobilienentwickler Shvo betreut wurden.

853 Millionen Euro Verlustpotenzial in Bayern

Zu den Anlagen gehörten die Transamerica Pyramid in San Francisco sowie Projekte in New York, Los Angeles und Miami. Nach einem Bericht des Focus belief sich das gesamte Verlustpotenzial Ende 2025 auf 853 Millionen Euro. Auf Ebene der Zielfonds waren zu diesem Zeitpunkt bereits Verluste von rund 392 Millionen Euro realisiert worden.

In den Einzelbilanzen der betroffenen Versorgungseinrichtungen musste die Kammer nach eigenen Angaben bislang jedoch keine Abschreibungen oder Rückstellungen vornehmen. Fast 700 Millionen Dollar aus dem Verkauf der Transamerica Pyramid sollen laut Bericht derzeit auf Konten in den Vereinigten Staaten festgehalten werden. Inzwischen streiten die Beteiligten vor einem Gericht im US-Bundesstaat Delaware. Die Deutsche Finance wirft der Versorgungskammer vor, selbst erheblichen Einfluss auf die Auswahl, Finanzierung und Verwaltung der Immobilien genommen zu haben. Die Kammer bezeichnet die Klage als Ablenkungsversuch und weist die Vorwürfe zurück.

Für die Versicherten werde es keine Leistungskürzungen geben, versichert die Kammer. Selbst wenn das gesamte Verlustpotenzial von 853 Millionen Euro ausgeschöpft werde, entspreche dies lediglich rund 0,7 Prozent ihrer Kapitalanlagen. Die Verluste würden durch Erträge aus anderen Anlageklassen ausgeglichen.

Die Transamerica Pyramid in San Francisco: Auch in das Wahrzeichen der US-Metropole investierte die Bayerische Versorgungskammer Rentengelder. Foto: picture alliance / Anadolu | Tayfun Coskun
Die Transamerica Pyramid in San Francisco: Auch in das Wahrzeichen der US-Metropole investierte die Bayerische Versorgungskammer Rentengelder. Foto: picture alliance / Anadolu | Tayfun Coskun

Berliner Zahnärzten drohen massive Einbußen

Weitaus dramatischer ist die Lage beim Versorgungswerk der Zahnärztekammer Berlin. Die Einrichtung betreut rund 11.000 Zahnärzte aus Berlin, Brandenburg und Bremen. Von ihrem früheren Vermögen in Höhe von etwa 2,2 Milliarden Euro ist nach Angaben des Versorgungswerks inzwischen mehr als die Hälfte verloren.

Das Geld floss unter anderem in ein insolventes Versicherungs-Start-up, ein Immobilienfinanzierungsportal, amerikanische Firmen, ein Luxushotel auf Ibiza und eine Garnelenfarm. Fachleute hielten Kürzungen der späteren Renten um 20 bis 30 Prozent für möglich. Das Wirtschaftsmagazin Capital berichtete unter Berufung auf Experten sogar von möglichen Einbußen von bis zu 50 Prozent. Belastbare Zahlen über die Auswirkungen auf laufende Renten und Anwartschaften liegen noch nicht vor. Das Versorgungswerk lässt derzeit unter Beteiligung externer Sachverständiger ein Sanierungskonzept erarbeiten. Anschließend muss die Vertreterversammlung darüber entscheiden.

Parallel hat das Versorgungswerk eine mehr als 2.000 Seiten umfassende Schadensersatzklage gegen zwölf Beklagte eingereicht. Dazu gehören frühere Organmitglieder, das Land Berlin als Aufsichtsbehörde, die Deutsche Apotheker- und Ärztebank sowie der Wirtschaftsprüfer Forvis Mazars. Die erhobenen Vorwürfe sind bislang nicht gerichtlich festgestellt. Nach Medienberichten ermittelt die Generalstaatsanwaltschaft zudem gegen 18 frühere Gremienmitglieder und Führungskräfte. Im Raum stehen unter anderem Vorwürfe der Untreue und Korruption. Bis zu einer möglichen Verurteilung gilt für alle Beschuldigten die Unschuldsvermutung.

Verluste in mehreren Bundesländern

Berlin und Bayern sind keine Einzelfälle. Nach Recherchen der Financial Times haben Versorgungswerke in Hessen, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen innerhalb von vier Jahren Wertberichtigungen und Abschreibungen von mehr als 800 Millionen Euro verbucht.

Bei der Ärzteversorgung Hessen standen laut Handelsblatt zeitweise Verluste von bis zu 300 Millionen Euro aus Immobilienanlagen im Raum. Das Versorgungswerk der Ärztekammer Schleswig-Holstein musste nach eigenen Angaben zwischen 2022 und 2024 rund 64 Millionen Euro auf Immobilienfinanzierungen abschreiben.

Das schleswig-holsteinische Versorgungswerk verweist allerdings darauf, mit derselben Anlageklasse zugleich Erträge von rund 54 Millionen Euro erzielt zu haben. Die Gewinnrücklage sei nicht angetastet worden. Anwartschaften und Renten seien weiterhin vollständig finanziert und zum Jahresbeginn 2026 sogar erhöht worden. Die Ursachen der Probleme ähneln sich. Während der Niedrigzinsphase suchten die Versorgungswerke nach höheren Renditen und investierten verstärkt in Immobilien und Firmenbeteiligungen. Der spätere Zinsanstieg, höhere Baukosten und die Krise bei Büroimmobilien ließen zahlreiche Kalkulationen zusammenbrechen.

Der Marburger Finanzprofessor Oscar Stolper sieht bei solchen Fehlinvestitionen auch die Gefahr der Selbstüberschätzung. Fachliche Kompetenz werde mitunter mit Anlagekompetenz verwechselt. Institutionelle Anleger benötigten deshalb klare Zuständigkeiten, ein unabhängiges Risikocontrolling und eine dokumentierte Gegenposition zu größeren Geschäften, sagte er der Welt.

BaFin ist nicht zuständig

Kontrolliert werden die Versorgungswerke nicht von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht. Zuständig sind Aufsichtsbehörden der einzelnen Bundesländer. Deren Strukturen und Anforderungen unterscheiden sich erheblich. Eine öffentlich zugängliche, bundesweit einheitliche Übersicht über Verluste und Anlagerisiken existiert nicht.

Der Dachverband ABV weist den Eindruck einer allgemeinen Krise zurück. Der Berliner Fall sei eine außergewöhnliche Fehlentwicklung und müsse von der Lage der übrigen 90 Versorgungswerke getrennt betrachtet werden. Die meisten Einrichtungen verfügten über ausreichende Reserven, weshalb einzelne Verluste nicht unmittelbar zu Leistungskürzungen führten. Der Verband verweist zudem auf ein ABV-Prädikat, das Versorgungswerke beantragen können, wenn sie bestimmte Vorgaben zu Anlagestrategie, Risikomanagement und Geschäftsführung erfüllen. Verpflichtend ist dieses Gütesiegel nicht. Eine bundesweit einheitliche staatliche Kontrolle ersetzt es ebenfalls nicht.

Ein Flaschensammler im Rentenalter: Milliarden an Rentengeldern werden an den Märkten verzockt. Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopress
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